Alzheimer: Interview mit Prof. Dal-Bianco

"Was dem Herz gut tut, tut auch dem Hirn gut"

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KONSUMENT 10/2014 veröffentlicht: 25.09.2014

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Frühdiagnosen sind schwierig, die Behandlungsmöglichkeiten beschränkt, der Betreuungsaufwand enorm und Heilung ist derzeit noch nicht in Sicht: Alzheimer ist die häufigste Demenzart. Ungesunder Lebensstil und vor allem die höhere Lebenserwartung tragen dazu bei, dass die Zahl der Betroffenen dramatisch ansteigt. - Hier ein Interview mit dem Alzheimer-Experten Univ.Prof. Dr. Peter Dal-Bianco.

KONSUMENT: Vor kurzem ließ eine Wiener Firma mit der Meldung aufhorchen, per Zufall habe sie eine Substanz entdeckt, mit der sich der Krankheitsverlauf von Alzheimer stabilisieren ließe. Grund zu berechtigter Hoffnung oder nur Marketing-Offensive zur Gewinnung von Investoren?

Alzheimerexperte Univ.Prof.Dr. Peter Dal-Bianco im KONSUMENT-Interview  
Alzheimer-Experte
Univ.Prof. Dr.
Peter Dal-Bianco

Dal-Bianco: Das kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gesagt werden. Ich kann zunächst nur berichten, was ich über die Studie gelesen habe. Die Studienergebnisse selbst sind noch nicht publiziert. Danach war es eine fünfarmige Therapiestudie, mit dem Ziel, auf immuntherapeutischer Basis die Alzheimerprogression zu modifizieren, nämlich durch Entfernung von Beta-Amyloid, jener plaquesbildenden Substanz, die unter anderem für das Krankheitsgeschehen verantwortlich gemacht wird.

Die Studie hatte drei Dosis-Arme und zwei Placebo-Arme, das heißt, drei Mal kam ein Verum, zwei Mal ein Scheinmedikament zum Einsatz. Der klinische Erfolg blieb in den drei Dosis-Armen und in einem der Placebo-Arme aus. In dem anderen Placebo-Arm – mit einer "trüben Lösung" als Scheinmedikament – zeigte sich ein klinischer Effekt. Die Studie umfasste etwa 300 Personen, wobei sich etwa 60 Patienten in dem Arm mit der trüben Lösung befanden.

Nun muss analysiert werden, woraus diese trübe Lösung besteht und eine randomisierte Kontrollierte Studie (RCT) durchgeführt werden. Entweder handelt es sich hier um einen glücklichen Zufallsbefund – was zu hoffen ist - oder um einen Fehler der kleinen Zahl und / oder der kurzen Beobachtungszeit. Natürlich: Vielverheißende Aussagen können bekanntermaßen "Big Player" der Pharmaindustrie und  Shareholder motivieren, weiter zu investieren.

KONSUMENT: Bei 47 Prozent der Behandelten, so heißt es von Seiten des Unternehmens, sei es gelungen, den kognitiven Abbau aufzuhalten – das heißt aber, dass bei immerhin jedem zweiten Versuchsteilnehmer ein Effekt ausblieb. Was soll daran so verheißungsvoll sein?

Dal-Bianco: Diese Quote wäre sehr gut, wenn sie mittels RCT (randomisiert kontrollierte Studie) bewiesen würde. Über den klinischen Erfolg hinaus, meldet die Firma, sei es außerdem zu keiner weiteren Atrophie, also keinem weiteren Gewebsschwund im Hippocampus gekommen, jener Region im Gehirn, die für das primäre Gedächtnis sehr wichtig ist. Das sei strukturtechnisch über MRT (Magnetresonanztomographie) nachgewiesen worden. Wird auch das bestätigt, wäre das absolut sensationell – auch wenn sich dieser Effekt nur bei jeder zweiten Person einstellen würde.

KONSUMENT: Heißt das auch, dass wir per Zufall eher den Geheimnissen des Hirns auf die Spur kommen als durch gezielte Forschung?

Dal-Bianco: Mehr als die Hälfte der innovativen Errungenschaften (nicht nur) in der Medizin beruhen auf Zufall! Aber: Das Zufallsergebnis muss erkannt und richtig gedeutet werden!

KONSUMENT: Alzheimer  ist nicht heilbar. Noch ist kein Mittel gefunden, das den fortschreitenden kognitiven Abbau aufhalten könnte. Welchen Sinn hat dann überhaupt die aufwendige Untersuchung der Gedächtnisfunktionen, die Sie an Ihrer Spezialambulanz anbieten?

Dal-Bianco: Viele denken bei einer Gedächtnisstörung sofort an Alzheimer. Doch die Ursache kann etwa auch in einer Fehlfunktion der Schilddrüse liegen. Es gibt eine Menge an internen, psychiatrischen und neurologischen Erkrankungen, die als Hauptsymptom Gedächtnisbeeinträchtigung haben und nicht alzheimerbedingt sind. Natürlich ist die Alzheimerkrankung eine häufige und damit wichtige Ursache, aber es kommen auch andere Ursachen in Frage, Ursachen, die heilbar oder zumindest behandelbar sind – und in diesem Fall ist die kognitive Beeinträchtigung oft reversibel. Also: Die Abklärung ist wichtig, nicht, um die Diagnose "Alzheimer" schwarz auf weiß zu haben, die im Übrigen  nur zu etwa 90 Prozent sicher ist, sondern auch um alle anderen möglichen Ursachen zu prüfen.

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