Fotografieren: Portrait

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KONSUMENT 11/2011 veröffentlicht: 20.10.2011

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In der Porträtfotografie findet ein intimer Dialog zwischen Fotograf und Modell statt. Das Modell gibt viel von sich preis, im Idealfall sein Innerstes. - Ein gekürzter Vorabdruck aus unserem neuen Buch "Fotografieren statt knipsen".

Wir dürfen annehmen, dass es auch von ­Ihnen, verehrte Leserin, verehrter Leser, unzählige Aufnahmen gibt, gemacht im Urlaub oder bei Familienfeiern. Aber Hand aufs Herz: Mit wie vielen sind Sie wirklich zufrieden? In der Regel werden es gerade einmal zwei, drei Fotos sein.

Exaktes Abbild einer Person

Ginge es in der Porträtfotografie nur um eine möglichst genaue Reproduktion physiognomischer Eigenheiten, sie wäre ein Kinderspiel. Wo der Maler mit Bedacht seinen ­Pinselstrich setzen muss, kann sich der Fotograf getrost – um nicht zu sagen: blind – auf die Automatikfunktionen seiner Kamera verlassen. Von allen visuellen Medien tut sich die Fotografie am leichtesten, ein exaktes Abbild einer Person zu liefern.

Das Wesen des Menschen widergeben

Doch mit einem Abbild ist es eben nicht ­getan. Es geht um mehr. Es geht darum, das Wesen eines Menschen wiederzugeben, seine Seele wie ein offenes Buch vor dem Betrachter auszubreiten. So jedenfalls die klassische Lehrbuchmeinung. Selbst wenn wir die Latte nicht so hoch legen wollen und auch Aufnahmen akzeptieren, die eine Person auf witzige, originelle, überraschende, sympathische – kurzum: interessante Art abbilden, ist die Sache trotzdem noch verdammt schwierig.

Das gequälte Lächeln

Thomas Bernhard hat es einmal schön ausgedrückt. Eine auf ihn gerichtete Kamera komme ihm vor, als würde mit einem Gewehr auf ihn gezielt. Damit spricht der österreichische Autor gewiss den meisten Menschen aus der Seele. Bemerken sie, dass sie im Fokus ­einer Kamera sind, ist es mit ihrer Natürlichkeit schlagartig vorbei. Sie lächeln gequält oder ihr Gesichtsausdruck bekommt etwas Starres. Und plötzlich wissen sie auch nicht mehr, wohin mit ihren Händen.

Wieso dieses Unbehagen?

Wieso dieses Unbehagen? Es mag daher ­rühren, dass wir gewohnt sind, unsere Miene ständig zu ändern, zumindest sind wir dazu in der Lage. Mit einer Aufnahme werden wir auf einen einzigen Ausdruck fest­gelegt, auf dieses eine Bildnis: So bist du! Es dürfte ­gerade dieses ­Fixiertwerden sein, das uns nicht geheuer ist, ja sogar Angst macht.

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