Die Marille hat es nicht leicht

Made in Sevilla

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Konsument 12/2006 veröffentlicht: 10.11.2006

Inhalt

Kunde König: Marillen aus der Wachau, Konfitüre aus dem Supermarkt, Orangen aus Sevilla - ein satirischer Kommentar von Alois Grasböck.

Wachau: Marillen am Straßenrand

Es ist schwer, über Marillenmarmelade zu schreiben, ohne dass einem dabei der Mund wässrig wird und Erinnerungen aufsteigen: Damals in der Wachau, als die Bauern gerade bei der Ernte waren und die reifen Marillen am Straßenrand verkauften … dieser wunderbare Geschmack! Die Heimfahrt artete in ein Marillenessen am Steuer aus, wobei in regelmäßigen Abständen der Seufzer „Wenn ich nur aufhören könnt’“ zu hören war.

Halbreif vom Baum gerissen

So, bevor der Speichel auf die Tastatur zu tropfen beginnt, muss eine Appetitbremse her. Wir stellen uns zu diesem Zweck eine durchschnittliche Supermarkt-Marille vor. Sie wurde irgendwo im Süden halbreif vom Baum gerissen und erlitt dabei einen Schock, weshalb sie ziemlich blass ist. Außerdem ist ihr auf der langen Reise der Geschmack vergangen. Das arme Ding muss in Zucker ertränkt werden, damit es brauchbar wird, und diesem Produkt geschieht ganz recht, dass es sich nur Konfitüre nennen darf.

Woher kommt die Ware?

Im Kampf um die Sprache sind wir der EU übrigens nichts schuldig geblieben. Für jedes Verbot, „Marmelade“ auf die Gläser zu schreiben, haben wir mit einem herzhaften „Bürokratenschädeln!“ zurückgeschossen.
Was uns die Konfitüre leider schuldig bleibt, ist die Herkunft ihrer Marillen. Das stimmt misstrauisch und erinnert an folgende zufällig erlebte Marmelade-Geschichte:

Sevilla : Orangen am Straßenrand

Besuch in Sevilla. An vielen Straßenrändern stehen Orangenbäume, deren Früchte von Staub und Abgasen fast schwarz sind. Frage: Was geschieht mit diesen Orangen? Antwort: „Die verkaufen wir an die Engländer, für Marmelade, denn die Engländer fressen alles!“
Jahre später in einem österreichischen Supermarkt. Im Regal steht „Sevilla Orange Marmelade“, hergestellt in England. Und zufällig ziemlich dunkel in der Farbe …
Möge so etwas der Marillenmarmelade nie passieren. Sie hat es geschmacklich auch so oft schwer genug.

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