Nordic-Walking-Stöcke

Mit Riesenschritten

Seite 8 von 13

Nächsten Inhalt anzeigen
Konsument 6/2004 veröffentlicht: 26.05.2004

Inhalt

Interview: "Sport ist Lebensqualität"

Univ.Prof. Dr. Hans Tilscher,
Orthopädisches Spital Wien-Speising

   Univ.Prof. Dr. Hans Tilscher, Orthopädisches Spital Wien-Speising

Nordic-Walking ist zu einem Trendsport geworden. Ist das aus der Sicht der Orthopädie zu begrüßen?

Beim Walken, ebenso wie beim Laufen oder Radfahren, soll das Herz-Kreislauf-System belastet werden, um damit einen Trainingseffekt zu erzielen. Bei jedem Kreislauftraining werden aber meistens nur die Beine belastet, aber nicht die Schultern.

Der Vorteil des Nordic Walking gegenüber dem Gehen ohne Stöcke ist der, dass auch die Schulter eingesetzt wird. Wir haben das Bergwandern mit Stöcken ja schon vor 20 Jahren propagiert. Denn wenn Sie Stöcke einsetzen, bewegen Sie den ganzen Körper, aktivieren auch die Schultermuskulatur, Trapezmuskel, Deltamuskel, Brustmuskel oder die Schulterblattfixatoren: Das ist vom orthopädischen Standpunkt aus gesehen sehr zu begrüßen.

Das Gehen mit Stöcken ist eindeutig im Vorteil?

Sicher. Wenn Sie überlegen, wie die Leute früher gegangen sind: mit einem Rucksack – einem alten Rucksack, der an der Schulter gehangen ist und nicht an einem Beckengurt abgestützt war. Sie haben sich an den Schulterriemen angehalten, was nicht nur dazu führte, dass die Riemen die Schultern eingeschnitten haben, sondern auch dazu, dass aufgrund von Zirkulationsstörungen die Hände eingeschlafen sind. Daher kann eine Orientierung am Vierfüßlergang – und das Gehen mit Stöcken ist ja wirklich eine Imitation davon – physiologisch nur positiv gesehen werden.

Ist das jetzt das Nonplusultra im Sinne einer gesunden sportlichen Betätigung?

Wenn Sie gesund sagen, müssen Sie hinzufügen für wen. Es gibt einen Jugendsport, der ganz andere Zielrichtungen als der Erwachsenensport hat, und dann gibt es auch noch einen Seniorensport. Und beim Seniorensport gilt es immer zu bedenken, dass meist Beschwerden bestehen. Da fängt es an, medizinisch zu werden. Es hängt dabei vom Konstitutionstyp bzw. vom orthopädischen Befund ab, was man den Menschen empfehlen und wovon man eher abraten soll. Aufgabe der Medizin ist es, alle Maßnahmen zu treffen, Menschen den Sport zu ermöglichen und nicht zu verbieten. Denn Sport bedeutet Lebensqualität.

Aber Sport sollte ja auch der Gesundheit förderlich sein.

Sport heißt eigentlich sich zerstreuen. Er soll also primär Lustgefühl erwecken. Natürlich soll er darüber hinaus auch gesundheitsfördernde Effekte haben. Nur wenn Sie Sport einseitig als Leistungssport oder Kampfsport betreiben, kann man dem von gesundheitlicher Seite nicht mehr viel abgewinnen. Wenn Sie etwa an Triathlon denken, dafür ist der Körper einfach nicht gedacht. Oder dass sie 5 Meter stabhochspringen, oder 7 Meter und mehr weitspringen...

Aber das sind Extremfälle. Das Problem, das wir in den Industrieländern haben, ist ein anderes: Unser Körper war ursprünglich für eine tägliche Belastung gedacht – für die Suche nach Nahrung, zur Flucht oder zum Angriff. Durch die Zivilisation, letztendlich durch den Getreideanbau, konnte die Ernährung eines großen Kollektivs gesichert werden. Das hat zur Arbeitsteilung geführt und dazu, dass die meisten Arbeiten heute im Sitzen durchgeführt werden. Und eigentlich sollte Sport, das ist mein Wunsch, das durch die Zivilisation verloren gegangene Ausmaß an Bewegung wieder ersetzen.

Gut, und wie geht man da jetzt am besten vor?

Also ich zum Beispiel habe gerade meinen Trainingsanzug an, ich laufe seit dem Jahr 1971 – damals hat man das Wort Joggen noch nicht gekannt –, ich laufe und ich mache Gymnastik. Sie wissen, wir machen österreichweit Wirbelsäulenprävention im Rahmen der Aktion SOS Körper. Wir haben, soweit ich weiß, bis heute über eine Million Informationsbroschüren verteilt. Es ist wichtig, dass Sie neben einem Kreislauftraining (ob Walken, Laufen oder Radfahren) diese Turnübungen täglich machen, denn die würden einen großen Teil dieser verloren gegangenen Bewegungen ersetzen.

Das gilt auch für gesunde Menschen, die keine Leiden haben?

Das betrifft auch und besonders gesunde Menschen. Und weil Sie diese Frage stellen, möchte ich eines erwähnen: Ich freue mich sehr über die Aktivitäten des Gesundheitsministeriums zur Förderung der Bewegung, aber ich sehe darin eigentlich nur Kreislauftraining berücksichtigt. Dabei wird Folgendes übersehen: Die wichtigste Krankenstandsursache sind Störungen des Stütz- und Bewegungsapparates. Die bei weitem häufigste Ursache für Frührenten ebenso – 44 % aller Frührenten sind auf den Bewegungsapparat zurückzuführen.

Keine Vorsorge

Und dennoch findet sich im Gesundheitsprogramm des Ministeriums nicht der geringste Ansatz an Wirbelsäulenprävention. Das ist keine Kritik, es fällt mir nur auf. Ich würde doch meinen, dass wir einer 60- oder 70-Jährigen, die in einem Gemeindebau wohnt, nicht den Aufzug verbieten sollten, sondern ich bin froh, dass sie den Aufzug hat und damit überhaupt in ihre Wohnung kommt. Und das sind ja auch Bürger unseres Landes, die unserer Aufmerksamkeit bedürfen.

Nordic Walking ist ja noch ein junger Sport – Gibt es dennoch schon Erfahrungen mit typischen Verletzungen oder Schädigungen aufgrund falscher oder übertriebener Ausübung dieses Sports?

Manche überlasten sich

Manche Leute überlasten ihren Kreislauf, die haben bis jetzt noch nie Nordic Walking betrieben. Man sollte einen gewissen Herzfrequenzbereich einhalten. Wenn der unterschritten wird, hat das Ganze keinen Trainingseffekt, wird er überschritten, erhöht das den Milchsäurespiegel und schadet mehr als es nützt. Für den richtigen Puls gibt es Faustregeln, aber man sollte es besser sportmedizinisch austesten lassen. Wenn Sie das beherzigen, hat Nordic Walking, so wie das Laufen, Schwimmen oder Radfahren, einen Sinn. Allerdings können durch den Stockeinsatz bzw. durch Überlastung Muskeln und Gelenke geschädigt werden: im Bereich der Schulter, im Ellenbogen oder im Handgelenk. Wir haben aber einstweilen noch keine „Opfer“ des Nordic Walking, gravierende Fälle gibt es nicht.

Sünden müssen gebüsst werden

Der Bewegungsapparat und der menschliche Körper insgesamt tolerieren ja sehr lange, das ist auch unser Glück beim Alkoholkonsum, aber eines Tages kommt es zum Zahlen. Eines sollte bedacht werden: Das gesunde Leben, wie es jetzt gepredigt wird, wird nur dann positive Auswirkungen haben, wenn die Kontinuität gewahrt wird. Nicht dass Sie jetzt vier Wochen einen Wellnessurlaub machen und dann gehen Sie heim und essen wieder Ihr gewohntes Schmalzbrot, dann hat das Ganze wenig Sinn. Das wichtigste ist Kontinuität.

Bewertung

Wertung: 2 von 5 Sternen
1 Stimme
Weiterlesen
KONSUMENT steht jetzt auch als E-Paper zur Verfügung!