Kunde König: Laubsauger

Ein Gerät gegen die Melancholie

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Konsument 10/2006 veröffentlicht: 13.09.2006, aktualisiert: 15.09.2006

Inhalt

Kunde König: Laubsauger vertreiben die innere Leere. Ein satirischer Kommentar von Alois Grasböck.

Alles ist motorisiert

Den modernen Haushalt erkennt man daran, dass er in allen Bereichen motorisiert ist. Da kann keine Mahlzeit auf den Tisch kommen, ohne dass ein paar Maschinen angeworfen werden. Handelt es sich um ein Fertiggericht, bleibt einem immer noch die motorisierte Pfeffermühle.

Ist eine Schraube locker, kommt natürlich der motorisierte Schraubenzieher zum Einsatz. Geht man ausnahmsweise ein Stück zu Fuß, dann auf einem elektrisch betriebenen Laufband. Der moderne Mensch weiß zumindest im Unterbewusstsein: „Ich verbrauche Energie, also bin ich.“

Ungemein wertvolle Erfindung

Diesbezüglich ist der Laubsauger eine ungemein wertvolle Erfindung, denn im Herbst gibt es oft schmerzliche Lücken im Geräteeinsatz. Für den Rasenmäher ist es schon zu spät, für die motorisierte Schneeräumung (oder die private Kunstschneemaschine für ganz Fortschrittliche) ist es noch zu früh. Die Hecken sind geschnitten, alles Häckselbare ist gehäckselt – welches Gerät soll man jetzt noch einschalten? In solchen Situationen kann der Laubsauger verhindern, dass Gartenbesitzer in eine Sinnkrise verfallen.

Unnatürliche Stille

Gerade der Herbst neigt zu einer unnatürlichen Stille, besonders wenn der Nebel den vertrauten Lärm aus der Umgebung empfindlich dämpft. Für manchen mag es wie eine Erlösung sein, wenn er der drohenden Melancholie entfliehen kann, indem er den Laubsauger aufbrüllen lässt. Dieser Sound! Diese Power! Da spürt man sich als Mensch, und da weiß auch die Natur wieder, wer hier der Chef ist.

Hochnäsig und desinteressiert

Manchmal tut sie eh so hochnäsig und desinteressiert, als wär’s ihr wurscht, ob man da ist oder nicht. Das kann natürlich noch lange nicht das Ende des Fortschritts sein. Wann kommt der Karotten-Herauszieher mit Zweitaktmotor?

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