Lebensversicherung

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veröffentlicht: 31.08.2010

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Heftige Branchenkritik an unserer Erhebung - Konsument-Experte Walter Hager nimmt Stellung zu den Vorwürfen.

Walter Hager (Bild: VKI) 
Walter Hager
  VKI-Versicherungs-Experte 

Lebensversicherungen brachten und bringen nur sehr niedrige Renditen, zeigte unsere Analyse unzähliger Verträge. Dies hat die Branche naturgemäß nicht erfreut, der Verband der Versicherungsunternehmen Österreichs hat uns falsche Berechnungsmethoden vorgeworfen. Walter Hager, zuständiger VKI-Projektleiter für Lebensversicherungen, nimmt dazu Stellung

Vorwurf: In den Ertragsprognosen des VKI wurden nicht alle möglichen Erträge berücksichtigt. Die Nettorendite wurde nur für den garantierten Zinssatz berechnet.

Walter Hager: Dieser Vorwurf stimmt so nicht: wir haben auch die Nettorenditen für die prognostizierten Ablaufleistungen errechnet und veröffentlicht. Unter Nettorendite verstehen wir das, was unterm Strich für den Konsumenten übrigbleibt. Also jenen Wert, der alle anfallenden Kosten (egal ob vom Versicherer verursacht oder nicht, zum Beispiel die Versicherungssteuer) berücksichtigt. Nur dieser Wert ist für Konsumenten relevant und auch vergleichbar.

Vorwurf: Die Versicherer geben ohnehin eine Gesamtverzinsung an.

Walter Hager: Das Wort Gesamtverzinsung suggeriert den Konsumenten, dass es sich hierbei um die tatsächliche Verzinsung des einbezahlten Kapitals handelt. Aber so stimmt das nicht. Bei den üblichen kombinierten Er- und Ablebens­versicherungen wandert ein Teil in die Ablebensversicherung, der nicht verzinst wird. Der andere Teil wird in den Sparanteil investiert, allerdings auch nicht zur Gänze, weil hier Kosten (Abschluss-, Verwaltungs- und Stückkosten wie Versicherungssteuer und Risikoprämie) anfallen. Von jedem Euro, der als Prämie einbezahlt wird, werden also nur rund 80 Cent wirklich verzinst. Darauf bezieht sich der Begriff Gesamtverzinsung.

Vorwurf: Die Gesamtverzinsung liegt seit drei Jahrzehnten im Schnitt 3,7% über der Inflationsrate.

Walter Hager: Das bedeutet im Klartext, dass die Nettorendite etwa 1,5 bis 2 % über der Inflationsrate liegt – also keineswegs berauschend ist.

Vorwurf: Die Kosten machen nur 0,6% der Nettorendite aus. Von einer Gesamtverzinsung von 3,5% ergibt sich somit 2,9% Nettorendite.

Walter Hager: Das kann so nicht stimmen, wenn man die Summe der einbezahlten Prämien und die garantierte Versicherungssumme miteinander vergleicht. In unseren anonym eingeholten Angeboten lag die Versicherungs­summe knapp unter beziehungsweise knapp über 24.000 Euro (bei einer Gesamtprämiensumme von 24.000 Euro). Das heißt im Klartext: Vom Garantiezins von 2,25% bleibt netto +/- null über! Daraus lässt sich schließen: Die Kosten machen sich mit mehr als 2% in der Nettorendite bemerkbar. Von einer Gesamtverzinsung von beispielsweise 3,5% bleiben netto nur 1,15% übrig! Der Garantiezinssatz ist derzeit also gleichzusetzen mit einer Kapitalgarantie auf die insgesamt eingezahlten Prämien. Gibt es also, wie das in den letzten Jahren öfters vorgekommen ist, keine oder  eine nur geringe Gewinnbeteiligung, erleidet man einen massiven Kaufkraftverlust!

Vorwurf: Im Durchschnitt der vergangenen 20 Jahre betrug die Nettorendite 5,31%

Walter Hager: Leider gibt der Versicherungsverband keine Quelle für diese Zahl an. Wir haben in den letzten Jahren mehr als 1500 Fälle berechnet und kommen in etwa auf einen Durchschnittswert von 2 bis 2,5 % netto. Nicht einmal langfristige Einmalerlagsvarianten (von denen wir auch sehr viele berechnet haben) erreichten Nettorenditen von über 5%! Zur Klarstellung: Wir verstehen unter Nettorendite jenen Wert, der alle anfallenden Kosten (egal ob vom Versicherer verursacht oder nicht, wie etwa die Versicherungssteuer) berücksichtigt - nur dieser Wert ist für den Konsumenten relevant und auch vergleichbar.

Vorwurf: Der VKI versucht, Lebensversicherungen schlechtzumachen.

Walter Hager: Die Versicherer geben keine Auskunft, wie es um die Reserven in der klassischen Er- und Ablebensversicherung bestellt ist. Bei einem derart geringen Zinsniveau (deutsche 10-Jahres-Bundesanleihen beispielsweise bringen derzeit etwas mehr als 2%) ist zu befürchten, das bei einem Garantiezins von 2,25% die Reserven derzeit und in der Vergangenheit massiv eingesetzt werden beziehungsweise wurden. Die derzeit ausgewiesenen Schlussgewinnanteile lassen hier Schlimmes befürchten. Leider fehlen auch hier relevante Daten – ein weiterer Grund, mehr Transparenz einzufordern. Wir versuchen also nicht, die Lebens­versicherung schlecht zu machen, sondern wir fordern mehr Transparenz und vor allem eine Reduktion der Kosten. Nur dadurch kann die Lebens­versicherung attraktiv werden und als Produkt zur Altersvorsorge empfohlen werden.

Vorwurf: Zum Vertragsende gibt es doch noch Gewinne, die nicht berücksichtigt werden.

Walter Hager: Diese so genannten Schlussgewinnanteile werden stark überschätzt, obwohl sie bei Vertragsabschluss und auch während der Laufzeit immer wieder groß propagiert werden. In der Ertragsrechnung sind sie zu vernachlässigen. Dazu ein Beispiel: eine Gesamteinzahlung von rund 30.000 Euro brachte bei einem 20-Jahres-Vertrag satte 81 Euro an Schlussgewinnanteil.

Vorwurf: Die Lebensversicherung ist laut Versicherungsverband ein zentraler Eckpfeiler der österreichischen Volkswirtschaft. Ein Teil der Lebensversicherungen fließt in österreichische Bundesanleihen. Als größter inländischer Gläubiger hält die Versicherungswirtschaft damit fast ein Drittel der österreichischen Staatsschulden im Inland. Daneben fungieren Lebensversicherungen auch als Konjunkturpaket, jährlich werden 6 Milliarden Euro ausgezahlt und wieder ausgegeben. Das kurbelt die Wirtschaft an.

Walter Hager: Wir meinen: Jedes Investment, nicht nur jenes in Lebensversicherungen, erhöht das Bruttoinlandsprodukt. Volkswirtschaftliche Überlegungen kann man nicht 1:1 auf das individuelle Anlegerverhalten herunterbrechen. Wer sein Geld dem Staat leihen will, kann dies auch tun, indem er es in Bundesschätzen anlegt (www.bundesschatz.at). Und die Wirtschaft kurbeln Konsumenten auch durch ihren privaten Konsum an, also durch den Kauf aller Waren und Dienstleistungen – vom Wurstsemmerl bis zur neuen Küche.

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Bild: VKI