Amazon: Bewertungen und Rezensionen

Zu viele Bestnoten

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KONSUMENT 9/2014 veröffentlicht: 14.07.2014, aktualisiert: 07.11.2014

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Die Welt scheint kopfzustehen

Vielleicht rezensieren in erster Linie zufriedene Kunden, während unzufriedene ihren Gram still in sich hineinfressen? Auch das deckt sich nicht mit Erfahrungen aus vergleichbaren Bereichen: Anbieter von Waren und Dienstleistungen, aber auch Leserbriefredaktionen, Service- und Beschwerdestellen wissen, dass Unzufriedenheit etwa zehnmal so häufig zur einer Kundenreaktion führt wie lobende Zufriedenheit.

Das KONSUMENT-Forum "Gute Erfahrungen gemacht" hatte Anfang Juli 2014 354 Einträge, das Forum "Schlechte Erfahrungen gemacht" - www.konsument.at/schlechteerfahrung - zählte 1.459. Konsumenten haben das Match negativ gegen positiv mit 4:1 entschieden; die Nörgler sind in der Überzahl. Steht die Welt auf Verkaufsplattformen also Kopf?

Fünf Sterne sind nicht ideal

Laut Studie haben die Anbieter mit reinen Höchstbewertungen aber ohnehin nicht die allergrößte Freude. Für sie ist eine Bewertung von 4,5 Sternen ideal. Damit verkaufen sich Produkte gleich dreimal (!) besser als mit einem 5-Sterne-Rating; denn solche Ergebnisse wirken vertrauenswürdiger als reine Lobhudeleien. Das wissen freilich auch die Ersteller von Fake-Rezensionen. Sie achten deshalb darauf, immer einen Hauch von Kritik in ihre Bewertungen einfließen zu lassen beziehungsweise je nach Bedarf eben nicht ausschließlich die Höchstnote zu vergeben.

Wobei diese Schwindel-Rezensionen aber ohnehin nur ein Aspekt des Problems sind. Der Kampf mancher Rezensenten um vordere Listenplätze ist ein weiterer Aspekt, das Bewertungssystem als solches ein dritter und dessen mangelnde Kontrolle durch Amazon-Mitarbeiter ein vierter.

Rezensionen: wer will, der darf

Bei Amazon darf jeder alle für ein Produkt abgegebenen Bewertungen lesen. Bewertungen abgeben dürfen jedoch nur angemeldete Teilnehmer, egal ob ein Artikel bei Amazon, anderswo oder überhaupt nie einer gekauft oder auch nur verwendet wurde. Jeder, der über eine E-Mail-Adresse verfügt, kann sich anmelden.

Im System kann man einen Phantasienamen wählen ("Nickname" oder "Alias"), der dann bei den abgegebenen Kundenbewertungen – sie heißen bei Amazon "Rezensionen" – und sonstigen Aktivitäten auf der Plattform aufscheint. Bei Bedarf kann man ihn ändern. Somit bleibt man gegenüber anderen Teilnehmern und über weite Strecken auch gegenüber Amazon anonym. Die Hürden für jene, die manipulieren, sind also niedrig.

Bewertung

Wertung: 4 von 5 Sternen
46 Stimmen
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Kommentare

  • Übersetzung von "Mascherl"
    von Greendaddy am 29.08.2014 um 10:41
    Nur der guten Ordnung halber für die Leser aus der Bundesrepublik nördlich des Mains: In diesem Zusammenhang finde ich die Übersetzung "Schleife" passender als "Fliege". Wie im Text erwähnt: In der Redewendungen "Rezensionen haben kein Hascherl" oder sehr gebräuchlich "Geld hat kein Hascherl" ist ein sichtbares Zeichen gemeint und nicht das Bekleidungsaccessoir. Wie zum Beispiel in "Haar-Mascherl". Das wäre dann die "Haar-Schleife" und keine "Haar-Fliege". (-
  • Verlage motivieren zu Eigen-Reviews
    von aschatt am 28.08.2014 um 13:04
    Vielleicht ein ergänzender Kommentar: Vor wenigen Jahren habe ich ein Buch bei einem der renommiertesten deutschen Wissenschaftsverlage veröffentlicht. Im Rahmen der Marketingmaßnahmen wurde mir vom Verlag dringen angeraten "Kollegen, Freunde und Bekannte" zu motivieren, mein Buch auf Amazon zu bewerten... Ich bin dem Ratschlag (wohl zu meinem eigenen Schaden) nicht gefolgt, gehe aber davon aus, dass dies eine systematische Vorgehensweise von Verlagen und anderen Produzenten ist. Anders gesagt: positive Kommentare auf Handels- oder Tourismus-Plattformen kann man getrost ignorieren, sie sind nahezu wertlos. Ich lese fast ausschliesslich die negativen Bewertungen zumindest jene, die konstruktiv und informiert wirken. Damit kann man eventuell einen Eindruck der möglichen Probleme und Nachteile des jeweiligen Produktes/Angebotes erahnen.
  • @ "Verifizierter Kauf"
    von NETclub50plus am 05.08.2014 um 21:45
    Diese Kennzeichnung ist nur recht beschränkt hilfreich: Wer eine Fake-Rezension beauftrag würde wohl den Preis für den Kauf der Ware mit in die Kalkulation für die "Werbemaßnahme" einbeziehen...
  • ´Verifizierter Kauf´
    von 39373 am 05.08.2014 um 13:14
    Seit einiger Zeit werden Rezensionen von Kunden, die ein Produkt auf amazon tatsächlich gekauft haben, entsprechend markiert, das ist wahrscheinlich die hilfreichste Möglichkeit, gefälschte Bewertungen zu erkennen, wobei es natürlich nicht ausgeschlossen ist, dass jemand ein Produkt anderswo erstanden hat und die Beurteilung trotzdem ehrlich ist...
  • Love it!
    von chris1976 am 18.07.2014 um 15:13
    Im Fernsehen gab es dazu vor einiger Zeit einen Beitrag auf "Stern TV", der von denen beworbene Fake Musiker steht bis heute auf Amazon(plus unzählige Kommentare). http://www.amazon.de/Love-Rock-Prince-one/dp/B00JPJFCZ0/ref=cm_cr_pr_pb_t
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