Amazon: Bewertungen und Rezensionen

Zu viele Bestnoten

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KONSUMENT 9/2014 veröffentlicht: 14.07.2014, aktualisiert: 07.11.2014

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Woran erkennen Sie Fake-Rezensionen?

Hier gibt es keine eindeutige Regel, jedoch Indizien dafür, wie man unter Einsatz des gesunden Menschenverstandes die Vertrauenswürdigkeit beurteilen kann.

Grundlage ist das Profil des Rezensenten. Zu diesem gelangt man durch Klick auf den Namens-Link, der sich bei der Besprechung unmittelbar unter den Stern-Symbolen findet.

Anzahl der Rezensionen: Hunderte, ja Tausende Rezensionen abgegeben? Sehen Sie sich den Zeitraum an, in dem das stattfand und dividieren Sie die Zahl der Besprechungen durch die Zahl der Jahre: Klick auf den Benutzernamen und dann auf die letzte Seite der Rezensionsliste – hier finden sich die ersten Einträge. Ist das Ergebnis plausibel für einen normalen Konsumenten?

Anbieter-Schwerpunkt: Es mag ja ausgesprochene Bücherwürmer und DVD-Fans geben, die es auf viele Rezensionen bringen. Aber wer kauft wirklich alle Modelle eines Schuhfabrikanten, sämtliche T-Shirts in allen verfügbaren Farben, die gesamte Palette an Süßigkeiten eines Schokoladenherstellers, nahezu alle Multifunktionsgeräte oder Smart-TVs eines Anbieters  ...?

Produktähnlichkeit der Rezensionen: Es gibt, sagen wir, einen PC, der auf Wunsch mit Festplatten von 1, 2, 3, 4 oder 5 Terabyte ausgeliefert wird. Wer schreibt schon für jede dieser Versionen eine eigene Rezension? Oder jeweils eine eigene zu jeder der 20 Farbvarianten eines Lidschattens?

Einseitige Urteile: In der realen Welt hat man es mit schlechten, mit akzeptablen und manchmal mit sehr guten Waren zu tun. Wie schaffen es manche Rezensenten, Hunderte fast ausschließlich "sehr gute" Produkte einzukaufen? Rezensions-Profis versuchen die Einseitigkeit ihrer Bewertungen durch einen Trick zu verschleiern: Sie vergeben für manche Produkte nur einen Stern, um im Amazon-Prüfalgorithmus nicht aufzufallen. Da sollten Sie genauer hinsehen: Oft nehmen diese Schummel-Rezensenten Billigstartikel oder E-Books, für die sie mit der Funktion "In das Buch hineinschauen" nach einem flüchtigen Blick schnell eine negative 1-Stern-"Rezension" zusammenschreiben, ohne für das E-Book etwas bezahlt zu haben.

Detailverliebtheit: Vor allem bei technischem Gerät und Unterhaltungselektronik anzutreffen. Diese Rezensionen lesen sich häufig wie das technische Datenblatt des Produkts. Natürlich gibt es Rezensenten, die sich diesen vielen technischen Aspekten mit Hingabe widmen. Doch so detaillierte Informationen, Vergleiche mit den Angeboten anderer Hersteller oder Gemeinsamkeiten und Unterschiede über Generationen desselben Produktes darf man zumindest als außergewöhnlich einschätzen. Vor allem, wenn der Rezensent beteuert, Neueinsteiger in die Digitalfotografie zu sein aber penibel die Entwicklung der Kamera-Produktfamilie X des Herstellers Y über die letzten Jahre darlegt ...

Pseudo-Kritik: "Das ist jetzt schon unser dritter Flach-TV, aber so etwas an hervorragender Qualität haben wir noch nicht erlebt!", schreibt da beispielsweise jemand, um kurz vor Schluss festzuhalten: "Die äußerst edle, unübertreffliche Optik des Geräts wird nur dadurch gestört, dass man auf dem - nur 1 cm schmalen! - Hochglanzrahmen jeden Fingerabdruck sieht." Je nach Sternen-Stand des Produktes folgt dann: "Deshalb 1 Stern Abzug ..." - wenn es gilt, die optimale Bewertung von 4,5 Sternen zu erreichen oder zu halten. Oder "... dafür kann es aber keinen Abzug geben, denn das Gerät ist so phantastisch, dass ...", wenn der "Rezensent" eben nur die Pseudo-Kritik zur Steigerung der Vertrauenswürdigkeit seines Beitrages benötigt.

Abwesenheit von Werbe-Deutsch ist kein Beweis dafür, dass es sich nicht um eine Fake-Rezension handelt. Wenn es im Werbetext des Herstellers beispielsweise heißt: "Tauchen Sie ein in die phantastische 3D-Welt Ihres neuen Smart TVs von XYZ ...", so kommt das bei Profi-Schummlern anders daher: "Aber so richtig gestaunt haben wir erst, als wir zum ersten Mal auf dem XYZ auf 3D umgeschaltet haben, denn ..." So könnte ja wirklich ein Käufer empfunden und geschrieben haben; dass er hingegen "in die phantastische 3D-Welt" seines "neuen XYZ abgetaucht" sei, würde kein realer Kunde je so formulieren – der Fake-Profi somit auch nicht.

Wiederholung von Produktnamen: Angenommen, das Produkt heißt "Superfirma ER026x 57M221/X200" – ein "normaler" Rezensent würde das im Text kaum erwähnen, zumal durch die Platzierung auf der Produktseite klar ist, auf welche Ware sich seine Besprechung bezieht. Anders ein Fake-Rezensent. Er bzw. sie denkt mit, dass diese Besprechung auch von Google erfasst wird; je häufiger die Produktbezeichnung im Text vorkommt, umso höher die theoretische Chance auf einen der vorderen Plätze in den Google-Ergebnisseiten bei Suchen nach diesem Produkt.

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Kommentare

  • Übersetzung von "Mascherl"
    von Greendaddy am 29.08.2014 um 10:41
    Nur der guten Ordnung halber für die Leser aus der Bundesrepublik nördlich des Mains: In diesem Zusammenhang finde ich die Übersetzung "Schleife" passender als "Fliege". Wie im Text erwähnt: In der Redewendungen "Rezensionen haben kein Hascherl" oder sehr gebräuchlich "Geld hat kein Hascherl" ist ein sichtbares Zeichen gemeint und nicht das Bekleidungsaccessoir. Wie zum Beispiel in "Haar-Mascherl". Das wäre dann die "Haar-Schleife" und keine "Haar-Fliege". (-
  • Verlage motivieren zu Eigen-Reviews
    von aschatt am 28.08.2014 um 13:04
    Vielleicht ein ergänzender Kommentar: Vor wenigen Jahren habe ich ein Buch bei einem der renommiertesten deutschen Wissenschaftsverlage veröffentlicht. Im Rahmen der Marketingmaßnahmen wurde mir vom Verlag dringen angeraten "Kollegen, Freunde und Bekannte" zu motivieren, mein Buch auf Amazon zu bewerten... Ich bin dem Ratschlag (wohl zu meinem eigenen Schaden) nicht gefolgt, gehe aber davon aus, dass dies eine systematische Vorgehensweise von Verlagen und anderen Produzenten ist. Anders gesagt: positive Kommentare auf Handels- oder Tourismus-Plattformen kann man getrost ignorieren, sie sind nahezu wertlos. Ich lese fast ausschliesslich die negativen Bewertungen zumindest jene, die konstruktiv und informiert wirken. Damit kann man eventuell einen Eindruck der möglichen Probleme und Nachteile des jeweiligen Produktes/Angebotes erahnen.
  • @ "Verifizierter Kauf"
    von NETclub50plus am 05.08.2014 um 21:45
    Diese Kennzeichnung ist nur recht beschränkt hilfreich: Wer eine Fake-Rezension beauftrag würde wohl den Preis für den Kauf der Ware mit in die Kalkulation für die "Werbemaßnahme" einbeziehen...
  • ´Verifizierter Kauf´
    von 39373 am 05.08.2014 um 13:14
    Seit einiger Zeit werden Rezensionen von Kunden, die ein Produkt auf amazon tatsächlich gekauft haben, entsprechend markiert, das ist wahrscheinlich die hilfreichste Möglichkeit, gefälschte Bewertungen zu erkennen, wobei es natürlich nicht ausgeschlossen ist, dass jemand ein Produkt anderswo erstanden hat und die Beurteilung trotzdem ehrlich ist...
  • Love it!
    von chris1976 am 18.07.2014 um 15:13
    Im Fernsehen gab es dazu vor einiger Zeit einen Beitrag auf "Stern TV", der von denen beworbene Fake Musiker steht bis heute auf Amazon(plus unzählige Kommentare). http://www.amazon.de/Love-Rock-Prince-one/dp/B00JPJFCZ0/ref=cm_cr_pr_pb_t
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