Antibakterielle Seife

Nicht besser als herkömmliche Produkte

Seite 1 von 1

KONSUMENT 2/2015 veröffentlicht: 29.01.2015

Inhalt

Kann Händewaschen mit antibakterieller Seife im Haushalt das Erkrankungsrisiko verringern?

Wir sagen: Antibakterielle Seifen schützen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht besser vor Infektionen als herkömmliche Produkte. Die desinfizierenden Inhaltstoffe erhöhen jedoch möglicherweise das Risiko für Antibiotikaresistenzen, zudem schädigen sie die Umwelt.

KONSUMENT Faktencheck-Medizin: Beweislage unzureichend

 

Kaum kündigt sich die Grippesaison an, werden wir verstärkt mit Werbung für "antibakteriell" wirksame Seifen und Waschlotionen konfrontiert. Die in Apotheken, Supermärkten und Drogerien erhältlichen Hygieneartikel enthalten meist die Wirkstoffe Triclosan oder Triclocarban. Diese Desinfektionsmittel können viele Krankheitserreger abtöten oder zumindest deren Vermehrung verhindern.

Seifen, Deos, Duschgels oder Zahnpasta

Mittlerweile werden sie auch Deodorants, Duschgels, Zahnpasten oder Mundspülungen beigemischt. Den Konsumenten wird suggeriert, dass antibakterielle Produkte das Risiko vermindern, sich etwa einen grippalen Infekt einzufangen. Fundierte wissenschaftliche Beweise für diese Behauptung sucht man allerdings vergebens.

Zwei große Arbeiten – eine davon im Armenviertel einer pakistanischen Stadt, die andere in einem Stadtteil New Yorks – zeigten, dass sich das Ansteckungsrisiko für verschiedenste Infektionskrankheiten nicht vermindert, wenn man im Haushalt anstatt herkömmlicher Seifen antibakterielle verwendet.

Zu viel Triclosan könnte gesundheitsschädlich sein

Einzig triclosanhaltige Zahnpasta kann eine Spur besser vor Karies und Zahnfleischentzündungen schützen als herkömmliche Zahnpasten. Der Haken dabei: Triclosan hat nicht nur antibakterielle Eigenschaften, es ist auch dem weiblichen Geschlechtshormon Östrogen nicht unähnlich. Nimmt man zu große Triclosan-Mengen auf, könnte dies möglicherweise gesundheitsschädlich sein.

Wissenschaftler sehen diesbezüglich insbesondere bei Mundspülungen und Körperlotionen ein Problem, zumal Triclosan, solange keine endgültige Bewertung möglicher Gesundheitsgefahren durch den Stoff vorliegt, ohne große Einschränkungen eingesetzt werden darf. So findet sich das Desinfektionsmittel außer in Kosmetika auch in Textilien und Kunststoffen, darunter Materialien, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen.

Aus Lebensmittelverpackungen verbannen

Den Wissenschaftlern des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung ist insbesondere Letzteres ein Dorn im Auge. Sie sprechen sich klar dafür aus, Triclosan zumindest aus Lebensmittelverpackungen und -behältnissen zu verbannen. In Verruf ist Triclosan aber auch deshalb, weil Wissenschaftler schon seit Längerem vermuten, dass die massenhafte Verwendung der Substanz Bakterien dagegen resistent werden lässt.

Antibiotikaresistenzen, Ablagerungen in der Umwelt

Das Mittel könnte zudem – ein direkter Nachweis steht noch aus – auch Resistenzen gegen verbreitete Antibiotika fördern, da Mikroorganismen lernen, für sie schädliche Stoffe schneller wieder auszuscheiden. Eindeutig ist hingegen, dass Triclosan das Ökosystem in Gewässern beeinflussen und etwa Wasserpflanzen schädigen kann. Theoretisch kann der Stoff auch Algen, Krebse und Fische beeinträchtigen. Er reichert sich bevorzugt in den sandigen Böden von Gewässern an, da er kaum auf natürlichem Wege abgebaut wird und auch in Kläranlagen nicht unschädlich gemacht werden kann.

 

Hier finden Sie alle Artikel zu "Faktencheck Medizin"

Stimmt das, was die berichten?

Beinahe täglich berichten Medien von Behandlungsmethoden, diagnostischen Tests und Studien. Wie aber steht es mit den Fakten hinter diesen Meldungen? Können wir glauben, was wir lesen? In unserer Rubrik "Fakten-Check Medizin" finden Sie Informationen, ob es für Medienberichte zu medizinischen Themen echte wissenschaftliche Beweise gibt. "Faktencheck Medizin" ist eine Kooperation von KONSUMENT mit Cochrane-Österreich. Cochrane-Österreich ist werbefrei, unabhängig und wird durch die Bundesgesundheitsagentur gefördert.

Lesen Sie mehr auf www.medizin-transparent.at

 

Bewertung

Wertung: 5 von 5 Sternen
2 Stimmen

Kommentare

  • Im Haushalt vollkommen unnötig.
    von GeHuNi am 21.02.2015 um 17:37
    Diese Seifen sind im Haushalt vollkommen unnötig. Die dort vorherrschenden Keime können einem intakten Immunsystem nichts anhaben (im Gegenteil, es wird dadurch sogar trainiert und hilft so Allergien vorzubeugen). Ich habe den Hersteller einer solchen Handseife namens "Detto No-Toch Seifenspenderl" (der die Sache noch mit einem batteriebetriebenen, sensorgesteuerten Seifenspender, der vor Keimen schütz, weil man ihn zur Seifenspende nicht einmal berühren muss auf die Spitze getrieben hat) angeschrieben und gefragt was das ganze bringen soll, wenn man zwar den Seifenspender nicht mehr berühren muss, aber danach mit den "keimfreien" Händen wieder den zuvor mit den schmutzigen Händen aufgedrehten Wasserhahn schließen und die WC-Türschnalle drücken muss (Chirurgen im Spital haben für sowas Wasserhähne, die mit den Ellenbogen bedient werden können, trocknen die Hände mit keimfreien Handtüchern und bekommen direkt danach die keimfreien Latexhandschuhe übergezogen. Und auch nur hier braucht es wirklich keimfreie Hände). Natürlich habe ich nie eine Antwort von der Firma bekommen. Ich denke auch, hier wurde vom Hersteller eher ein Lock-In-System angedacht, dass den Konsumenten dazu bringen soll Nachfüllpackungen für den Seifenspender zu kaufen. Vielleicht ist das sogar ein verstecktes Joint-Venture mit den Batterieherstellern, wer weiß... -)
Bild: KONSUMENT.at auf Facebook - Jetzt Fan werden!