Amazon: Bewertungen und Rezensionen

Zu viele Bestnoten

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KONSUMENT 9/2014 veröffentlicht: 14.07.2014, aktualisiert: 07.11.2014

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PROBLEM Nr. 1: bezahlte Rezensionen

Bezahlte Rezensionen gelten gemeinhin als das größte Übel – und sind deshalb laut Amazon-Regeln auch streng verboten: Dabei beauftragen Anbieter Text-, Werbe- oder Marketingprofis um (a) positive Rezensionen über ein Produkt zu schreiben und, nicht minder wichtig, (b) auftretenden kritischen Beurteilungen rasch zu begegnen und ihnen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Der umgekehrte Fall – das Heruntermachen der Konkurrenz – kommt auch vor, tritt aber seltener auf. Das Spektrum der Texter reicht dabei von Studenten, die auf Internetplattformen ihre einschlägigen Dienste für ein paar Euro anbieten, über eigene Mitarbeiter der entsprechenden Abteilungen bis zu spezialisierten Agenturen. Zumindest die echten Profis dreschen dabei natürlich keine Werbeparolen, sondern schlüpfen in die Rolle eines normalen Konsumenten, oft mit kleinen persönlichen Gschichterln garniert.

Wer schreibt täglich mehrere Rezensionen?

Geschobene, gekaufte Rezensionen tragen kein Mascherl (für deutsche User: "Fliege", "Schleife", ein sichtbares Kennzeichen). Es gibt aber Indizien, die den Verdacht auf eine gefakte Rezension nahelegen – und diese sind bei weitem nicht auf Amazon beschränkt. Auch namhafte österreichische Unternehmen greifen auf dieses Mittel zurück, um die öffentliche Meinung zu manipulieren. Das hat das Magazin DATUM im November 2014 aufgedeckt - bezeichnender Titel: " Die Netzflüsterer - Wie Parteien und Banken, Pharmakonzerne und Staatsunternehmen das Internet ... mit hunderttausenden Postings manipulierten ."
Es gibt aber Indizien, die den Verdacht auf eine gefakte Rezension oder einen Forenbeitrag nahelegen – wir haben die wichtigsten aufgelistet. Auch der Hausverstand (für deutsche User: gesunder Menschenverstand) ist eine wertvolle Hilfe: Wie wahrscheinlich ist es, dass jemand jährlich rund 1.000 Rezensionen schreibt?

3,5 Monate Arbeit für 1000 Bewertungen

Veranschlagt man pro Rezension 30 Minuten Arbeitsaufwand, sind das für 1.000 Bewertungen 30.000 Minuten, 500 Stunden oder rund dreieinhalb Monate Normalarbeitszeit einer Vollzeit-Arbeitskraft. Würde jeder Rezensent jedes rezensierte Produkt kaufen und ein Produkt durchschnittlich 20 Euro kosten, sind das 20.000 Euro. Das entspricht dem Nettoeinkommen aus zehn Monaten Arbeit, das ein angestellter Vollzeit-Erwerbstätiger durchschnittlich in Österreich verdient. Ist so ein Käuferverhalten plausibel?

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Kommentare

  • Übersetzung von "Mascherl"
    von Greendaddy am 29.08.2014 um 10:41
    Nur der guten Ordnung halber für die Leser aus der Bundesrepublik nördlich des Mains: In diesem Zusammenhang finde ich die Übersetzung "Schleife" passender als "Fliege". Wie im Text erwähnt: In der Redewendungen "Rezensionen haben kein Hascherl" oder sehr gebräuchlich "Geld hat kein Hascherl" ist ein sichtbares Zeichen gemeint und nicht das Bekleidungsaccessoir. Wie zum Beispiel in "Haar-Mascherl". Das wäre dann die "Haar-Schleife" und keine "Haar-Fliege". (-
  • Verlage motivieren zu Eigen-Reviews
    von aschatt am 28.08.2014 um 13:04
    Vielleicht ein ergänzender Kommentar: Vor wenigen Jahren habe ich ein Buch bei einem der renommiertesten deutschen Wissenschaftsverlage veröffentlicht. Im Rahmen der Marketingmaßnahmen wurde mir vom Verlag dringen angeraten "Kollegen, Freunde und Bekannte" zu motivieren, mein Buch auf Amazon zu bewerten... Ich bin dem Ratschlag (wohl zu meinem eigenen Schaden) nicht gefolgt, gehe aber davon aus, dass dies eine systematische Vorgehensweise von Verlagen und anderen Produzenten ist. Anders gesagt: positive Kommentare auf Handels- oder Tourismus-Plattformen kann man getrost ignorieren, sie sind nahezu wertlos. Ich lese fast ausschliesslich die negativen Bewertungen zumindest jene, die konstruktiv und informiert wirken. Damit kann man eventuell einen Eindruck der möglichen Probleme und Nachteile des jeweiligen Produktes/Angebotes erahnen.
  • @ "Verifizierter Kauf"
    von NETclub50plus am 05.08.2014 um 21:45
    Diese Kennzeichnung ist nur recht beschränkt hilfreich: Wer eine Fake-Rezension beauftrag würde wohl den Preis für den Kauf der Ware mit in die Kalkulation für die "Werbemaßnahme" einbeziehen...
  • ´Verifizierter Kauf´
    von 39373 am 05.08.2014 um 13:14
    Seit einiger Zeit werden Rezensionen von Kunden, die ein Produkt auf amazon tatsächlich gekauft haben, entsprechend markiert, das ist wahrscheinlich die hilfreichste Möglichkeit, gefälschte Bewertungen zu erkennen, wobei es natürlich nicht ausgeschlossen ist, dass jemand ein Produkt anderswo erstanden hat und die Beurteilung trotzdem ehrlich ist...
  • Love it!
    von chris1976 am 18.07.2014 um 15:13
    Im Fernsehen gab es dazu vor einiger Zeit einen Beitrag auf "Stern TV", der von denen beworbene Fake Musiker steht bis heute auf Amazon(plus unzählige Kommentare). http://www.amazon.de/Love-Rock-Prince-one/dp/B00JPJFCZ0/ref=cm_cr_pr_pb_t
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