KONSUMENT.AT - Musiktherapie: Interview - Kann sie auch bei Angst helfen?

Musiktherapie: Interview

"Angst und Entspannung widersprechen sich“

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KONSUMENT 10/2019 veröffentlicht: 26.09.2019

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Von der Förderung Frühgeborener bis zur Begleitung Sterbenskranker im Hospiz – der Einsatz der Musiktherapie umfasst die gesamte Lebensspanne. Kann sie auch bei Angst helfen? Wir sprachen mit Prof. DDr. Thomas Stegemann, Leiter des Instituts für Musiktherapie an der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

Das Thema Angst ist Gegenstand einer mehrteiligen Serie zu unserem Buch "Phänomen Angst". Bisher erschienen:

In KONSUMENT 10/2019: Angst beim Zahnarzt


KONSUMENT: Vom Wiegenlied bis zum Pfeifen im Keller – dass Musik eine angstreduzierende Wirkung haben kann, wissen wir aus dem Alltag. Was sagt die Forschung dazu?
Prof. Stegemann: Interessanterweise gibt es zu dem Thema wenig Forschungsliteratur. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Angst bei vielen psychischen Erkrankungen eine Rolle spielt, also selten isoliert auftritt, wie man das für ein gutes Forschungsdesign gerne hätte. Zu den wenigen Studien, die durchgeführt wurden, gehört eine der Heidelberger Gruppe, die in einer Überblicksarbeit die Effekte von Musiktherapie bei internalisierenden Störungen – also Störungen, die nicht nach außen ausagiert werden (und dazu gehören klassischerweise Angststörungen) – untersucht hat. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die Musiktherapie bei Angststörungen gute Effekte erzielt. Freilich: Die Methode der Wahl ist bei diesen Störungen die Verhaltenstherapie.

Wie gestaltet sich die Musiktherapie, was versteht man darunter? 
Unter Musiktherapie versteht man den gezielten Einsatz von Musik zu therapeutischen Zwecken. Wobei der Begriff Musik weit gefasst wird – auch Klang und Geräusche können dazu zählen. Man unterscheidet zwischen aktiver und rezeptiver Musiktherapie. Rezeptiv bedeutet, der Patient hört eine bestimmte Musik, die entweder von einem Tonträger kommt oder vom Therapeuten live vorgespielt wird. Gerade bei der Arbeit mit Jugendlichen ist es oft so, dass die ihre Lieblingsmusik mitbringen und man mit der arbeitet.  Aktive Musiktherapie bedeutet: Der Patient macht selbst Musik. Hier liegt auch der Schwerpunkt der Wiener Schule. Eine häufige Frage lautet: Muss man für diese Form der Therapie musikalisch sein? Die Antwort lautet: Nein, im Gegenteil – je naiver und unverstellter die Herangehensweise, umso direkter auch der Zugang zu den Emotionen. 

Wie dürfen wir uns den Ablauf einer Musiktherapie vorstellen?  
Um ein konkretes Beispiel anzuführen: Einmal habe ich mit einem Mädchen gearbeitet, das unter Emetophobie litt, der Angst vor dem Erbrechen. So groß war die Angst, dass die Patientin nicht mehr in die Schule ging. Zur Vorgeschichte: Das Mädchen hatte einmal in der Schule erbrochen, wahrscheinlich aufgrund eines Infekts. Im Grunde ein nicht gerade dramatischer Vorfall; jedenfalls nicht so dramatisch, dass er das Fernbleiben vom Unterricht erklärt hätte.  Am Anfang standen Gespräche mit den Eltern. Ich wollte herausfinden, ob vielleicht andere Ereignisse zu dieser Angst geführt hatten. Die Arbeit mit der Patientin selbst sah so aus, dass ich sie bat, Instrumente auszuwählen und mit denen eine „Angstmusik“ zu kreieren.

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