Joghurt und Geschmack

Ein Joghurt schämt sich nicht

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KONSUMENT 10/2011 veröffentlicht: 04.10.2011

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Aus Joghurt im Glas wird Aroma im Becher. - "Kunde König", ein satirischer Kommentar von Alois Grasböck.

KONSUMENT-Kolumnist Alois Grasbock (Bild: VKI)
Alois Grasböck

Frühere Kulturen hinterlassen immer Rätsel. So ist bis heute nicht endgültig geklärt, ob das sagenhafte Atlantis tatsächlich existiert hat. Kommenden Generationen wird es nicht anders ergehen. Sobald die letzten Zeitzeugen gestorben sind, wird man rätseln: Wie konnte eine Zivilisation ohne Joghurtbecher bestehen?

Schon heute ereignet sich Seltsames. Versuchen wir es mit einem Experiment: Wir stellen Erdbeerjoghurt in der reinsten Form her, indem wir pflückfrische Erdbeeren mit Joghurt mischen. Mit der Möglichkeit, dass Testesser "Das schmeckt aber irgendwie nicht so gut wie das gekaufte" sagen, ist zu rechnen, vor allem, wenn es sich um Kinder handelt. Leute, die Verschwörungstheorien lieben, erklären das gern damit, dass die Industrie außer viel Zucker auch noch süchtig machende Substanzen beimischt. Mangels Beweisen gilt die Unschuldsvermutung.

Woher kommt die Färbung wirklich?

Ebenso unhaltbar ist das Gerücht, so manches Erdbeerjoghurt werde erzeugt, indem man in einem Kessel Joghurt kurz eine Erdbeere bade. Die rötliche Färbung entstehe nur, weil sich das Joghurt für den mickrigen Fruchtanteil schäme. Das ist natürlich Blödsinn, weil der Lactobacillus nicht zum Schämen neigt, außer man preist ihn als Wundermittel gegen Blähbauch an.

Ganzjährige "Pflanzungen"

Eine wahre Wunderfrucht ist hingegen die Erdbeere. Man darf davon ausgehen, dass sie ganzjährig wächst, insbesondere in den Pflanzungen der Werbung, weshalb diese jederzeit "frische Früchte" versprechen kann. Damit sich das Joghurt besser an sie schmiegen kann, zerlegt sich die Erdbeere, wenn‘s erwünscht ist, bereitwillig in Atome.

Für den Fall, dass jemand in 2000 Jahren diesen KONSUMENT-Artikel ausgräbt: Es hat tatsächlich eine Zivilisation ohne Joghurtbecher gegeben, nur standen damals noch keine 50 Sorten in den Regalen. Nach Hause getragen hat man das Joghurt in anderen Behältern, etwa aus Glas. Aber verwechselt das bitte nicht mit den Amphoren, das war eine andere Epoche!

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