Brot backen: Unser tägliches Brot ...

... back ich heute

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KONSUMENT 3/2013 veröffentlicht: 21.02.2013

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Der tüchtige Konsument baut sich seine Möbel zusammen, repariert defekte Leitungen, managt seine Geldgeschäfte. Warum sollte er nicht auch sein eigener Bäcker sein? - "Kunde König“, ein satirischer Kommentar von Alois Grasböck.

KONSUMENT-Kolumnist Alois Grasböck 
Alois Grasböck

Das Leben wird immer vernetzter, doch der moderne Mensch ringt um seine Unabhängigkeit. Er arbeitet als Hilfstischler, indem er seine Möbel als Holzpuzzle kauft und selbst zusammenschraubt. Er ist sein eigener Banker, weil er die Geldgeschäfte am Automaten erledigt. Er irrt durch Baumärkte und versucht sich als sein eigener Installateur oder Maurer. Warum sollte er nicht auch sein eigener Bäcker sein?

Reifes Korn wogt im Wind

Das tägliche Brot ist eine ehrwürdige, ja heilige Sache. Es beginnt mit dem Bauern, der prüfend die Erde durch die Finger rieseln lässt und dann die Saat ausbringt. Monate später wogt das reife Korn im Wind, und wenn wir es besonders romantisch anlegen, klappert anschließend die Mühle am rauschenden Bach. Schließlich steht der Bäcker mitten in der Nacht auf und vollendet das duftende Werk.

Romantik hat stark gelitten

Leider hat die Romantik stark gelitten. Die meisten Semmeln, um nur ein Beispiel zu nennen, reisen heute als gefrorene Teigklumpen durchs Land und werden in einem Backshop animiert, so zu tun, als kämen sie aus einer echten Bäckerei.

Bella Napoli, Vino und Amore

So geht es vielen Lebensmitteln. Bei der Pizza denken auch nur mehr die wenigsten an Bella Napoli, Vino und Amore, sondern an das Tiefkühlregal beim Diskonter. So manche Adventstimmung entsteht durch Fertigteig für Vanillekipferl, sie sind also mehr fabrik- als hausgemacht. Das kann man bedauern, aber der Fortschritt lässt sich bekanntlich nicht aufhalten.

"Unser tägliches Brot back‘ ich heute!“

Menschen, die mit einem frohen "Unser tägliches Brot back‘ ich heute!“ in die Küche eilen, sind sicher voll der besten Absichten. Die Werbesprache würde wohl sagen, dass sie das Ursprüngliche suchen und die wesentlichen Dinge des Lebens in die eigenen Hände nehmen wollen. Kann sein, dass das Ergebnis so kläglich ausfällt, dass man es lieber nicht täglich essen will. Es kann aber auch gelingen.

Das Halbfertige vollenden

Wer allerdings ein Halbfertigprodukt vollendet, wird sich schwer tun, das "mein eigenes Brot“ zu nennen. Man sagt ja auch nicht "selbst gekocht“, wenn man eine Packerlsuppe ins Wasser rührt.


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