KONSUMENT.AT - Atropin bei Kurzsichtigkeit - Nachhaltige Wirksamkeit unbestätigt

Atropin bei Kurzsichtigkeit

Hilfreiche Behandlung?

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KONSUMENT 4/2020 veröffentlicht: 26.03.2020

Inhalt

Hemmt Atropin nachhaltig das Fortschreiten von Kurzsichtigkeit bei Kindern?

Beweislage: unzureichend. Augentropfen mit Atropin können Kurzsichtigkeit bei Kindern wahrscheinlich kurzfristig ausbremsen. Ob der Effekt länger anhält oder wieder verschwindet, ist jedoch offen. KONSUMENT Faktencheck-Medizin: Beweislage unzureichend

 

Etwa eines von zehn Schulkindern ist von Kurzsichtigkeit betroffen, bei Jugendlichen sind es schon drei von zehn. Neben einer erblichen Veranlagung scheinen Kinder, die viel lesen, Computerspiele spielen oder ihre Freizeit generell kaum im Freien verbringen, stärker gefährdet zu sein. Die Vereinigung der österreichischen Augenärztinnen und Augenärzte empfehlen seit 2018 eine Therapie mit niedrig dosiertem Atropin (0,01 %). Doch ist diese Behandlung wirklich hilfreich?

Behandlung mit hoch dosierter Atropinkonzentration

Unsere Partner von medizin-transparent.at haben wissenschaftliche Datenbanken nach Studien durchsucht, die zur Beantwortung dieser Frage geeignet sind. Sie fanden vier Studien, die eine Behandlung mit hoch dosierter Atropinkonzentration (0,5 % bzw. 1 %) untersucht hatten.

Eine 1- bis 3-jährige Behandlung scheint das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit zu bremsen. Schulkinder, die atropinhaltige Augentropfen verabreicht bekamen, sahen am Ende der Therapie um rund eine Dioptrie besser als Kinder, die mit Tropfen ohne Atropin behandelt wurden.

Unterschiedliche Studienergebnisse

In einer Studie, bei der die Kinder zwei Jahre lang mit hochdosiertem Atropin behandelt wurden, verschlechterte sich die Kurzsichtigkeit allerdings nach Absetzen der Augentropfen (1 Mal täglich) wieder. Ein Jahr nach Therapie-Ende war die Kurzsichtigkeit genauso weit vorangeschritten wie bei jenen Kindern, die Augentropfen ohne Atropin erhalten hatten.

In einer anderen Studie, bei der die Kinder die atropinhaltigen Tropfen nur einmal im Monat bzw. im dritten Behandlungsjahr nur alle zwei Monate erhielten, kam es nach dem Absetzen der Augentropfen nicht zu dieser Verschlechterung. Beide Studien sind allerdings nur eingeschränkt vertrauenswürdig, da nicht die Daten aller Kinder ausgewertet wurden.

Nebenwirkungen

Atropin kann zudem unerwünschte Wirkungen auslösen. Da die Substanz die Pupillen erweitert, macht es die Augen sehr lichtempfindlich. Zusätzlich hemmt Atropin die Fähigkeit des Auges, die Sehschärfe an unterschiedliche Entfernungen anzupassen. Je nach Dosierung sehen die Kinder mehr oder weniger verschwommen, sie werden für die Dauer der Behandlung künstlich weitsichtig. In manchen Fällen führen Tropfen mit Atropin auch zu allergischen Entzündungen in den und um die Augen.

Behandlung mit niedrigeren Atropin-Dosierungen

Eine andere Forschungsgruppe untersuchte den Erfolg einer Behandlung mit niedrigeren Atropin-Dosierungen (0,01 %, 0,025 % und 0,05 %). Die teilnehmenden Kinder erhielten die Augentropfen ein Jahr lang täglich vor dem Zubettgehen. In der Gruppe mit einer Atropin-Konzentration von 0,05 % war die Kurzsichtigkeit zu Studienende um eine halbe Dioptrie weniger fortgeschritten als in der Gruppe ohne Atropin. Bei der geringsten Konzentration von 0,01 % war der Unterschied jedoch zu gering, um merkbar zu sein. Unklar ist, ob der Effekt auch nach Behandlungsende anhält – denn das hat die Studie nicht untersucht. Die nachhaltige Wirksamkeit dieser niedrigen Dosierungen ist daher offen.

Lesen Sie mehr unter Medizin-transparent: Atropin bei Kurzsichtigkeit: scharf Sehen durch Augentropfen?

Stimmt das, was die berichten?

Beinahe täglich berichten Medien von Behandlungsmethoden, diagnostischen Tests und Studien. Wie aber steht es mit den Fakten hinter diesen Meldungen? Können wir glauben, was wir lesen? In unserer Rubrik "Fakten-Check Medizin " finden Sie Informationen, ob es für Medienberichte zu medizinischen Themen echte wissenschaftliche Beweise gibt. "Faktencheck Medizin" ist eine Kooperation von KONSUMENT mit Cochrane-Österreich. Cochrane-Österreich ist werbefrei, unabhängig und wird durch die Bundesgesundheits-Agentur gefördert.

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