Aufbackware

Glosse von Alois Grasböck

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Konsument 2/2011 veröffentlicht: 24.01.2011

Inhalt

Kleine, gefrorene Teigklumpen werden durch Backautomaten zum Leben erweckt und nennen sich dann "Gebäck". - "Kunde König", ein satirischer Kommentar von Alois Grasböck.

Bild: VKIMan möchte mitleidig die Hände vor dem Gesicht zusammenschlagen, wenn man die Ärmsten liegen sieht. So klein und so erfroren! Ob man die noch ins Leben zurückholen kann? Eine weiß gekleidete Frau, wohl eine Krankenschwester, müht sich mit ihnen ab und schiebt sie schließlich in den Brutkasten. Und was man nicht zu hoffen gewagt hätte, tritt ein: Die armseligen Klümpchen kommen als frisch gebackene Semmeln und Salzstangerl wieder heraus.

Diese Errungenschaft der modernen Technik heißt Backshop und kann von sich behaupten, Brot immer und überall ofenfrisch anbieten zu können. Eine tolle Erfindung, deren Siegeszug nicht mehr aufzuhalten ist.

Alles Gewöhnungssache

Schon wachsen Generationen heran, die gar nicht mehr wissen, wie eine Bäckersemmel aus einer richtigen Bäckerei schmeckt. Hilfreich bei dieser Entwicklung ist, dass sich der Mensch an alles gewöhnen kann. Betrachten wir eine ähnliche Geschichte, nämlich die Geschichte der Pizza. In der Originalfassung ist sie ein wunderbares Gericht, dennoch finden Millionen Esser nichts dabei, wenn sie eine tiefgefrorene Pizza-Karikatur vom Fließband relativ freudlos in sich hineinschaufeln.

Jeder echte Pizzabäcker würde vor Scham im Boden versinken, käme so ein Ding aus seinem Ofen. Nun zurück zum Brot.

Geschmacksfreie Bröselei

Die Ware aus den Backshops kann durchaus in Ordnung sein, doch trifft man zunehmend auf Semmeln oder Mohnflesserl, denen man das Prädikat "Außen hui, innen null" nicht ersparen darf. Einmal bröseln sie geschmacksfrei vor sich hin, ein anderes Mal sind sie auffällig teigig.

Und dann fällt einem ein, dass man vermutlich auf einem aufgebackenen Gefrierklumpen herumkaut. Was tun? Was man als Kunde immer tun sollte, nämlich vergleichen. Wer mit Industriesemmeln um ein paar Cent glücklich ist, soll es sein. Wer mehr will, kann ja einen Bäcker suchen. Am besten einen, der vor Scham im Boden versinken würde, käme so ein geschmacksfreies Bröselding aus seinem Ofen.

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