24-Stunden-Betreuung

Dubiose Verträge

Seite 1 von 3

Nächsten Inhalt anzeigen
KONSUMENT 5/2015 veröffentlicht: 23.04.2015

Inhalt

Immer mehr Menschen in Österreich sind auf Pflege angewiesen. Bei der Suche nach Betreuung nehmen viele die Dienste von Vermittlungsagenturen in Anspruch. Dabei gibt es immer wieder Probleme.

Unheilbare Erkrankung

Die Lebenserwartung in Österreich steigt. Schätzungen zufolge soll sich die Zahl der über 80-Jährigen in den nächsten 35 Jahren von derzeit 360.000 auf rund eine Million fast verdreifachen. Gemäß dem österrei­chischen Demenzbericht wird die Zahl der Demenzkranken von derzeit 130.000 auf 260.000 im Jahr 2050 steigen. Der Begriff Demenz umschreibt Beeinträchtigungen der kognitiven Funktionen wie Gedächtnis, Orientierung, Sprachvermögen, Auffassungs-­gabe oder Urteilsvermögen.

Die meisten ­Betroffenen leiden an der direkt auf Ver­änderungen des Gehirns zurückzuführenden Alzheimer-Krankheit. Alzheimer ist wie auch andere Formen der Demenz nach heutigem medizinischen Wissensstand unheilbar. Der Erkrankungsprozess lässt sich weder durch Medikamente noch durch Therapien stoppen.

Berufliche Unvereinbarkeit

Demenzkranke Menschen sind auf Pflege und Unterstützung angewiesen. Die Bereitschaft von Angehörigen, Pflegearbeit zu ­leisten, ist in Österreich zwar hoch, im Demenzbericht ist allerdings festgehalten, dass die Vereinbarkeit von informeller Pflege und ­Erwerbsarbeit– aufgrund der hohen Belas­tungen – deutlich erschwert wird. Berufliche Mobilitätsanforderungen sorgen etwa dafür, dass Kinder und Eltern häufig nicht mehr am selben Ort leben. Außerdem nimmt der Anteil an Singlehaushalten zu. Eine der Konsequenzen, die sich aus dieser Entwicklung ergeben, ist eine massiv steigende Nach­frage nach 24-Stunden-Betreuung.

10.000 Pflegekräfte pro Jahr

Schätzungen des Vereins ChronischKrank aus dem oberösterreichischen Enns zufolge sind derzeit zwischen Bregenz und dem ­Neusiedler See bereits rund 60.000 Pflegekräfte, meist Frauen, im häuslichen Dienst im Einsatz. Vereinsobmann Jürgen Ephraim Holzinger beziffert den zusätzlichen jähr­lichen Bedarf auf etwa 10.000 Pflegerinnen bzw. Betreuerinnen. Mit der Nachfrage stieg in den vergangenen Jahren auch die Zahl der Agenturen, die Pflegekräfte vermitteln. Laut Holzinger sind mittlerweile ungefähr 600 Vermittlungsagenturen in Österreich tätig.

Vermittlungsagenturen: Ungesetzliche Klauseln

Neben seriösen Anbietern tummeln sich da auch dubiose Unternehmen. Bei uns gehen immer wieder Berichte über Lohndumping oder nicht abgeführte Sozialbeiträge ein. Auch sind Beschwerden über schlecht aus­gebildete Pflegekräfte und Personal mit mangelnden Deutschkenntnissen an der ­Tagesordnung. Häufig weisen bereits die Verträge, die Pflegekräften und Klienten von den Agenturen zur Unterschrift vorgelegt werden, höchst problematische Klauseln auf. VKI-Juristin Ulrike Docekal überprüfte im Jahr 2012 im Auftrag des Konsumentenschutzministeriums zahlreiche Verträge zur 24-Stunden-Betreuung. Dabei stieß sie ­immer wieder auf teilweise sittenwidrige bzw. ungesetzliche Bestimmungen. Besonders prob­­lematisch sind etwa sogenannte Kon­kurrenzklauseln.

Probleme bei Vertragskündigung

„Darin wird den Klienten, die den Vertrag mit der Agentur gekündigt hatten, unter Androhung einer Konventionalstrafe untersagt, das vermittelte Betreuungspersonal weiter zu beschäftigen, und zwar zeitlich völlig unbegrenzt. Außerdem soll die Strafe oft auch dann anfallen, wenn die ­Agentur das Vertragsende zu vertreten hat“, sagt Docekal. Ebenfalls zu beanstanden sind aus Sicht unserer Expertin Haftungsausschlüsse: „Die Agenturen stehlen sich damit aus der Verantwortung. Es ist ja gerade die Hauptleistung einer Vermittlungsagentur, ­geeignete Betreuer zu vermitteln.“


Lesen Sie auch folgende Artikel: Palliativmedizin: Stationen und Hospize 11/2014

 

 

Die folgenden Seiten dieses Artikels sind kostenpflichtig.

Falls Sie Abonnent sind, melden Sie sich bitte an:
 
Falls Sie kein Abonnent sind, wählen Sie bitte eine der folgenden Optionen:

KONSUMENT-Abo

52 Euro: 12 Hefte + Online-Zugang  Mehr dazu

KONSUMENT-Online-Abo

25 Euro: 12 Monate Online-Zugang  Mehr dazu

Online-Tageskarte

5 Euro: 24 Stunden Online-Zugang  Mehr dazu

Bewertung

Wertung: 4 von 5 Sternen
6 Stimmen
KONSUMENT-Lebensmittel-Check