Selbstoptimierung

Die Vermessung des Ichs

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KONSUMENT 2/2019 veröffentlicht: 31.01.2019

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Die Anhänger der Quantified-Self-Bewegung prüfen und bewerten das eigene Leben mit digitalen Helferchen. Deren Anbieter machen die Daten zu Geld.

Zig Millionen Menschen machen den Trend mit. Sie tragen Fitnessarmbänder oder ­andere mit Sensoren bestückte Messgeräte und verwenden entsprechende Smartphone-Apps. Sie erheben die am Tag geleisteten Schritte, die sportlichen Aktivitäten, die ­zurückgelegten Distanzen und die zu sich genommenen Mahlzeiten. Sie messen den Stresslevel, den Puls und die Konzentration. Sie analysieren die "kognitive Performance" oder die Meditationszeiten.

Schneller schlafen?

Digitale Helfer protokollieren Arbeit, Schlaf und Freizeit. Wer allerdings übertreibt, der muss mit Folgen für sein Privatleben rechnen. Sie führen ein Produktivitäts-Logbuch, indem sie die Qualität ihrer Arbeit bewerten. Manche protokollieren sogar ihre sexuellen Aktivitäten und klopfen diese auf den Kalorienverbrauch hin ab. Nicht einmal zur Schlafenszeit ist Schluss. Mithilfe eines Stirnbandes wird die Gehirnaktivität gemessen und so das Schlafmuster analysiert. Leichtschlaf- und Traumphasen werden erhoben, wodurch die Dauer des Schlummers reduziert werden kann. Schneller schlafen lautet die Devise.

Ich, ich, ich

Quantified Self (auf Deutsch: das quantifizierte Selbst) nennt sich diese Bewegung, die in den Nullerjahren in der Gegend rund um das kalifornische Silicon Valley entstand. Was sie sich von dieser speziellen Form der Buchführung verspricht, liegt auf der Hand: Erkenntnisgewinne, die zu einem noch gesünderen, bewussteren und besseren Leben verhelfen sollen. Es gilt, noch mehr aus seinem Dasein herauszuholen und "ein noch tolleres Ich" zu werden. Kritiker beschreiben diese Art von Forscher­drang als zwanghafte Selbstbespiegelung, als Optimierungs- und Effizienzwahn einer narzisstischen Generation.

Immer neue Messinstrumente

Die mit Messinstrumenten ausgestatteten Self-Tracking-Jünger kommen in über 130 Städten weltweit zu regelmäßigen Treffen zusammen. Dort zeigen sie ihre in Diagramme und Rankings gepressten "Leistungen" her, vergleichen sie mit anderen, prüfen, planen und schauen sich um, welche neu auf den Markt gekommenen Instrumente in ihren Augen außerdem noch sinnvoll ­wären. Theoretisch messen können die ­Datenjunkies neben den getätigten Schritten mittlerweile so gut wie alles: den Stromverbrauch, die Anzahl der gelesenen Mails, den Gemütszustand oder die gehörte Musik.


Dieser Artikel wurde aus den Mitteln des Verbraucherprogramms der Europäischen Union (2014 – 2020) gefördert.

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