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Bargeld-Abschaffung: Wer profitiert?

Ohne Moos nix los

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KONSUMENT 10/2017 veröffentlicht: 28.09.2017, aktualisiert: 27.01.2021

Inhalt

Die EU überlegt eine Obergrenze für Bargeldzahlungen von 10.000 Euro einzuführen. So könne man leichter gegen Geldwäsche und Terrorfinanzierung vorgehen, heißt es aus Brüssel. Die aktuell diskutierte Obergrenze kann ein Einstieg zur Abschaffung sein. Es gibt genügend Argumente, die für das gute alte Bargeld sprechen.

"Willst du den Wert des Geldes kennenlernen, versuche, dir welches zu borgen", soll Benjamin Franklin dereinst gesagt haben. Aktuell, also in Zeiten von Negativzinsen, eigentlich keine allzu schaurige Lektion.

Trotzdem – oder gerade deshalb – wird seit einigen Monaten wieder über die Abschaffung von, nein, nicht von Geld per se, aber Bargeld diskutiert. Befürworter argumentieren bisweilen moralisch; so würden ohne Bargeld zum Beispiel viele kriminelle ­Machenschaften erschwert, heißt es. Der stärkste Treiber hinter der Abschaffungs­debatte ist aber wohl ein profan wirtschaftlicher: So mancher Ökonom sieht in der Abschaffung von Papiergeld die probateste Möglichkeit, das Weltfinanzsystem zu stützen. Aber der Reihe nach.

Verbrechensbekämpfung?

Insbesondere durch das Erstarken der islamistischen Terrormiliz IS wurde das Thema Bargeldabschaffung zuletzt häufiger diskutiert. Das Argument: Der IS könne finanziell ausgehungert werden, wenn es Bargeld nicht mehr gäbe. Ganz generell würden verbrecherische Machenschaften wie Geld­wäsche, Korruption, Drogen- und Menschenhandel oder Schwarzarbeit ohne Bargeld massiv erschwert.

Ja, der berühmte schwarze Koffer voller Geld würde der Vergangenheit angehören. Allerdings können Gangster und Terroris­ten bereits jetzt recht einfach auf andere Kanäle ausweichen: von Gold, Krypto­währungen (Bitcoins & Co) über Diamanten und Scheinfirmen bis hin zu anderen ­Währungen. Gerade der IS, wissen Terror­experten zu berichten, wird zu einem großen Teil mittels Kryptowährungs-Spenden finanziert.

"Geldsteuerung" via Negativzinsen

Auf wissenschaftlicher Ebene heizt allen voran US-Ökonom Kenneth Rogoff die ­Bargelddebatte an. Der Harvard-Professor und ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds postuliert in seinem Buch "Fluch des Geldes" ein klares "Ja" zur Abschaffung von Bargeld. Rogoff und seinen Mitstreitern geht es um das Thema "Geldsteuerung". In Nullzinszeiten wie ­diesen ist Bargeld vielen Fiskalökonomen ein Dorn im Auge. Denn deutliche Negativzinsen lassen sich nicht so einfach durchsetzen, wenn Verbraucher auf null-verzinstes Bargeld ausweichen können.

Bargeld soll also abgeschafft werden, damit Notenbanken den Zinssatz unter null drücken können und die Konsumenten gleichzeitig keine Möglichkeit haben, Geld physisch zu horten. In diesem Umfeld, in dem Geld am Konto massiv an Wert verliert, wird mehr konsumiert, so die Argumentation. Die Wirtschaft wird dadurch angekurbelt und Spekulationsblasen werden unwahrscheinlicher. Gezahlt wird die Zeche freilich von den Konsumenten und Sparern.

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Bewertung

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Kommentare

  • Recht auf Bargeld
    von Mnemosyne am 02.02.2021 um 11:59
    Wie bereits erwähnt wurde, sind digitale Systeme fehleranfällig und das kennt wohl jeder bereits aus dem Alltag. Es kommt oft zu Störungen der Kartenzahlgeräte. Man steht an der Kasse, der gesamte Einkauf ist gescannt und dan funktioniert das Gerät nicht. Das ist ein triviales Beispiel, aber nachdem die Cyberangriffe auf Großunternehmen und auch Banken zunehmen, dürfen wir uns auf chaotische Zeiten einstellen.

    Weiters stellts sich die Frage, wie umweltfreundlich es wäre, alle Zahlungen auf Digital umzustellen. Die Systeme, die den Zahlungsprozess abwickeln, verbrauchen aufgrund der verwendeten Sicherheitsmechanismen und allgemein der Datenverbindungen dauerhaft Strom. Die Wartung dieser Systeme ist überaus kostspielig. Eine Bargeldzahlung, besonders bei vielen Kleinstbeträgen, beinhaltet lediglich die Herstellungskosten des Papiergelds.

    DATENSCHUTZ. Bargeld gilt als eine der letzten Bastionen, die einen mehr oder weniger anonymen Einkauf ermöglichen (außer man füttert leichtgläubig ein Bonuskartensystem wie die JÖ-Card, weil man sich geringfügige Ersparnisse erhofft). Jede Kartenzahlung und jeder online abgewickelte Bezahlvorgang hinterlässt eine Vielzahl an Daten, die von verschiedenen Firmen abgegriffen werden. Klarna und Sofort beispielsweise führen im Hintergrund einen Finanzcheck durch, ob ihr Konto belastet werden kann und dabei werden teils bisher getätigte Zahlungen diesen Firmen einsichtig gemacht.

    Mastercard hat sich laut dem "Handbuch Datenschutz" des VKI ja zu einer der größten Finanzauskunfteien gearbeitet und erwirtschaftet inzwischen einen beträchtlichen Teil der Gesamteinkünfte rein aus diesen Dienstleistungen.

    WAS SPRICHT GEGEN KARTENZAHLUNGEN? Die Banken forcieren nicht ohne Grund den Umstieg auf NFC-Kartenzahlungen. Wie man aus jedem grundlegenden Marketingkurs lernen kann, ist den Banken und Firmen klar, wie schlecht die Preisvorstellungen der Konsumenten sind und dass sie schnell den Überblick verlieren. Hebt man sich einen gewissen Betrag ab, zB 100€ für einen Tag, schaut man am Abend in die Geldtasche und weiß sofort was man ausgegeben hat. Wer jeden Kaugummi und jeden Shoppingausflug mit der Karte abwickelt, hat schnell den Überblick verloren. Und je schneller und einfacher eine Zahlung abgewickelt werden kann, desto eher gibt man mehr Geld aus. Da freut sich der Handel über ein Hoch an unnötigen Einkäufen und die Banken reiben sich ebenso die Hände.

    Wenigen ist bewusst, wieviel Sicherheit und Transparenz uns Bargeld privat bringt. Kriminelle Zahlungen und Terrorismusfinanzierung haben mit den täglichen Käufen im Supermarkt und im regulären Handel rein gar nichts zu tun. Wenn Bürgerinnen und Bürger zusehen, wie diese schleichende Form der Überwachung über uns gestülpt wird, sind wir von einem chinesischen Kreditsystem nicht mehr weit entfernt.
  • Spesen, Spesen, Spesen
    von Malowan80 am 27.01.2021 um 11:44
    Bei einem Dänemark-Urlaub haben mich die freundlichen Dänen oft gebeten bargeldlos zu zahlen. Bin ja lieb und hab die Karte gezückt. "Tak" haben sie gesagt, also vielen Dank. Meine Bank zu Hause hat auch Tak, tak, tak gesagt, weil sie mir für die bargeldlose Zahlung knapp unter 60 Euro verrechnet hat. Hinweis beim Zahlen gab es keinen. wie denn auf den winzigen Displays? - Ich bleicb, wo geht, beim Bargeld.
  • Abhängigkeit - Kontrolle - Halbwahrheiten bzw. Lügen
    von TT am 10.11.2017 um 21:04
    1. Abhängigkeit: Wenn es kein Bargeld gibt, sind wir generell bei der Zahlung von Elektronik bzw. vom Strom abhängig. Stromausfälle oder EDV-Abstürze bringen das System gleich zum Stehen. 2. Kontrolle: Bei der Abschaffung von Bargeld erhöht sich die Kontrollmöglichkeit von zukünftigen Regimen erheblich bzw. deren Etablierung. Die Kontrollmöglichkeiten sind jetzt schon zahlreich. Wie wir in Zypern gesehen haben, genügt nur "ein Knopfdruck" und der Bankomat gibt nur einen geringen Geldbetrag heraus. Gibt es nur virtuelles Geld, funktioniert es noch leichter alle Menschen in finanzieller Geiselhaft zu nehmen. 3. Halbwahrheiten bzw. Lügen: Wie bereits im Bericht beschrieben, verhindert die Abschaffung des Bargeld kaum Verbrechen und schon gar nicht Finanzverbrechen. Da gibt es sicherlich andere bzw. bestehende "Werkzeuge" die verbessert und/oder ausgebaut werden sollten um dies zu bekämpfen. Korruption, verbrecherische Machenschaften uvm. bedienen sich schon lange bei dem elektronischen Geldverkehr oder sehe ich das falsch? Angstmache und falsche oder verdrehte Argumente werden benutzt um gewisse Ziele zu erreichen. Um welche Ziele es sich da handelt kann man spekulieren und teilweise erahnen, aber wirkliche Vorteile, einer generellen Abhängigkeit vom elektronischen Geldverkehr, bringt es dem Konsumenten/Bürger nicht.
  • Bargeldabschaffung
    von ling am 09.10.2017 um 11:41
    @skipper54: Natürlich, Sie werden das schon schaffen, denn Sie sind bestimmt ein Mensch von übermorgen, iPhone- und Mac-User vielleicht? Dann passt das ja perfekt in die Firmenphilosophie. Apple möchte ja mit dem eigenen Bezahlsystem die Welt erobern. Besuchen Sie einmal nur einen ganz gewöhnlichen Markt (Advent-, Bauern-, etc.) Dort hat jeder kleine Stand einen Bankomaten für Sie eingerichtet. Bezahlen Sie eine Wurstsemmel beim Fleischhauer am Land mit Bankomatkarte. Auch dort ist jedes Geschäft damit ausgestattet. Aber nein, Sie kaufen ja bestimmt nur Snacks und diese bei Billa & Co oder essen Burger bei Fastfoodketten. Dort können Sie selbstverständlich alles mit Karte bezahlen, werden jedoch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit wesentlich mehr Waren das Geschäft verlassen als beim kleinen Laden. Der Kolporteur hat natürlich für die Tagesezeitung auch ein Gerät bei sich. Damit verkauft er seine Zeitungen bestimmt viel schneller und auch mehr, insbesondere an Standorten wie Bahnhöfen, also dort wo kaum Menschenmassen vorkommen. Gleiches gilt für Würstelstände und Pizza-/Kebab-Anbieter. Mir fällt momentan nicht mehr ein, doch mit etwas Phantasie werden Sie meine Argumentation bestimmt verstehen - oder ist diese vielleicht etwas zu retro? PS: Ich zahle auch und nicht gerade selten mit Karte - trotzdem möchte ich Bargeld auf keinen Fall missen. @gerhard56 und WOODSTOCK: Sie bringen es auf den Punkt - genau darum geht es. Kriminelle (egal welchen Genres) hatten noch nie ein Problem der Kapitalbeschaffung, wenngleich Bargeld natürlich kein Nachteil war. Wenn man den aktuellen Meldungen über Kryptowährungen Glauben schenken darf, wird sich nach Abschaffung oder Einschränkung des Bargeldbestandes nur eine Umschichtung ergeben. Verbrechen verhindern wird man durch die Abschaffung des Bargeldes sicherlich nicht. Druck erzeugte schon immer Gegendruck, warum sollte es beim Bargeld anders sein? Zum Artikel selbst: Ich musste schon sehr lachen, als ich das Argument mit dem "schmutzigen" Geld las. Das kommt bestimmt von jenen Leuten, welche sich vor Betreten des Supermarkts jedenfalls die Hände wie ein Chirurg vor der Operation reinigen, um dann die klinisch sauberen Produkte übernehmen zu können (Latexhandschuhe und Sackerl (pardon "Tüten") vorausgesetzt). Was machen diese Leute eigentlich bei McD & Co, wenn sie ihren eigenen Burger kreiren und dann über die höchst bakteriell verseuchten Displays wischen und dann mit den Händen die ach so keimfreien Produkte essen? Latexhandschuhe anziehen? Weiters würde ich den Begriff "Bequemlichkeit" besser durch "Faulheit" ersetzen. Denn das ist doch der wahre Grund für viele sog "Erleichterungen" unserer heutigen Zeit. NFC ist sicherlich nur aus diesem Grund entstanden, denn es ist weder sicherer als eine Code-Eingabe noch besteht wirklicher Bedarf. Mich wundert nur, dass wir noch zu Fuß das WC benützen - ist wahrscheinlich nur mehr eine Frage der Zeit bis man auch dafür eine "Drive-In-Lösung" erfindet... Fitness-Center haben ungeheuren Zulauf, doch die Leute werden immer fauler.
  • Bargeldabschaffung
    von Katzenlady am 09.10.2017 um 11:33
    Ich sehe keinen Sinn darin, wenn ich meine Semmel fürs Frühstück um € 0,36 mit der Karte bezahle, weil dann die Bankspesen um ein vielfaches höher sind. Da werden die Banken in Zukunft neue Gebühren erfinden, weil die Zahlung mit Karte dann nicht mehr kostendeckend ist. Wollen wir das wirklich?