Produkt funktioniert viel zu lang

Das vergessene Ablaufdatum

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KONSUMENT 2/2013 veröffentlicht: 24.01.2013

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Keiner konnte sich mehr erinnern, wie alt die Filterkaffeemaschine in unserer Küche schon war, so lang lag ihre Anschaffung zurück. Behalten oder wegwerfen? - "Kunde König“, ein satirischer Kommentar von Alois Grasböck.

KONSUMENT-Kolumnist Alois Grasböck 
Alois Grasböck über
Kaffeemaschinen,
die zu lange
funktionieren

Keiner konnte sich mehr erinnern, wie alt die Filterkaffeemaschine in unserer Küche schon war, so lang lag ihre Anschaffung zurück. Vom Design her war sie nur mehr beschränkt herzeigbar, George Clooney wäre bei ihrem Anblick wahrscheinlich das Kaffeeglaserl aus der Hand gefallen. Aber sie gluckste und gurgelte viele Jahre vor sich hin und verrichtete zuverlässig ihren Job.

Kaffeemaschine - willst du ewig leben?

Irgendwann kam der Verdacht auf, dieses zähe Gerät wolle ewig leben. Offenbar hatte man bei der Herstellung vergessen, ein Ablaufdatum einzubauen, was natürlich die Wirtschaft in Unruhe versetzte. Die Prospekte der Elektromärkte kamen immer öfter ins Haus, und manchmal bildeten wir uns sogar ein, jeder Postwurf sei ein Vorwurf, weil wir die üblichen Kaufintervalle bei Küchengeräten so brutal ignorierten.

Ein Gerät, das jeder reparieren kann ...

Als sich die Krise am düsteren Finanzhimmel abzeichnete, bekam die Kaffeemaschine ein schlechtes Gewissen und tat so, als wäre sie endlich reif zum Wegschmeißen. Es war aber nur ein Abflussloch verstopft, was sich mit wenigen Handgriffen beheben ließ. Ein Gerät, das jeder reparieren kann – das versetzte der Wirtschaft einen weiteren Schlag, und die Krise nahm ihren Lauf. Verschärft wurde sie durch unsere Weigerung, zum Espresso-Glauben überzutreten, obwohl sich die Werbung Mühe gab, Filterkaffee als uncool hinzustellen.

... schadet der Wirtschaft

Für die Weltwirtschaft war es zu spät, als sich die greise Maschine endlich doch erbarmte und aufgab. War es Zufall, dass an diesem Tag die Aktienmärkte deutlich zulegten? Vorwürfe machen wir uns nicht, denn seither haben wir brav unseren Beitrag geleistet. Bei einem Radio mit CD-Player sind schon nach weniger als drei Jahren die ersten Tasten abgebrochen, und als wir im Advent die Weihnachtslieder hervorkramten, stellte sich heraus, dass der CD-Player tot war.

Halleluja, selbst gesungen

Aber wie heißt es so schön? Halleluja, Neukaufen ist geil! Die Überlegung, auf den Kauf zu pfeifen und in Zukunft selbst zu singen, haben wir verworfen. Die Wirtschaftsprognosen waren auch so pessimistisch genug.

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