KONSUMENT.AT - Krankentransport in Wien - Patienten leiden unter Organisationsproblemen

Krankentransport in Wien

Lange Wartezeiten

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KONSUMENT 1/2020 veröffentlicht: 19.12.2019

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Seit dem 1. April 2019 dürfen in Wien Transporte mit der Krankentrage bzw. mit dem Tragsessel nur noch durch Blaulichtorganisationen erfolgen. Seither häufen sich bei der Patientenanwaltschaft die Beschwerden über stundenlange Wartezeiten.

Die Fälle

Fall 1

Herr M. leidet unter einer schweren Lungenerkrankung, die die kontinuierliche Gabe von Sauerstoff erfordert. Als ein dringender Arztbesuch ansteht, organisiert seine Frau unter großen Schwierigkeiten einen Krankentransportdienst, der bereit ist, ihren Gatten mit seiner Sauerstoff- Flasche (der Inhalt reicht für drei Stunden) zu befördern. Nach der Untersuchung verweigert der Krankentransportdienst den Rücktransport innerhalb der Drei-Stunden- Frist. Frau M. kontaktiert daraufhin alle übrigen Blaulichtorganisationen.

Doch niemand ist bereit, ihren Mann innerhalb des noch verbliebenen Zeitfensters abzuholen. Da der Sauerstoff bereits knapp wird, ruft die verzweifelte Frau ihre Tochter an und bittet sie, den Vater im Privat-Pkw nach Hause zu bringen. Für den Weg zum Auto wird er in einen Gartensessel verfrachtet. Zu Hause angekommen, helfen zwei junge Passanten, Herrn M. – wieder in einem Gartensessel – in seine Wohnung im 3. Stock zu tragen.

Fall 2

Herr E. muss drei Mal pro Woche ins Spital zur Dialyse. Die Zeiten sind fixiert und sollen aus gesundheitlichen und organisatorischen Gründen unbedingt eingehalten werden. Seit einigen Monaten wird Herr E. vom Krankentransportdienst wiederholt zu spät zur Dialyse gebracht, wodurch sich seine Dialysezeit verkürzt, da bereits der nächste Patient auf seinen Platz wartet.

Kommentare

  • Grund der Umstellung
    von RUM0 am 14.04.2020 um 15:43
    Ich war von Dezember 2018 bis August 2019 als Zivildiener Sanitäter beim Wiener Roten Kreuz, habe also die Umstellung mit dem 1. April 2019 live miterlebt.

    In ihrem Artikel wird nicht auf die Begründung der Umstellung eingegangen.
    Private Fahrtendienste wie der GWS, ÖHTB und HallerMobil waren, vor der Umstellung, wie das Rote Kreuz (und Samariterbund, Grünes Kreuz, etc.) für den Transport von Patienten zu ihren Krankenhaus- und Arztterminen verantwortlich. Patienten, die mit Gehstock oder Rollator mobil waren, nahmen (vorwiegend) Fahrtendienste in Anspruch, da die Krankenkasse die Kosten nicht aller qualifizierten Transporte übernahm. Patienten, die nicht mehr gehen, oder Stiegen steigen konnten, wurden daher von Sanitätern der Blaulichtorganisationen mit Tragsessel abgeholt. Ebenso Patienten, die Sauerstoff, besondere medizinische Betreuung oder Hygienemaßnahmen brauchen.
    In allen Fällen bestand allerdings das Risiko, dass auf dem Transportweg eine akute Zustandsverschlechterung der Patienten auftreten könnte und sie somit, im Falle von Taxis und Fahrtendiensten, keine qualifizierte und zeitnahe Versorgung erhalten können. Die Umstellung basiert also auf Qualitätssicherung und Patientenschutz.
    Die Konsequenzen sind allerdings weitreichender als verlängerte Wartezeiten: Patienten, die bisher mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, Taxis, Fahrtendiensten, in Autos von Verwandten geführt wurden, etc. wurden verpflichtet den Transport von Blaulichtorganisationen in Anspruch zu nehmen. Patienten fuhren mit dem Fahrtendienst weil es billiger war, private Anbieter verloren dadurch etwa ein Drittel an Aufträgen, Haller kündigte 92 Fahrer und Beifahrer (https://wien.orf.at/v2/news/stories/2972909/). Freier Wettbewerb wurde eingeschränkt und Rettungs- und Krankentransportdienste waren der Umstellung ohnehin nicht gewachsen, daher die verlängerten Wartezeiten und der (verständliche) Unmut von Patienten, die bisher reibungslose Transporte mit Fahrtendiensten gewohnt waren.
    Zum Nachlesen: Link zum Wiener Rettungs- und Krankentransportgesetz
    https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=LrW&Gesetzesnummer=20000306.
    Sowie eine Petition zur Änderung der Gesetzesnovelle:
    https://www.wien.gv.at/petition/online/PetitionDetail.aspx?PetID=93f7471e2d2640a2ba39089a4a294d0f