KONSUMENT.AT - Alzheimer: Interview mit Prof. Dal-Bianco - "Wie sagen Sie es dem Patienten?"

Alzheimer: Interview mit Prof. Dal-Bianco

"Was dem Herz gut tut, tut auch dem Hirn gut"

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KONSUMENT 10/2014 veröffentlicht: 25.09.2014

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Wie vermitteln Sie Ihren Patienten die Diagnose Alzheimer?

Ich hüte mich, nach der Erstuntersuchung oder auch im Rahmen der Befundbesprechung, außer bei Eindeutigkeit, eine derart schwerwiegende Diagnose sogleich mitzuteilen, da, wie gesagt, ein Unsicherheitsfaktor in der klinischen Diagnose liegt. Erst nach einer Verlaufsbeobachtung von etwa einem Jahr meine ich, eine sichere Aussage machen zu können. Man darf nicht vergessen: Bei Alzheimer fehlen uns jene biologischen Marker, die, wie etwa bei HIV, die Krankheit eindeutig beweisen.

Wenn Sie sicher sind, es ist Alzheimer, wie sagen Sie das dem Patienten?

Ich kläre nicht erst die Angehörigen und dann den Patienten auf – oder umgekehrt. Ich lege Wert auf Ehrlichkeit und Offenheit. Niemand soll das Gefühl haben, da geschieht etwas hinter dem Rücken. Die Diagnose teile ich also dem Patienten und den Angehörigen in einem gemeinsamen Gespräch mit. Meistens wurde Alzheimer ja schon vermutet. Es ist eine schwerwiegende Diagnose und wird mit entsprechender Betroffenheit aufgenommen. Das Recht auf Wahrheit hat der Patient. Aber auch – NUR mit dessen Einverständnis – die Angehörigen und weitere Lebensbegleiter.

Kommt es mitunter auch vor, dass die Diagnose mit Erleichterung aufgenommen wird, in dem Sinn: Endlich wissen wir, was Sache ist,  endlich hat das Problem einen Namen?

Es kommt darauf an, in welchem Stadium der Vergesslichkeit sich der Patient befindet. Ist die Krankheit bereits fortgeschritten, kann sich auch Erleichterung breit machen. Ganz am Beginn tun sich Betroffene mit der Diagnose schwerer.

Alzheimer ist jene Krankheit, vor der sich laut Untersuchung einer Krankenversicherung die Menschen am meisten fürchten. Zu Recht?

Die Medien malen Alzheimer mitunter als Schreckgespenst an die Wand. Wir sollten Alzheimer differenzierter betrachten, ähnlich wie die Krebserkrankungen. Wie dort gibt es auch bei Alzheimer ganz unterschiedliche Verlaufsformen. Bei manchen Patienten gibt es lange Stabilität im guten Sinn. Bei anderen kommt es zu einer raschen Symptomzunahme. Der individuelle Verlauf lässt sich kaum voraussagen. Man sagt, bei Frauen verläuft die Erkrankung rascher als bei Männern. Und für Hochgebildete ist eher ein steiler Verlauf typisch –  denn lange Zeit können diese ihr Defizit durch ausreichende Reserven kompensieren, bis dann auf einmal die Erkrankung offenbar wird.

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