Kartelle: Preisabsprachen

Räuber und Gendarm

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KONSUMENT 4/2015 veröffentlicht: 26.03.2015, aktualisiert: 19.08.2016

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Kartelle: Unternehmen sprechen höhere Preise ab und der Kunde zahlt. Zwar erkämpft die Wettbewerbsbehörde mehr Strafen, der kleine Konsument schaut aber trotzdem durch die Finger.

Unternehmen sprechen höhere Preise ab und der Kunde zahlt - ein KONSUMENT-Report über Kartelle (Illustration: Rosch)

Das Pharmaunternehmen Johnson & Johnson (J & J) hatte 2005 mit dem Konkurrenten Sandoz (Novartis) in Holland einen Deal vereinbart. Es ging um das Schmerzmittel Fentanyl, das vor allem bei Krebspatienten zum Einsatz kommt. Gegen eine Entschädigung sollte Sandoz seine neue, billigere Version des Mittels (Generikum) nicht auf den Markt bringen ("pay for delay“). J & J konnte dadurch 17 Monate länger sein teureres Originalmedikament verkaufen. Den Schaden zahlten die holländischen Beitrags- und Steuerzahler. Die EU-Kommission verhängte 2013 über beide Unternehmen eine  von insgesamt 16 Millionen Euro. Zum Vergleich: J & J hatte 2014 einen Gesamtkonzernumsatz von 65 Milliarden Euro.

Preisabsprachen: Konkurrenz abhalten

Kunden durch Preisabsprachen zu viel Geld abzunötigen ist das eine, Konkurrenz, die billiger und besser ist, zu behindern, etwas anderes. In Österreich leuchtet die Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) laufend in die dunklen Winkel von Preisabsprachen und anderen Wettbewerbsverzerrungen. Die Kartellwächter fanden unter anderem: ein Bierkartell, ein Dämmstoffkartell, ein Speditionskartell, sie fanden Molkereien und Zahlungsdienstleister, die gesetzwidrig handelten. Beim Bier: Zwettler, Stiegl, Hirter, Ottakringer, Brau Union (mit den Marken Zipfer, Puntigamer, Gösser, …); bei den Dämmstoffen Bauhaus, Obi, Hornbach, Swisspor, Steinbacher, Austrotherm; bei den Speditionen Rail Cargo (ÖBB), DHL Express, Kühne + Nagel, Gebrüder Weiss; bei den Molkereien NÖM, Kärntnermilch und Berglandmilch, bei Getränken Rauch . 2007 schaffte es auch Europay, jetzt PayLife, auf die Liste der Wettbewerbssünder. - Lesen Sie auch Bundeswettbewerbsbehörde: Geldbussen Tabelle 2002 - 2015

20 Prozent teurer

Natalie Harsdorf von der BWB schätzt, dass nur 15 bis 30 Prozent der Kartelle weltweit auffliegen. Eine Untersuchung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung zeigt, dass der durchschnittliche Kartellaufschlag um die 20 Prozent des Verkaufspreises beträgt. Aber Theodor Taurer , Referent der Wirtschaftskammer für Kartellrecht und Wettbewerbspolitik und Laienrichter am Kartellgericht, meint: „Es kann durch ein Kartell auch gar kein Schaden entstehen.“

Auch große Kunden geschädigt

Wenn also ein Schaden aus überhöhten Kartellpreisen entsteht, dann trugen und tragen ihn die Kunden. An der Billa-Kasse z.B. waren es einfache Konsumenten. Beim Dämmstoffkartell zahlten Mieter, Immobilieneigentümer, Genossenschaften und Steuerzahler. Beim Aufzugskartell traf es viele große Unternehmen - z.B. die Wiener Linien mit einer "zweistelligen Millionensumme“. 2007 hatte das Kartellgericht die Aufzugs- und Rolltreppenhersteller zu 75 Millionen Euro Strafzahlung verurteilt. Zum Vergleich: Das Jahresbudget des VKI beträgt zehn Millionen Euro.

EU-Beitritt ohne starke Wettbewerbsbehörde

Bei der Kartellbekämpfung hinkt Österreich hinterher. Das hat auch historisch-politische Gründe. Denn Österreich durfte noch ohne starke Wettbewerbsbehörde in die EU. Für nachfolgende osteuropäische Staaten war sie Beitrittsbedingung.

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Kommentare

  • Bundeswettbewerbsbehörde informieren
    von REDAKTION am 09.04.2015 um 15:20

    Preisabsprachen: Wenn Ihnen Verstöße gegen das Kartell- oder Marktmissbrauchsverbot bekannt sind, können Sie eine Beschwerde direkt bei der Bundeswettbewerbsbehörde einbringen. Mehr finden Sie unter http://www.bwb.gv.at/KartelleUndMarkmachtmissbrauch/Seiten/default.aspx#Beschwerde

    Ihr KONSUMENT-Team

  • Wo kann ich den Verdacht auf Preisabsprachen melden?
    von hwy2001 am 26.03.2015 um 23:37
    Jeder konnte sehen, dass Badezimmer-Armaturen völlig überteuert waren. Schließlich wurden etliche Firmen wegen Absprachen verurteilt. Dasselbe gilt m. E. für Hersteller von Rolläden. Wo kann ich einen solchen Verdacht melden?
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