Lernen fürs Leben?

Werbung wohin man schaut

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Konsument 9/2001 veröffentlicht: 01.09.2001

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Es gibt nur mehr wenige werbefreie Inseln im Meer des Kommerzes.

Gibt es noch Orte, an denen man sicher sein kann, dass einem nicht die Botschaft „Zisch dir deinen Mega-Super-Power-Drink!!!“, sei es schriftlich oder akustisch, zugebrüllt wird? Ja, gibt es. Die Kirchengebäude gelten noch als relativ werbefreie Inseln im Meer des Kommerzes. Viele andere Inseln hingegen sind schon versunken. Die Schulen zum Beispiel. Dort darf seit ein paar Jahren geworben werden, und die Meinungen dazu sind geteilt. Man darf sich das nicht zu arg vorstellen. Es ist nicht so, dass der Lehrer vor der Mittagspause den Werbespruch des örtlichen Fleischhauers („Leberkäse verleiht Flügel! Leberkäse – und auch du wirst viele Einser haben!“) in die Klasse schreien muss, weil die Schule das Werbegeld für eine Projektarbeit braucht. Da geht es leiser zu. Aber was nicht ist, kann noch werden, flüstert das Misstrauen in manches Ohr, und wenn einmal ein Anfang gemacht ist – eh schon wissen. Sollten wir unseren Kindern nicht ein letztes werbungsfreies Reservat erhalten? Genügt es denn nicht, dass Sechsjährige ungleich mehr Werbesprüche als Kinderlieder auswendig können? Die Kinder sollten doch für das Leben und nicht für die Snacks-Industrie lernen… Da ist was dran, aber leider hat dieser Gedanke folgenden Haken: Die werbungsfreie Schule müsste mit dem werbungsfreien Kind beginnen. Selbst wenn der Schuldirektor jeden Morgen das Lied „Coole Kinder essen Jogurt von der Dingsbums-Molkerei“ zur Gitarre vortragen würde – das wäre gar nichts gegen den Werbedruck, den die Kinder selbst mitbringen: Schultaschen sind seit vielen Jahren Reklameflächen für die jeweils aktuelle Zeichentrickserie, die Bekleidung strotzt vom Schirmkapperl bis zum Turnschuh von Markennamen. So manches Kind schaut aus wie die leibhaftige Verkörperung eines zehnminütigen Werbeblocks. In diesen Tagen wird für das neue Schuljahr eingekauft, und es wird Eltern geben, die das Zubehör werbungsfrei halten wollen. Viele von ihnen wird man an resignierenden Seufzern erkennen.

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