KONSUMENT.AT - Geld für jeden Bürger: Bedingungsloses Grundeinkommen - Interview mit Univ.Prof. Barbara Prainsack

Geld für jeden Bürger: Bedingungsloses Grundeinkommen

"Sprung ins kalte Wasser"

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KONSUMENT 3/2021 veröffentlicht: 25.02.2021

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Alternativlos oder Utopie? Interview mit Univ.Prof. Barbara Prainsack. Sie ist Expertin für Gesundheitspolitik und Verfechterin eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE).

Barbara Prainsack - Professorin für Vergleichende Politikfeldanalyse (Foto: Gregor Hofbauer)

KONSUMENT: Hat die Corona-Krise das Bewusstsein für ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) geschärft?
Univ.Prof. Barbara Prainsack: Das klassische Argument, dass die Tüchtigen eine ­Arbeit haben und mit denen, die keine ­Arbeit haben, sei etwas falsch, hält jetzt nicht mehr. Man sieht, dass es jeden treffen kann, und das führt bei vielen zum Wunsch nach einer berechenbaren und bedingungslosen Grundsicherung. Die Uni Wien hat im April und im Oktober 2020 eine repräsentative Umfrage zum bedingungslosen Grundeinkommen gemacht. Die Zustimmung ist in dieser Zeit um sieben Prozentpunkte gestiegen. Davor waren es rund 40 Prozent, die dafür waren, und 40 Prozent, die dagegen waren. Und ja, das Thema ist auch vermehrt von den Medien aufgegriffen worden.

Sind wir überhaupt reif für ein BGE? Macht zu viel Freiheit nicht orientierungslos, gar hilflos? (Lohn-)Arbeit gibt vielen doch den nötigen Halt?
Wahrscheinlich ist keine Gesellschaft wirklich reif dafür, es wäre ein Sprung ins kalte Wasser. Das BGE wäre ein Ermächtigungsinstrument, etwa für Menschen, die in ihre Ausbildung investieren möchten, oder für wichtige Erholungspausen. Wer hat heute noch Ruhe, sich wirklich zu erholen, um wieder gut arbeitsfähig zu sein? Das BGE würde jedenfalls nicht alle Probleme des Arbeitsmarktes lösen. Zudem wäre jetzt, während der Krise, ein schlechter Zeitpunkt, es einzuführen, weil es ja jetzt nur wenige Jobs gibt, weil die Ausgaben nicht über die Wirtschaftsleistung gedeckt werden können. Wir können aber jetzt darüber nachdenken und in ein paar Jahren konkreter werden – wenn wir aus der Krise wieder auftauchen.

Gibt es Staaten, in denen das BGE bereits erfolgreich umgesetzt wurde?
Ein universelles BGE, also eines für alle Bewohner eines Landes, hat es bisher nicht gegeben. Manche sehen die Ausschüttungen aus dem Alaska Permanent Fund als Grundeinkommen an. [Anm: Alle Bewohner Alaskas bekommen jährlich eine Dividende aus den Gewinnen des Erdöl-Geschäfts ausgezahlt.] Betrag pro Person und Jahr: derzeit 992 Dollar. Das ist also nicht existenz­sichernd. Es gab auch immer wieder Experimente zum BGE für bestimmte Gruppen; etwa in Finnland, wo 2.000 arbeitslose Finnen zwei Jahre lang ein bedingungsloses Grundeinkommen in Höhe von 560 Euro pro Monat erhielten. In Australien, das aufgrund der schon 2019 wütenden Buschfeuer noch länger in der Krise ist, wird seit einiger Zeit über ein Grundeinkommen diskutiert.

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Bewertung

Wertung: 4 von 5 Sternen
8 Stimmen

Kommentare

  • BGE
    von kschneider am 22.03.2021 um 12:34
    Nur als Beitrag zur Diskussionskultur: im Ö1 Magazin "help" vom 20.03.2021 war die ganze Sendung (!) einer Diskussion zu diesem Thema zwischen dem BGE-Aktivisten Klaus Sambor und dem Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) Christoph Badelt gewidmet - und das war für Konsument/inn/en wesentlich spannender und informativer als das u.a "einäugige" Interview....
  • Staatlicher Investitionsfonds besser
    von k17 am 01.03.2021 um 16:07
    Damit die Diskussion nicht nur negativ bleibt:
    Ich schlage lieber einen staatlichen Investitions-Fonds vor - nach norwegischem Vorbild - der Ausschüttungen an jeden Bundesbürger tätigt.
    Nicht als Ersatz zum bestehen Sozialnetz sondern zusätzlich.
    So könnte der Staat einerseits seine Anleihen finanzieren, einen Teil davon investieren und an der weltweiten wirtschaftlichen Entwicklung partizipieren.
    In den Genuss kommen die Bürger. Auch könnte der Staat so "grüne" Projekte fördern; und zwar nach einem marktwirtschaftlichen Vorbild.
    Dies halte ich für ein vernünftigeres "Kreislaufmodell", das positive Impulse für Staat, Wirtschaft und auch jeden einzelnen Staatsbürger produziert.
    Für alle nichtvolljährigen Bürger könnten die Ausschüttungen auf ein Treuhandkonto kommen und sich so ein Startkapital sammeln, was auch z.B. Bildungschancen erhöhen könnte.
    Für ältere Bürgerinnen und Bürger könnte dieses Modell einen Zuschuss zu Pflegekosten bedeuten.
    Vielleicht kann der KONSUMENT ja auch jemanden zu diesem Modell interviewen :-)
  • Kritik BGE
    von REDAKTION am 26.02.2021 um 09:36
    Im Interview kommt nur eine Person zu Wort. Unserer journalistischen Sorgfaltspflicht und Objektivität sind wir nachgekommen, indem wir Argumente der Kritiker eines BGE wertfrei aufgegriffen und in entsprechend kritischen Fragen einfließen haben lassen.
    Dass Sie eine Diskussion zum Thema anstoßen, freut uns - dafür ist die Kommentarfunktion ja auch gedacht!
    Ihr KONSUMENT-Team
  • Kritik zu 100 % richtig
    von k17 am 25.02.2021 um 14:43
    Dem kann ich mich nur vollumfänglich anschließen!! Völlig einseitige Berichterstattung.
    Wir brauchen in Österreich sicher nicht weniger unternehmerisches Denken, sondern mehr.
    Was bei diesen Fantasien auch regelmäßig unterschlagen wird, ist, dass hier bereits
    versteuerte Substanz noch einmal besteuert werden soll. Was auch verfassungsrechtlich höchst problematisch ist (siehe Deutschland).
    Von unserem Bildungssystem, dass der breiten Bevölkerung eigentlich auch den Umgang mit Geldanlage und wirtschaftliches Basiswissen beibringen sollte, möchte ich erst gar nicht anfangen …
  • BGE
    von kschneider am 25.02.2021 um 10:20
    Kritik: gerade bei dieser ausgesprochen kontrovers beurteilten Frage wäre es nicht nur spannend, sondern auch fair (gewesen), nicht nur eine dezidierte BEFÜRWORTERIN, sondern im Sinne des "audiatur et altera pars" eine(n) KRITIKER/IN (oder gar eine/n FINANZFACHMANN/FRAU!) zu Wort / Schrift kommen zu lassen!!! Und bei den Finanzierungsideen dieses "emanzipatorischen Transformationsinstrumentes" (alle Abgaben auf Arbeit wie die Einkommensteuer abschaffen; Erhöhung der Mehrwertsteuer auf bis zu 100 Prozent, dazu Erhöhung der Vermögenssteuer, unter Umständen die Einführung anderer Steuern wie einer Erbschaftssteuer. Der Spitzensteuersatz beginnt früher zu wirken. Dazu kommt eine stärkere Besteue­rung von Vermögen) stellen sich wohl nicht nur mir die Haare auf...das scheint glücklicherweise in Österreich nicht politisch-rechtlich mehrheitsfähig zu sein...träumt weiter!