OBJEKTIV UNBESTECHLICH OHNE WERBUNG
veröffentlicht am 05.02.2019

Hartwig Kirner ist seit 2007 Geschäftsführer von Fairtrade Österreich. Im Interview nimmt er Stellung zum Austritt Josef Zotters aus dem Fairtrade-System und verweist auf die Verantwortung der Konsumenten.

Hartwig Kirner (Copyright: FAIRTRADE Österreich)

KONSUMENT: Es gibt immer wieder Kritik an Fairtrade. Zuletzt war der Austritt des Schokolade-Unternehmers Josef Zotter aus dem Fairtrade-System ein Thema. Sein Kritikpunkt: Mangelnde Transparenz aufgrund des Mengenausgleichs bei Fairtrade-Schokolade.

Hartwig Kirner: Dazu sei zuerst gesagt, dass wir niemanden zwingen, Mengenausgleich zu betreiben, die Salzburger EZA Fairer Handel GmbH zum Beispiel verwendet rückverfolgbaren Kakao in ihren Produkten. Zweitens: Fairtrade hat den Mengenausgleich nicht erfunden, er ist auch in der herkömmlichen Kakaoproduktion gang und gäbe. Es handelt sich hier um eine sehr arbeitsteilige Industrie, kaum ein großer Hersteller produziert die Schokolademasse selbst.

Können Sie das Prinzip des Mengenausgleichs, auch Massenbilanzierung genannt, erklären?
Bei Kakao, Zucker, Orangensaft und Tee ist die physische Rückverfolgbarkeit nicht überall möglich, da bei der Verarbeitung konventionelle und fair produzierte Rohstoffe vermischt werden können. Die Mehrkosten für eine Trennung der Rohstoffe wären hier erheblich, würden aber nicht beim Bauern ankommen, weil sie in der Produktion versickern. Das Ziel von Fairtrade ist jedoch, dass es den Bauern besser geht. Die Fairtrade-Bauernfamilien und Beschäftigten auf Plantagen profitieren von denselben Fairtrade-Vorteilen.

Woher kommt die Kritik am Mengenausgleich?
Der Denkfehler liegt darin zu glauben, dass letztendlich nur 20 Prozent Fairtrade-Kakao in einer Tafel Schokolade sind, aber das stimmt so nicht. Die gesamte Menge an Kakao für eine Fairtrade-Schokolade muss auch bei Mengenausgleich bei Fairtrade-Bauern eingekauft werden. Anders ist es bei der Bio-Zertifizierung – dort macht es tatsächlich einen Unterschied.

Fairtrade ist also nicht gleich Bio?
Nein, nicht automatisch. Es gibt einen großen Markt für Produkte, die nicht das Bio-Gütesiegel haben. Und nicht jeder Bauer will umstellen, auch deshalb, weil die Zertifizierung für ärmere Bauern nicht leicht zu erreichen ist.

Stichwort Kosten: Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass arme Bauern sich die Fairtrade-Zertifizierung nicht leisten können.
Fairtrade steht für „Trade not Aid“ und ist ein handelsbasierter Zugang, keine Hilfsorganisation. Für Bauern in Ländern des Südens ist es eine betriebswirtschaftliche Entscheidung, sich Genossenschaften anzuschließen und sich zertifizieren zu lassen. Wir verfolgen hier einen anderen Ansatz als klassische Hilfsprojekte.

Wie hoch sind die Kosten für eine Zertifizierung?
2000 Dollar im Jahr – das mag für eine sehr kleine Kooperative ein Thema sein, für eine mittelgroße jedoch schon nicht mehr. Letztendlich profitieren die Bauern ja auch von der Fairtrade-Prämie. Es kommt auch vor, dass Genossenschaften sich de-zertifizieren lassen, wenn es zu wenig Absatz für Fairtrade-Produkte gibt, sie werden dabei von Fairtrade beraten. Man muss bedenken, dass nicht nur die Bauern von Fairtrade profitieren, sondern auch das jeweilige soziale Umfeld. Jede Kooperative kann sich bewerben, wenn aber keine Verkäufe stattfinden, fallen für die Kooperative nur die Kosten an, ohne dass sie von dem Fairtrade-Mindestpreis und der -Prämie profitiert. Dann ist es besser, wieder auszusteigen.

Gibt es Subventionen für Bauern, die sich zertifizieren lassen wollen?
Es gab welche, die aber wieder abgeschafft wurden, weil sie zu versteckten Kosten bei den Bauern geführt haben.

Was ist aus Ihrer Sicht verbesserungswürdig am Fairtrade-System?
Wir müssen erreichen, dass die Kakaobauern in der Elfenbeinküste mehr verdienen, um ein menschenwürdiges Einkommen zu haben. Die Absatzmengen und die Preise müssen steigen –  leider sind wir dort noch lange nicht. Im Allgemeinen muss das Living Income für Bauern noch besser werden, ein Einkommen, das zum Leben und nicht bloß zum Überleben ausreicht. In unserer Strategie dazu geht es vor allem um den Preis und die Absatzmengen, aber auch um die Steigerung der Produktivität. Dieses Thema soll in den nächsten Jahren noch forciert werden. Zurzeit gibt es zwei Pilotprojekte: Bei Bananen geht es um die Löhne der Arbeiter und bei Kakao um die Einkommen der Bauern.

Stichwort Arbeiter: Werden diese immer gerecht entlohnt?
Bei Arbeiterinnen und Arbeitern auf Plantagen greift der Fairtrade-Standard gut, d.h. die Bedingungen werden verbessert. Bei Menschen, die auf Kleinbauernkooperativen arbeiten, wie etwa Erntehelfer, ist es schwieriger, einen fairen Lohn zu gewährleisten. Ich kann einem Kleinbauern, der selbst nicht genug hat, schwer vorschreiben, wie viel er einem Arbeiter zu zahlen hat. Diese Fälle sind aber eine Minderheit im Fairtrade-System. Unser Ziel muss jedenfalls sein, das Einkommen der Bauern im Allgemeinen zu erhöhen. Dazu brauchen wir auch mehr Partnerfirmen und natürlich Konsumenten, die Fairtrade-Produkte kaufen.

Viele Konsumenten kaufen keine Fairtrade-Produkte, weil sie teurer als konventionelle sind.
Tatsache ist, dass eine Mehrheit in Österreich sich die höheren Preise leisten könnte, im Durchschnitt geben die Konsumenten jedoch derzeit nur zehn Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus. Die Frage, die wir uns stellen sollten, ist: Ist es uns das wert?
Bei einigen Produkten wie Bananen gibt es zudem kaum noch einen Preisunterschied zu herkömmlichen Produkten, weil der Handel die Differenz schluckt. Am größten ist der Preisunterschied bei Fairtrade-Kleidung. Das liegt daran, dass die Wertschöpfungskette – der Weg von der Baumwolle, bis zum fertigen Produkt – so komplex ist.