Masern: Spätfolge Gehirnentzündung

Risiko SSPE

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KONSUMENT 4/2019 veröffentlicht: 28.03.2019

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Ist das Risiko für die Gehirnentzündung SSPE als Folge einer Masernerkrankung größer als lange Zeit angenommen?

Beweislage: niedrig. Bislang ging man davon aus, dass es pro 100.000 Masernfälle zu einer SSPE-Erkrankung kommt. Das Risiko für die tödlich verlaufende Gehirnentzündung scheint in Deutschland, Großbritannien und den USA aber deutlich über dieser Schätzung zu liegen. Um das Risiko genauer zu berechnen, braucht es allerdings noch weiterer Daten.

KONSUMENT Faktencheck-Medizin: Beweislage niedrig


Früher machten fast alle Kinder die Masern durch – eine hoch ansteckende und gefährliche Krankheit. Vor der Einführung der Masernimpfung starben weltweit etwa 2 Millionen Menschen daran. Durch die Impfung ist die Anzahl der Masernfälle und damit der Todesfälle aufgrund von Masern stark zurückgegangen. Schätzungen zufolge hat die Impfung im Zeitraum 2000 bis 2016 rund 20,4 Millionen Todesfälle verhindert. Doch gerade der Erfolg der Impfung dürfte die Ursache dafür sein, dass heute in den Industrienationen viele Menschen Masern für eine harmlose Kinderkrankheit halten. Kaum jemand kennt Personen, die an schwerwiegenden Folgen einer Masernerkrankung leiden. 

Schwere Komplikation: tödliche Gehirnentzündung

Bei einer seltenen und besonders schweren Komplikation breitet sich die Erkrankung auf das Gehirn aus. Dabei greifen Masernviren ungefähr fünf bis zehn Jahre nach der Infektion Nervenzellen an. Die Erkrankung wird „Subakute sklerosierende Panenzephalitis“ (SSPE) genannt. Sie ist unheilbar. Als Spätfolgen der Masern löst die Krankheit u.a. geistigen Abbau, Verhaltensveränderungen, Bewegungsstörungen, Krampfanfälle und Demenz aus. SSPE führt schließlich zum Koma und immer zum Tod. Bei der letzten großen Masernepidemie in Österreich Mitte der 1990er-Jahre kam es zu etwa 28.000 bis 30.000 Infektionen. In der Folge erkrankten 16 Kinder an SSPE. Bisher war man davon ausgegangen, dass von 100.000 Masernerkrankten „nur“ etwa eine Person im späteren Leben SSPE entwickelt. 

Risiko unterschätzt?

Doch das Risiko scheint unterschätzt worden zu sein. Neueren Studien zufolge tritt bei ein bis zwei von 10.000 Betroffenen im späteren Leben SSPE auf. Eventuell noch häufiger könnten Kinder betroffen sein, die im Alter von weniger als zwei Jahren Masern durchmachen. Um zu einer sicheren Einschätzung zu gelangen, bedarf es allerdings weiterer, verlässlicher Fallzahlen, zum Beispiel aus umfassenden nationalen Registern. Diese Zahlen liegen aber oft nicht vollständig oder für längere Zeiträume vor. Denn nicht alle SSPE-Fälle werden erkannt und in zentralen Verzeichnissen gesammelt. 

Kein erhöhtes Risiko durch Impfung

Zur Impfung gegen Masern gibt es in Österreich Kombinationsimpfstoffe. Diese schützen auch gegen Röteln und Mumps sowie Windpocken (MMR-Impfung). Die Impfung kann bei 5 bis 15 von 100 Geimpften Fieber verursachen. Bei etwa 5 von 100 löst sie einen vorübergehenden Hautausschlag aus. Das sind nicht ansteckende "Impfmasern“. Möglich sind auch eine Blutplättchenarmut sowie in seltenen Fällen Fieberkrämpfe. 

Die wissenschaftliche Non-Profit-Organisation Cochrane untersuchte einen möglichen Zusammenhang der MMR-Impfung mit

  • Autismus
  • Asthma
  • Leukämie
  • Pollenallergie
  • Diabetes
  • Gangstörungen
  • Morbus Crohn
  • Nervenerkrankungen wie Multiple Sklerose sowie
  • bakteriellen oder viralen Infektionen.

Für keine dieser Krankheiten konnte sie ein erhöhtes Risiko feststellen.

Lesen Sie mehr: Medizin Transparent: Selten, aber tödlich: Gehirnentzündungen als Spätfolgen von Masern

Stimmt das, was die berichten?

Beinahe täglich berichten Medien von Behandlungsmethoden, diagnostischen Tests und Studien. Wie aber steht es mit den Fakten hinter diesen Meldungen? Können wir glauben, was wir lesen? In unserer Rubrik "Fakten-Check Medizin" finden Sie Informationen, ob es für Medienberichte zu medizinischen Themen echte wissenschaftliche Beweise gibt. "Faktencheck Medizin" ist eine Kooperation von KONSUMENT mit Cochrane-Österreich. Cochrane-Österreich ist werbefrei, unabhängig und wird durch die Bundesgesundheitsagentur gefördert.

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