Mineralwasser: Flaschenpost (Kommentar)

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Konsument 8/2009 veröffentlicht: 24.07.2009, aktualisiert: 14.08.2009

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Warum müssen gekaufte Wasserflaschen am Tisch stehen? Damit wir und unsere Gäste das Gefühl haben, etwas Besonderes zu sein. - Ein Kommentar von KONSUMENT-Redakteur Manfred Tacha.

Manfred Tacha (Bild: Wilke)
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Manfred Tacha

Als Kind besuchte ich in den Siebzigerjahren Verwandte in München. Bei fast allen Mahlzeiten standen Orangensaft und Mineralwasser am Tisch. Zu Hause hingegen kam das Wasser, das wir tranken, aus der Leitung. - Das ist lang vorbei. 

Werbeaufwand war enorm

Der Mineralwasserindustrie und dem Handel ist in den letzten 25 Jahren eine wirklich beachtliche Leistung gelungen. Der Werbeaufwand war enorm, aber die Flaschenpost ist angekommen. Wollen wir Konsumenten ein Getränk ohne Zucker und Alkohol, dann muss Mineral- oder Tafelwasser auf den Tisch. MUSS. Mineral- und ähnliche in Flaschen abgefüllte gekaufte Wässer sind fixer Teil heimischer Einkäufe. Und das in einem Land, das so hervorragendes Trinkwasser hat, dass Firmen und Gemeinden darüber nachdenken es zu privatisieren.

Zu Hause noch einmal schleppen

Wir Kunden kommen mit dem Auto, zahlen an der Kassa und wuchten die Sechserpackungen oder Mineralwasser-Kisten in den Kofferraum. Dann Abfahrt und die Schlepperei zu Hause noch einmal. Das ist normal, denn jeder macht das so.

Andererseits: Wir Konsumenten spielen das Spielchen gerne mit. Mineralwasser am Tisch signalisiert gepflegten Lebensstil, gekauftes Wasser ist zum Lifestyle-Produkt geworden. Konsumierst du es, gehörst du zur Gruppe; konsumierst du es nicht, hast du ein Problem.

Machen Sie ein Experiment

Seien Sie mutig und machen Sie ein Experiment: Bieten Sie einem geschätzten, erwachsenen Gast in Ihren vier Wänden ein Glas Leitungswasser an. Seien sie noch mutiger und machen Sie dasselbe Experiment an Ihrem Arbeitsplatz: Bieten Sie einem wichtigen Geschäftspartner Leitungswasser an. Unmöglich. Leitungswasser ginge grade noch für kleine und sehr durstige eigene Kinder. Bei einem Mittelschicht-Kindergeburtstag fiele Leitungswasser bereits unangenehm auf und die Gören würden ihren Eltern abfällig erzählen, dass bei den Gastgebern nur Leitungswasser gäbe ("Die sind arm Papa, gell?"). Zwar ist Leitungswasser gesünder als die süße Limonaden-Plempe, aber es wäre ein Verstoß gegen unsere ungeschriebenen sozialen Regeln: Wasser aus der Leitung ist zu minder; es muss gekauftes Wasser ins Glas.

Je wichtiger die Person, desto teurer das Getränk

Je deutlicher wir dem Gast signalisieren: "Du bist wichtig", desto teurer muss das Wässerchen sein. Also importiert der Handel für unser Bedürfnis nach Anerkennung in Flaschen abgefülltes Wasser aus der Schweiz, aus Deutschland, Italien und Frankreich. Billig- und Edel-H2O kommen mit Lkws, Lkws, die die die Autobahnen verstopfen und die Luft verschmutzen. Und wir Konsumenten karren Flaschen – Plastik oder Glas – mit unserem Pkw nach Hause und verreißen uns beim Ausladen das Kreuz. Weil wir es uns wert sind.

Sodawasser selbst gezischt

Was halten Sie vom neuen Bewirtungscode: Mineralwasser schleppen ist primitiv und out. Zeichen echter Wertschätzung hingegen ist ein schöner gläserner Krug kalten Leitungswassers mit Eiswürfeln, Pfefferminzblättern und Zitronenscheibe oder Sodawasser, selbst gezischt.

Manfred Tacha
Redaktion Konsument


Zum Weiterlesen:
Helene Karmasin: Die geheime Botschaft unserer Speisen (Lübbe 2001)
Rolf Schwendter: Arme essen, Reiche speisen. Neuere Sozialgeschichte der zentraleuropäischen Gastronomie (Promedia 1995)
Lebensmittel: Testsieger aus dem Hahn (Spiegel 39/2014)

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