OBJEKTIV UNBESTECHLICH OHNE WERBUNG
KONSUMENT 11/2018 - veröffentlicht am 25.10.2018, aktualisiert am 22.11.2018

Dank Massentourismus wird der Luxus einer Kreuzfahrt auch für Durchschnittsverdiener leistbar. Auf längere Sicht zahlen wir aber alle einen hohen Preis dafür.

Kreuzfahrten boomen in aller Welt. Immer mehr Menschen halten dies für den Nonplus­ultra-Urlaub. Zunehmend größer werden die Kreuzfahrtschiffe – bald 400 Meter lang, 20 Decks hoch. 8.000 Menschen (ein Viertel davon die Besatzung) sind da versammelt.

Seereise Nebensache?

Der typische Kreuzfahrtpassagier ist über 50 – und offenbar vor allem am Essen interessiert, könnte man meinen, wenn man sieht, wie Kreuzfahrten mitunter beworben werden. Die Seereise an sich wird da glatt zur Nebensache. Grünanlagen, Dutzende Pools inklusive Surf-Simulator, Einkaufspromenaden mit laufenden Events, – man könnte glatt vergessen, dass man sich auf einem Schiff befindet.

Umwelt- und Gesundheitsbelastung

Die vielfältigen Luxusangebote kritisch zu hinterfragen ist eine Sache, viele Experten und Aktivisten halten jedoch die Umweltbelastung durch die Kreuzfahrtschiffe für viel schwerwiegender. Hier ist vor allem das Ranking des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) zu erwähnen. Dieser bewertet alljährlich die bekanntesten Kreuzfahrtschiffe im Hinblick auf die Umwelt- und Gesundheitsbelastung.

Ein Schiff kommt auf 5 Millionen Pkw

Im Fokus stehen insbesondere die extrem hohen Abgaswerte. Immer noch fahren Hochseeschiffe überwiegend mit Schweröl, eigentlich einem Abfallprodukt der Erdölraffinerie. Selbst moderne Schiffe blasen täglich rund 7.500 kg Schwefeldioxid, 5.200 kg Stickoxide und 450 kg Rußpartikel in die Luft. Laut NABU emittiert ein einziges Schiff so viele Schadstoffe wie 5 Millionen Pkw.

Schadstoffe an Deck wie in Megacities

Das belastet nicht nur die Umwelt, sondern auch die Gesundheit – Kreuzfahrtschiffe kommen dicht besiedelten Gebieten oft sehr nahe. Mitunter legen sie sogar in unmittelbarer Nähe von Stadtzentren an. Traurige Berühmtheit hat Venedig erlangt, wo sich Schiffskolosse knapp am Markusplatz vorbeischieben (aufgrund vehementer Proteste sollen sie künftig eine weiter entfernte Route durch die Lagune nehmen). Und was den wenigsten Erholungsuchenden bewusst ist: Die Schiffspassagiere an Deck atmen den Dreck ja auch selbst ein. Die Schadstoffkonzentrationen sind dort so hoch wie in den berüchtigten Großstädten Asiens, die von Touristen eher gemieden werden.

Energieverbrauch: wie Kleinstadt, aber Schweröl

Im Gegensatz zu anderen (ebenfalls umweltschädlichen) Transportmitteln wie Flugzeugen oder Autos werden Schadstoffe bei Schiffen nicht nur während der Fahrt ausgestoßen, sondern rund um die Uhr. Denn auch wenn die Schiffe vor Anker gehen, wird der volle Betrieb aufrechterhalten – für Beleuchtung, Klimaanlage, Küche, Events etc. Der Energieverbrauch entspricht dem einer Kleinstadt, und das alles wird mit Schweröl betrieben.

Die an sich logische Inanspruchnahme des an Land vorhandenen Stromnetzes ist meist nicht möglich, da überwiegend weder die Häfen noch die Schiffe dafür gerüstet sind. Der Grund liegt in den Kosten: Strom aus dem eigenen Schweröl ist konkurrenzlos billig. Für Strom, den sie an ihrem Ankerplatz beziehen, müssten die Reedereien gut dreimal so viel zahlen. "Selbst die Reedereien, die es könnten, tun es nicht", so Malte Siegert, Leiter der Umweltpolitik von NABU Hamburg.

Leichte Verbesserungen

Die Situation wendet sich zum Besseren – wenn auch langsam. Ab 2020 sinkt der Grenzwert für Schwefeloxid-Emissionen von 3,5 auf 0,5 Prozent. Bei Schweröl wird eine Reduktion der Emissionen in ähnlichem Umfang wohl kaum möglich sein. Man hofft, dass die Reedereien bis dahin großteils auf Marinediesel – eine Art gereinigtes Schweröl – umgestiegen sind. Allerdings kommt auch Marinediesel auf einen 100-mal höheren Schwefelanteil als herkömmlicher Diesel.

Flüssiggas keine Lösung

Eine spürbare Entlastung der Umwelt könnte durch die Verwendung von Flüssiggas (LNG – liquefied natural gas) erzielt werden. Luftschadstoffe wie Schwefel- oder Stick­oxide würden dadurch stark reduziert. Doch auch hier verläuft die Entwicklung schleppend. Das erste Kreuzfahrtschiff der Welt, das mit LNG betrieben wird, ist erst kürzlich vom Stapel gelaufen – die AIDA Nova.

Den Klimawandel kann im Übrigen auch Flüssiggas nicht aufhalten; was den Kohlen­dioxidausstoß betrifft, unterscheidet es sich kaum von Diesel oder Schweröl. Das hehre Ziel, das sich die Internationale Seeschifffahrtsorganisation IMO gesetzt hat – Halbierung der Treibhausgas-Emissionen bis zum Jahr 2050 – kann mit LNG nicht realisiert werden.

Es geht auch ohne Emissionen

Klimaschutz ist nur mit alternativen Antriebsformen zu erreichen, mit Elektro- oder Wasserstoffmotoren. Ein vielversprechendes Projekt wurde im Juni 2018 in Graz vorgestellt. Ausgerechnet dem Binnenland Österreich ist es gelungen, das Innovationsprojekt der EU HyMethShip an Land zu ziehen. Die Leitung des Projekts wurde dem Großmotoren-Forschungszentrum LEC an der TU Graz zugeschlagen.

Ziel: eine fast vollständige Eliminierung des CO2-Ausstoßes, 80 Prozent weniger Stickoxide und eine um 45 Prozent höhere Energieeffizienz. Das Konzept: Aus Methanol wird Wasserstoff hergestellt, der einen Verbrennungsmotor antreibt. Methanol wiederum wird aus dem anfallenden CO2 gewonnen – ein geschlossener CO2-Kreislauf.

Umsetzung noch weit entfernt

Im Labor funktioniert das Ganze bereits … Bis zur Umsetzung in der Praxis werden allerdings noch viele Jahre vergehen. Dabei sind es nicht die Forschungsarbeiten, die eine so lange Zeit in Anspruch nehmen würden. Für das EU-Projekt sind laut LEC-Pressesprecherin Nina Simon drei Jahre veranschlagt. Es liegt vielmehr an den Reedereien, die ihre alten Schiffe erst dann aus dem Verkehr ziehen, wenn sie schrottreif sind. 

Die Lebensdauer eines Kreuzfahrtschiffes beträgt rund 40 Jahre, und auch heute noch werden Schiffe gebaut, die auf Schweröl ausgelegt sind und keine effiziente Abgasreinigung besitzen.

Keine Einsicht bei den Schiffsbauern

Der Naturschutzbund Deutschland stellt der Branche ein vernichtendes Zeugnis aus. Nur 7 der 76 untersuchten Schiffe würden überhaupt nennenswerte Maßnahmen zur Luftreinhaltung setzen, beispielsweise mit Stickoxid-Katalysatoren. Das betreffe die deutschen Anbieter AIDA, TUI Cruises und Hapag Lloyd, während die Branchenriesen MSC (Italien) oder Royal Caribbean (USA) so gut wie keine Anstrengungen unternähmen. Letztlich hätten aber alle Kreuzfahrtunternehmen enormen Aufholbedarf.

Wer die Liste der Reedereien durchgeht, wird Staaten wie USA oder Deutschland vergeblich suchen. Die meisten großen Anbieter verstecken sich hinter kleinen exotischen Staaten. So kommt es, dass in der Schifffahrtsorganisation IMO unter den 173 Vollmitgliedern Panama, Liberia und die Bahamas die größten sind – gemessen an der Tonnage der unter ihrer Flagge fahrenden Schiffe. Sie geben auch den Ton an. Da darf es nicht verwundern, dass die freiwilligen Umweltziele so bescheiden sind.

Steuervorteile statt Umweltschutz

Eine schlüssige Erklärung für dieses kuriose Flaggen-Versteckspiel können die Reedereien nicht liefern. "Das würde den Rahmen Ihres Artikels sprengen", so die bemerkenswerte Argumentation von Godja Sönnichsen, Pressesprecherin bei TUI Cruises. Andere Branchenkenner sprechen da offener. Peter Geitmann, Gewerkschaftssekretär Schifffahrt von der deutschen Gewerkschaft ver.di, nennt die enormen Steuervorteile als Beweggrund: "Die [Reedereien, Anm. Redaktion] haben sich damit dumm und dämlich verdient."

Zusätzlich sind die gesetzlichen Auflagen denkbar gering. Die Sicherheits- und Umweltinspektionen sind viel lascher als anderswo.

Ausbeuterische Arbeitsbedingungen

Miserabel steht es auch um den Arbeitnehmerschutz. Überwiegend werden Filipinos engagiert. Der philippinische Staat ist sehr bemüht, seine riesige Zahl an Arbeitskräften dort unterzubringen – nicht gerade zu deren Vorteil. Die Menschen müssen sich mit einem Stundenlohn von ein oder zwei Euro zufriedengeben, arbeiten 12 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, für 8 bis 10 Monate. Danach endet der befristete Arbeitsvertrag und die Leute stehen auf der Straße.

Laut Geitmann gilt diese Praxis aber auch für Reedereien wie AIDA, die kein exotisches Steuerparadies als Flaggenstaat gewählt hat, sondern unter italienischer Flagge fährt. Die niedrigen Standards betreffen nicht die Seeleute oder den Chef de Cuisine, sondern die Masse an Arbeitskräften, die Putzdienste leisten oder in der Wäscherei tätig sind – Menschen, die man als Tourist nicht zu Gesicht bekommt.

Kreuzfahrten vs. Klimaziele

Die Anbieter weisen die Kritik pauschal zurück und betonen vor allem die positiven Aspekte. So rühmt sich TUI Cruises in seinem jüngsten Umweltbericht, jedes seiner Schadstoffreduktionsziele deutlich übererfüllt zu haben. MSC Cruises pflichtet dem bei: "Tatsächlich unternimmt die gesamte Branche maßgebliche Schritte, um den Schadstoffausstoß signifikant zu reduzieren."

Auch die Costa-Group rühmt sich, "seit Langem ein Branchenführer" in Sachen Nachhaltigkeit zu sein. Kritiker sehen das deutlich skeptischer: "Die brüsten sich damit, dass sie die gesetzlichen Bestimmungen einhalten" (Siegert). Es habe schon ein Umdenken gegeben, räumt Christian Baumgartner, Nachhaltigkeitsexperte und Begründer der Wissensdrehscheibe response & ability, ein. Doch die Frage sei: "Können wir uns das mittelfristig noch leisten? Die Kreuzfahrt passt eigentlich nicht zu unseren Klimazielen."

Was kann ich tun?

Am besten wäre es natürlich, auf eine Kreuzfahrt zu verzichten. Wer sich eine solche unbedingt einmal gönnen will, kann zumindest die CO2-Emission einer solchen Reise kompensieren – indem er einen finanziellen Beitrag für ein Klimaschutzprojekt leistet. Das lässt sich bei einschlägigen Organisationen wie atmosfair oder myclimate problemlos online durchführen. Die Luftverschmutzung durch Schwefel- oder Stickoxide sowie Rußpartikel lässt sich so allerdings nicht aufwiegen.

Leserreaktionen

Nobel geht die Welt zugrunde?

Ich habe mit großem Interesse Ihren Artikel über die Kreuzfahrtschiffe gelesen und zolle Ihnen Bewunderung, dass Sie dieses heiße Thema sich anzuschneiden getrauen. Leider liest man viel zu selten über diese Art von Klimaschädigung, verursacht vom gut verdienenden „Mittelstand“ der Bevölkerung. Ein altes Sprichwort beschreibt sehr gut diesen Zustand: „Nobel geht die Welt zugrunde.“

Einen „guten Fang“ haben Sie auch mit dem Kolumnisten Michael Hufnagl gemacht. Ich kenne und schätze ihn von dem sonntäglichen Kurier-Beitrag „Paaradox“. Er ist ein Feinspitz der geschliffenen Formulierkunst.

Josef Siedl
E-Mail
(aus KONSUMENT 12/2018)