Fleischtiger und Körndlfresser

Lebensmittel als Religion

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KONSUMENT 10/2013 veröffentlicht: 26.09.2013

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Was tun Vegetarier, falls die Wissenschaft eines Tages entdeckt, dass Pflanzen bei der Ernte herzzerreißend um Gnade winseln, wenn auch unhörbar für das menschliche Ohr? - "Kunde König“, ein satirischer Kommentar von Alois Grasböck.

KONSUMENT-Kolumnist Alois Grasböck 
Alois Grasböck

Das ist ein alter Scherz, der jedoch nicht schadet. Der Gedanke, dass auch eine Karotte so etwas wie ein Lebewesen ist, kann den Respekt vor Nahrungsmitteln nur erhöhen. Die soll nicht sterben, um im Kühlschrank zu vergammeln!

Essen als Religion

Jeder lebt auf seine Weise, doch kann der Frömmste nicht in Frieden essen, wenn es dem Tischnachbarn nicht gefällt. Wie überall erblüht dort die Rechthaberei, wo eine Lebensweise religionsähnliche Züge annimmt. Dann lästern Fleischtiger über Körndlfresser, und diese schlagen mit missionarischem Eifer zurück, indem sie Tierquälerei und Umwelt ins Spiel bringen.

Fleisch fürs Hirn

Eine umstrittene Theorie lautet: Ohne Fleischkonsum hätte das menschliche Gehirn niemals so groß werden können. Kann schon sein, aber dafür wäre ein kleineres Gehirn vielleicht nicht auf die Idee gekommen, die Konsumenten mit dubiosem Pferdefleisch  zu betrügen, um nur ein Beispiel zu nennen.

Intelligenz ist, was man daraus macht, und diesbezüglich schaut es insgesamt nicht rosig aus. Wo Überfluss herrscht, wächst heute weniger das Gehirn als der körpereigene Schwimmreifen, und manche scheinen nach dem Motto "Das Fleisch ist billig, doch der Geist ist schwach" einzukaufen. Außerdem beweist die Menge an weggeworfenen Lebensmitteln, dass ein übervoller Bauch nicht klüger macht.

Vegetarier denken viel übers Essen nach

Auch wenn man es ganz neutral sehen will, muss man den Vegetariern zugestehen: Sie denken überdurchschnittlich viel darüber nach, was sie essen und welche Folgen ihre Entscheidung hat (siehe auch Test: Vegetarische Bratwürste 2013-10). Könnten Pflanzen tatsächlich reden, würden sie wahrscheinlich sogar "Bravo!" rufen, weil sie lieber Karriere als Tofu-Bratwurst machen, anstatt in der Massentierhaltung verfüttert zu werden.

Interessant, dass Tofu besonders beliebt ist, wenn es so ähnlich wie Fleisch ausschaut. Liegt es daran, dass das Auge, das bekanntlich mitisst, noch nicht ganz von der fleischlosen Kost überzeugt ist?

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Bild: VKI