Bekleidungsindustrie im Ethik-Test

Keine weißen Westen

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Konsument 9/2007 veröffentlicht: 21.08.2007

Inhalt

  • Markenfirmen mit eigenem Vertriebsnetz im Vergleich
  • Was der Strichcode mit der tristen Situation der Arbeiter zu tun hat
  • Millionen vergifteter Baumwollpflücker

 

Image in der Modebranche  

Der schwedische Moderiese Hennes & Mauritz hat dank seinem Konzept, Designerkleidung zu imitieren und mit massivem Werbeaufwand zu einem konkurrenzlos billigen Preis anzubieten, einen rasanten Aufschwung zu Europas führendem Textilhandelskonzern genommen. Berichte über katastrophale Zustände in den Zulieferbetrieben drohten jedoch das schicke Image zu zerstören. Als 1997 in Schweden eine TV-Dokumentation über Kinderarbeit in philippinischen Fabriken im Dienste von H&M ausgestrahlt wurde, war Feuer am Dach der Konzernzentrale. Das Management ging in die Offensive und verabschiedete einen freiwilligen Verhaltenskodex, den sämtliche Subunternehmer unterschreiben mussten.

Der Konzern scheute sich auch nicht, mit seinen Kritikern eng zusammenzuarbeiten. Heute kann sich Hennes & Mauritz als „Klassenbester“ bezeichnen. Im Ethik-Test, den wir zusammen mit anderen europäischen Verbraucherorganisationen in Auftrag gegeben haben, erreichte der schwedische Markenhersteller 73 Prozent der möglichen Punkte und führt das Ranking deutlich vor dem spanischen Mitbewerber Mango an.

H&M: Vorsprung dank Kritik

Das vergleichsweise gute Abschneiden von H&M ist nicht nur dem hohen Verantwortungsbewusstsein der Konzernspitze zu verdanken, einen nicht unbeträchtlichen Anteil an diesem Erfolg haben die Clean Clothes Kampagne und andere Organisationen, die die sozialen und ökologischen Missstände in den düsteren Fabriken in Fernost oder Lateinamerika ans Tageslicht gezerrt haben und nicht müde wurden, menschenwürdige Arbeitsbedingungen einzufordern. Man würde sich auch bei anderen Modemachen wie Benetton oder Esprit angesichts ihres schlechten Abschneidens bei dieser Untersuchung ein Umdenken wünschen: Sie haben bis dato noch gar nicht angefangen, sich den sozialen und ökologischen Herausforderungen zu stellen.

Die Markenkonzerne der Modeindustrie unterhalten ihre eigenen Filialen und dominieren solcherart den Markt (die drei größten Einzelhändler in Europa sind H&M, Zara und C&A). Auf der Produktionsebene herrscht eine gegenläufige Tendenz vor: Es gibt fast keine Unternehmen mehr, die ihre Produkte in eigenen Fabriken herstellen. Ein typischer Markenkonzern hat 400 bis 800 Zulieferbetriebe, vor allem in China, aber auch in der Türkei und in Marokko.

Kaum Eigenproduktion

Die Auslagerung der Produktion zielt darauf ab, die Herstellungskosten zu senken. Verschärft wurde dieser Trend durch das Aufkommen des Strichcodes. Jeder Kaufvorgang wird durch den Strichcode elektronisch festgehalten, damit verbunden ist ein automatisches Bestellsystem, das es dem Händler ermöglicht, zur rechten Zeit genau die erforderliche Anzahl an Produkten nachgeliefert zu bekommen („fast fashion“). So kann der Händler das Risiko, auf unverkäuflicher Ware sitzenzubleiben, drastisch reduzieren; natürlich wird dadurch auch das in Form hoher Lagerbestände gebundene Kapital vermindert .

Für den Lieferanten bedeutet es dagegen, dass er schneller und zu höheren Kosten produzieren muss. Von 2000 bis 2005 haben sich, Schätzungen zufolge, die Produktionszeiten in der Bekleidungsindustrie um 30 Prozent verringert.

 

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