ELGA: Der gläserne Arzt

Kommentar von KONSUMENT-Redakteur B. Matuschak

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KONSUMENT 5/2014 veröffentlicht: 24.04.2014

Inhalt

ELGA: Viele sprechen vom gläsernen Patienten. Geht es vielleicht eher um gläserne Ärzte? - Ein "Aufgespießt" von KONSUMENT-Redakteur Bernhard Matuschak.

Bernhard Matuschak (Bild: Wilke)
KONSUMENT-
Redakteur
Bernhard Matuschak

Die medizinische Versorgung in Österreich ist im weltweiten Vergleich auf hohem Niveau. Zu verbessern gibt es dennoch einiges, zum Beispiel die zentrale Erfassung von Behandlungsdaten. In Deutschland sterben geschätzt jedes Jahr zwischen 16.000 und 25.000 Menschen durch Wechsel- oder Nebenwirkungen von Medikamenten.

Viele Todesfälle ließen sich verhindern

Umgerechnet auf Österreich ergäbe das 1.500 bis 2.500 Todesfälle. Wenn Arzt B wüsste, was Arzt A verschrieben hat und welche rezeptfreien Mittel sich der Patient nebenbei in der Apotheke besorgt hat, ließen sich viele dieser Todesfälle verhindern. Abgesehen von gesundheitlichen Vorteilen birgt die Transparenz zudem Einsparungspotenzial.

Fragwürdige Kampagne der Ärztekammer

Fälle wie jener des älteren dementen Herrn, der in einer Saison dreimal zur Grippeimpfung spazierte, würden der Vergangenheit angehören. Dennoch zog die Wiener Ärztekammer mit nackten Models und Slogans wie "ELGA kostet Sie Ihr letztes Hemd" oder "ELGA stellt Sie vor den anderen bloß" gegen das System zu Felde und schimpfte das Ganze auch noch "Informationskampagne".

Zur Frage der Bloßstellung, also dazu, inwieweit ELGA ausreichenden Datenschutz gewährleistet, ist anzumerken, dass ELGA-Daten vor Hackerangriffen nicht sicherer sind als etwa die Daten in Banken oder Ministerien. Sie sind jedoch zweifelsohne sicherer als Daten im Arzt-Computer einer Ordination.

Datenschutz fängt in der Ordination an

Und wenn der Ärztekammer der Datenschutz am Herzen liegt, sollte sie ihre Mitglieder darauf hinweisen, dass es ziemlich unsicher ist, Gesundheitsdaten per E-Mail übermitteln zu lassen. So dem Schreiber jüngst geschehen, als er gebeten wurde, den ausgefüllten (!) Anamnesebogen zur Vorsorgeuntersuchung in die Ordination zu mailen.

Angst vorm gläsernen Arzt?

Die penetrante Suche nach ELGA-Schwächen, die emotional und populistisch geführte Kampagne, lässt einen Verdacht aufkeimen: Geht es etwa gar nicht um den viel zitierten gläsernen Patienten, sondern eher um den gläsernen Arzt? Bestimmte Behandlungsfehler ließen sich durch ELGA nämlich um einiges leichter nachweisen als bisher. Ganz so einfach davonkommen sollen die ELGA-Verantwortlichen dennoch nicht. Mit etwas besserer Kommunikation hätte man sich viel vom Wirbel ersparen können.


Lesen Sie dazu auch unseren Bericht: Elektronische Gesundheitsakte - Keine Angst vor ELGA und unseren Cartoon zu ELGA .

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Kommentare

  • doppelgleisigkeiten vermeiden
    von der besserwisser am 04.07.2014 um 22:20
    in diesem zusammenhang ist sicherlich auch erwähnenswert, dass viele untersuchungen doppelt verordnet werden. sei es aus nichtwissen (ein spital weiß nicht, dass ein arzt schon die selbe untersuchung veranlasst hat - oder umgekehrt) oder - was bedenktlicher ist - weil die bereits durchgeführte untersuchung "nicht verwendbar ist" / "andere parameter gebraucht werden" und was es sonst noch für gründe geben mag (ich kenne mehrere solcher fälle nicht nur aus eigener erfahrung). da schleicht sich doch der verdacht ein, dass die ärzte vielleicht einen teil ihrer fe(ä)lle davonschwimmen sehen und deshalb so vehement gegen ELGA auftreten.
  • ELGA - ein zweischneidiges Schwert.
    von baskerville am 18.05.2014 um 15:04
    Neben der hier auschliesslich genannten Vorzüge der ELGA, hat eine Datensammlung den klaren Nachteil, dass diese eine zentrale Speicherung naheliegend machen und somit das Risiko der Plünderung einer großen Menge mit nur einem einzigen Sicherheitsbruch enorm steigt. Es ist ein Unterschied ob Daten aus zig-tausenden Rechnern aus Arztpraxen und emails zusammengekehrt werden müssen oder von einem einzigen kompromittierten Server heruntergeladen werden können. Und wer bestimmt dann den Umgang mit diesen Daten, besser gesagt, wer schützt sie vor dem Zugriff Neugieriger Profiteure ? In den USA verwenden Versicherungen die Daten ihrer Kunden bzw. Anwärter zu deren Nachteil, um sich Auszahlungen zu sparen. DAS IST REALITÄT! Es gibt keine Sicherheit, was die zentrale Speicherung von Daten betrifft. Man fragt sich, wie konnte das Gesundheitswesen vor Einführung der von Rechnern betriebenen Datenernten überhaupt funktionieren ?
  • Auf den Punkt gebracht
    von Herbert Saurugg am 27.04.2014 um 10:14
    Sie haben das sehr gut auf den Punkt gebracht. Natürlich gibt es ein "Datenschutzrisiko", das aber im Design schon sehr ausführlich berücksichtigt wurde. Daher ist das tatsächliche Risiko wohl deutlich gesenkt worden. Das mit ELGA tausende Menschenleben - pro Jahr - gerettet werden können, sollte das Restrisiko beim Datenschutz wohl mehr als deutlich aufwiegen. Auch wenn es nur 100 gerettete Leben sind. Eigentlich ist es eine Sauerei, dass das bei der Diskussion unter den Tisch fallen gelassen wird. Eine andere Sorge ist wohl, dass mehr Transparenz in unser Gesundheitssystem kommt. Zum Teil sicher berechtigt, wie man aus anderen Bereichen weiß, wenn nur mehr Kennzahlen zählen - aber wie immer, hängt es davon ab, was wir daraus machen. Aber durch mehr Transparenz können wohl die Kosten optimiert und sinnlose Mehrgleisigkeiten reduziert werden. Ganz zu schweigen davon, dass eine sinnvolle Vernetzung der Erkenntnisse erfolgt. Wie immer, wo es Licht gibt, gibt es auch Schattenseiten. Wir müssen damit umgehen (lernen).
Bild: VKI