Lebensmittel: Geschmacksverstärker und Aromen

Glosse von Alois Grasböck

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Konsument 5/2010 veröffentlicht: 16.04.2010

Inhalt

Echter Geschmack hat heute nicht den selben Wert wie früher. - "Kunde König" - ein satirischer Kommentar zum Thema Geschmacksverstärker von Alois Grasböck.

Einst haben die Alchemisten mit allen Tricks versucht, unedles Metall in Gold zu verwandeln, was ihnen nicht gelungen ist, sonst wäre der Goldpreis seit Jahrhunderten im Keller. Alchemisten gibt es jedoch noch immer, nur zaubern sie heute mit Lebensmitteln.

Bild: VKI

Geschmack durch Zauberei

Betrachten wir zum Beispiel ein gewisses Marillenjoghurt. Und nehmen wir an, dass im finsteren Mittelalter ein Alchemist ungefähr so viel echte Marille dazu gegeben hätte, wie es dem Schwarzen unter seinen Fingernägeln entsprach. In der Hoffnung auf ein Wunder hätte er die Herrschaft kosten lassen, worauf diese gebrüllt hätte: "Elender, das wagt er Marillenjoghurt zu nennen? An den Galgen mit ihm!"Heute funktioniert das problemlos. Grob geschätzt ist durch Zauberei so viel Marillengeschmack entstanden, dass die halbe Erdoberfläche mit Marillenbäumen bepflanzt sein müsste, würde man echte Früchte dafür verwenden. Nun wäre eine globale Wachau durchaus wünschenswert, aber das wird sich nicht rechnen.

Aus Frucht mach Kunstbrei

Manchmal zeigen die Magier ihre Kunst sogar im Fernsehen. Da ist etwa die Werbung mit den Kindern, die Körbe voll frischem Obst in wertvolle Milch leeren. Und simsalabim wird daraus eine süße Masse, in der nicht das winzigste Stückchen Obst zu erkennen ist! Was vermutlich daran liegt, dass sich die festen Bestandteile in fesche Plastikbecher verwandelt haben, über die sich die Kinder gar nicht genug freuen können. Wer das kann, ist nicht auf schnöde Goldmacherei angewiesen, da klingelt die Kasse auch so.

Marille oder Erdbeere: einerlei

Es käme nicht überraschend, wäre man in den Labors der Alchemisten schon beim nächsten Fortschritt. Dann wird es genügen, dass man einem Produkt die Marille oder Erdbeere nur mehr kurz zeigt, und das Zeug weiß, wonach es schmecken soll. Zur Abrundung ruft man ihm die Nummern der Farbstoffe zu, und fertig. Der Galgen ist zum Glück nicht mehr in Gebrauch. Nur die Kundschaft verspürt manchmal ein Würgen.

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