Richter über Anwälte

Interview Barbara Helige

Seite 1 von 1

veröffentlicht: 16.05.2000

Inhalt

Dr. Barbara Helige, Richterin für Ehe- und Familienangelegenheiten am Bezirksgericht Wien-Döbling: „Der Anwalt soll die Prozessaussichten realistisch beurteilen und das dem Mandanten mitteilen. Er darf ihn auch nicht schonen.“

Wer sich mit Anwälten beschäftigt, sollte auch die Richter im Augen behalten. Mit der Präsidentin der Österreichischen Richtervereinigung, Dr. Barbara Helige sprach Dr. Manfred Tacha.

Konsument: Was zeichnet einen guten Anwalt aus?

Helige: „Ein guter Anwalt hat alle Informationen aufgenommen, um die es in diesem Fall geht. Das ist Handwerkszeug aber nicht selbstverständlich und das hat auch nichts damit zu tun, ob der Anwalt prominent ist oder nicht. Kennt er die einschlägigen Urteile? Hat er etwaige kommende Kontras vorbereitet, kennt er die Zeugen, hat er Unterlagen? Alles hier kostet Geld. Eine unnötige Vertagung aufgrund mangelnder Unterlagen kostet Geld. Und natürlich braucht es inhaltlich korrekte Schriftsätze.“

Konsument: Wie soll der Anwalt den Mandanten behandeln?

Helige: „Er soll die Prozessaussichten realistisch beurteilen und das dem Mandanten mitteilen und darf ihn auch nicht schonen.“

Konsument: Hetzen die Anwälte die Mandanten Ihrer Meinung nach oft in aussichtslose Prozesse?

Helige: „Das kann ich so nicht bestätigen. Aber ich weiß natürlich nichts über all jene Fälle, die gar nicht zu Gericht kommen.“

Konsument: Alle raten „Geh zum Spezialisten!“ Sind die wirklich besser?

Helige: „Wissen sie - ein guter Rechtsanwalt sagt rechtzeitig: `Ich bin da kein Spezialist, und um dieses Honorar kann ich auch kein Spezialist werden.´ Ein Beispiel: Das Scheidungsrecht ist einfach, das kann bald einer. Aber die damit verknüpften pensionsrechtlichen Konsequenzen - die sind sehr komplex und die beherrscht nicht jeder. Ein Verkehrsunfall gehört zum täglichen Brot - das kann jeder. Aber Asylfragen, Fremdenrecht wiederum sind sehr speziell.“

Konsument: Haben Sie Beispiele für Fehler von Anwälten?

Helige: „Fehler ... ?! Ein Anwalt bringt die Scheidungsgeschichte seiner Mandantin in die Zeitung. Für sie war das rechtlich verheerend. Denn der Mann konnte zu Recht sagen: Das ist eine Eheverfehlung, wenn sie mich in der Öffentlichkeit schlecht macht.“

Konsument: Man kann sich doch auch direkt am Gericht beraten lassen ...

Helige: „Ja, das ist der Amtstag. - Was nicht geht, ist eine allgemeine Auskunft nach dem Motto: `Mein Nachbar quält mich, was soll ich tun?´ Wenn die Frage lautet: `Mein Nachbar quält mich, ich möchte ihn klagen, was muss ich tun?´, dann geht das schon. Diese Beratung durch das Gericht ist natürlich diffizil, denn es darf nicht Partei sein, hat aber doch den Auftrag, den Schwächeren aufzuklären.

Konsument: Rechtsanwälte sagen, Richter hätten eine gewisse Tendenz zum Vergleich, stimmt das?

Helige: “Na, ja ... in einem Prozess kann man alles gewinnen oder alles verlieren. Bei einem Vergleich dagegen kann man nicht alles gewinnen, aber auch nicht alles verlieren. Meist zahlt jeder seine Kosten selbst, obwohl es da auch unterschiedliche Vereinbarungen gibt und man trifft sich zwischen zwei extremen Standpunkten.“

Konsument: Haben Sie ein paar Tipps für das Verhalten im Gerichtssaal?

Helige: „Ich hätte einen Rat für Streithanseln. Dieses `Es geht ums Prinzip´ ist falsch, grundfalsch. Außerdem kann man auch sichere Prozesse verlieren. Und noch etwas: Keine Verbalattacken gegen den Gegner im Gerichtssaal! Der Prozessgegner sperrt sich und schaltet dann auf stur. - Außerdem kann ich jedem nur empfehlen: Besprechen Sie die Sache vor Ihrer Aussage immer vorher mit Ihrem Anwalt; er weiß, was wichtig ist.“

Konsument: Und Tipps zu den Kosten?

Helige: „Fragen sie den Anwalt am Anfang nach den wahrscheinlichen Kosten. - Ich bin zudem ein Freund des Kostenvorschusses. Da wird dem Mandanten unendlich klar, was das Verfahren kostet und das fördert die Sparsamkeit.“

Konsument: Wie lange dauert ein Prozess im Schnitt?

Helige: „Das lässt sich sehr, sehr schwer sagen. Jeder Prozess ist anders. Ganz stark vereinfacht: am Bezirksgericht vielleicht sechs bis zwölf Monate

am Gerichtshof ein bis zwei Jahre. Es dauert beim Gerichtshof auf alle Fälle einmal sechs Wochen bis zur Klagsbeantwortung, dann bei uns im Bezirksgericht vielleicht ein bis zwei Monate bis zum ersten Termin, dann ein bis zwei Monate zum zweiten Termin und für weitere Beweise ... - Wenn es viele Zeugen gibt, dauert es lange. Wenn es nur um Urkunden geht, und wenn die gut geordnet sind - dann geht´s schnell.“

Inhalt

Bewertung

Wertung: 0 von 5 Sternen
Bild: VKI