KONSUMENT.AT - Blasenentzündung - Studien zur Wirksamkeit mangelhaft

Blasenentzündung

Wirksame Mittel zur Linderung?

Seite 1 von 1

KONSUMENT 1/2020 veröffentlicht: 19.12.2019

Inhalt

Kann ein Mittel mit Propolis, Xyloglucan, Gelatine und Hibiskus die Beschwerden bei einer Blasenentzündung lindern oder Blasenentzündungen vorbeugen?

Beweislage: unzureichend. Die Kombination dieser Inhaltstoffe wurde in drei Studien untersucht. Da die Arbeiten diverse Mängel aufweisen, lassen sich keine Aussagen zur Wirksamkeit bei einer Blasenentzündung treffen. KONSUMENT Faktencheck-Medizin: Beweislage unzureichend

Viele Frauen betroffen

Brennen beim Wasserlassen, Schmerzen, häufiger Harndrang – viele Frauen kennen die typischen Anzeichen einer Blasenentzündung. Etwa jede zehnte Frau ist mindestens einmal pro Jahr davon betroffen. Auslöser sind meist Darmbakterien, die aus dem After in die Harnröhre gelangen und dann in die Blase aufsteigen.

Rezeptfreie Mittel

In Drogeriemärkten und Apotheken werden rezeptfreie Mittel angeboten. Sie gelten als „natürlich“ und sollen helfen, aktuelle Beschwerden zu lindern und künftigen Blasenentzündungen vorzubeugen. Ein Mittel trägt den Markennamen „Utipro Plus“ und enthält eine Kombination mehrerer Inhaltstoffe: Xyloglucan (ein unverdaulicher Bestandteil pflanzlicher Zellen), Gelatine, Hibiskus und Propolis. Das Mittel soll wirken, indem Xyloglucan und Gelatine die Darmschleimhaut mit einem Schutzfilm auskleiden. Das soll verhindern, dass Bakterien anhaften, sich vermehren und danach über die Harnröhre zur Blase gelangen. Zusätzlich sollen Propolis und Hibiskus den Harn ansäuern und Bakterien an der Vermehrung hindern.

Drei Studien

Konsumentinnen wollten wissen, ob das Mittel wirkt, die Wissenschaftler von medizin-transparent.at haben nach Belegen gesucht. Studien zur Wirkung von Xyloglucan, Gelatine, Hibiskus oder Propolis jeweils als Einzelwirkstoff gegen Blasenentzündungen, konnten sie nicht finden. Zum Kombinationsmittel Utipro existieren drei Studien. Diese haben grobe Mängel und können die Frage nach der Wirksamkeit nicht beantworten. Zudem weisen alle Studien Verbindungen zur Herstellerfirma von Utipro auf. In zwei Studien haben die Teilnehmenden Utipro gemeinsam mit einem Antibiotikum eingenommen. Die Ergebnisse sind widersprüchlich. Ob das Kombinationsmittel ohne zusätzliches Antibiotikum wirkt, wurde in beiden Arbeiten nicht erforscht.

Hinweis auf Wirksamkeit fragwürdig

In der dritten Studie mit 50 Frauen und 10 Männern wurde untersucht, ob Utipro Beschwerden bei einer Blasenentzündung besser lindert als ein Placebo. Je nach Gruppenzuteilung nahmen die Teilnehmer entweder Utipro-Kapseln oder Kapseln ohne Wirkstoffe ein. Nach fünf Tagen waren die Beschwerden in der Utipro-Gruppe deutlich zurückgegangen, in der Placebo-Gruppe annähernd gleich geblieben. Was nach einem Hinweis auf die Wirksamkeit von Utipro aussieht, erscheint bei genauerem Hinsehen fragwürdig. Eine unkomplizierte Blasenentzündung heilt häufig innerhalb einer Woche auch ohne Behandlung ab.

Die Ergebnisse aus der Placebo-Gruppe sind daher untypisch, sie deuten auf einen ungewöhnlichen und schweren Krankheitsverlauf hin. Erklären ließe sich das Ergebnis dadurch, dass die Utipro-Gruppe und die Placebo-Gruppe von Beginn an zu unterschiedlich für einen aussagekräftigen Vergleich waren. Dass auch Männer an der Studie teilgenommen haben, verzerrt die Ergebnisse zudem, da der Verlauf einer Blasenentzündung bei Männern und Frauen nicht vergleichbar ist.

Lesen Sie mehr unter: Medizin-transparent: Utipro plus - Wirkung bei Blasenentzündung nicht belegt 1/2020

Stimmt das, was die berichten?

Beinahe täglich berichten Medien von Behandlungsmethoden, diagnostischen Tests und Studien. Wie aber steht es mit den Fakten hinter diesen Meldungen? Können wir glauben, was wir lesen? In unserer Rubrik "Fakten-Check Medizin " finden Sie Informationen, ob es für Medienberichte zu medizinischen Themen echte wissenschaftliche Beweise gibt. "Faktencheck Medizin" ist eine Kooperation von KONSUMENT mit Cochrane-Österreich. Cochrane-Österreich ist werbefrei, unabhängig und wird durch die Bundesgesundheits-Agentur gefördert.

Bewertung

Wertung: 4 von 5 Sternen
3 Stimmen