KONSUMENT.AT - Schüßler Salze - 3 Interviews: Für und wider Schüßler - Jutta Pint, Martin Hochstöger, Edmund Berndt

Schüßler Salze

Augenscheinlich teuer

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Konsument 10/2010 veröffentlicht: 18.09.2010

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Interviews: Für und wider Schüßler

Wir wollten wissen: Wie stehen Apothekerkammer bzw. Apotheker zur Biochemie nach Schüßler?

Mag. Jutta Pint, Pressesprecherin der Österreichischen Apothekerkammer

Konsument: Welcher Ausbildung bedarf es, um eine Antlitzanalyse vornehmen zu können, und welche Kriterien liegen dieser Ausbildung zugrunde?

Pint:Bei der Biochemie nach Schüßler handelt es sich um eine alternative Heilmethode. Die Ausbildung erfolgt durch die Gesellschaft für Biochemie nach Dr. Schüßler. Die Apothekerkammer führt keine derartigen Schulungen durch. Über die Grundsätze der Ausbildung können wir keine Auskunft geben. Wir gehen allerdings davon aus, dass Apotheker, die über Schüßler Salze informieren und diese anbieten, auch über ein entsprechendes Fachwissen verfügen.

Konsument: Liegen evidenzbasierte Studien vor, die eine Wirksamkeit von Schüßler Salzen bei den jeweiligen Befunden (Diagnosen) belegen? Falls ja, bitten wir um Literaturhinweise bzw. falls vorliegend um eine Kopie der Studie.
Pint: Wie bei allen alternativen Heilmethoden gibt es auch zu Schüßler Salzen keine klinischen Studien über deren Wirksamkeit.

Konsument: Falls keine evidenzbasierten Studien zur Wirksamkeit von Schüßler Salzen vorliegen: Auf welcher Basis befürwortet die Apothekerkammer die Anwendung dieses Heilverfahrens?
Pint: Die Apothekerkammer steht diesem Heilverfahren neutral gegenüber, so wie allen alternativen Heilmethoden. Wir geben keine Empfehlungen dazu ab, weder im positiven noch im negativen Sinn.

Konsument: Gibt es Richtlinien seitens der Apothekerkammer, was die Kosten einer Antlitzanalyse sowie die Preise der Präparate angeht?
Pint: Bei der Antlitzanalyse handelt es sich um eine Dienstleistung, die von der Apothekerin bzw. vom Apotheker erbracht wird. Für die Kosten gibt es keine Richtlinien, diese werden vom jeweiligen Apotheker festgelegt. Die Schüßler Salze gelten wie Homöopathika als Arzneimittel und werden nach der amtlichen Arzneitaxe berechnet.

Konsument: Liegen Ihnen Zahlen zum Umsatz mit Schüßler-Salzen in österreichischen Apotheken vor?
Pint: Umsätze sind uns nicht bekannt.


Mag. Dr. Martin Hochstöger, Apotheker in Landeck und Präsident der Apothekerkammer Tirol

Konsument: Die Apothekerkammer Tirol hat im Mai diesen Jahres den „1. Schüßler Tag“ in den öffentlichen Apotheken Tirols ausgerufen. Was halten Sie von der Biochemie nach Schüßler?
Hochstöger: Als Apotheker stehe ich hinter dieser Therapieform. Schließlich handelt es sich um Arzneimittel. Auch wenn die Studienlage nicht eindeutig ist, fallen die Behandlungsergebnisse bei meinen Patienten großteils durchaus positiv aus.

Konsument: Es gibt allerdings auch Berufskollegen, die sich kritisch zu Schüßler Salzen äußern und in diesem Zusammenhang sogar von Abzocke der Patienten sprechen.
Hochstöger: Komplementärmedizinsche Therapien fordern natürlich auch Widersprüche heraus. Ich glaube aber, dass man als Apotheker dem Kunden die Wahlmöglichkeit zwischen Schulmedizin und Komplementärmedizin eröffnen muss. Egal ob Schul- oder Komplementärmedizin, wenn der Patient eine Therapieform ablehnt, macht diese auch keinen Sinn, weil die Wirksamkeit dann immer reduziert ist.

Konsument: Unsere Erhebung in fünf Apotheken ergab ein recht uneinheitliches Bild. In manchen Apotheken wurde eine Antlitzanalyse vorgenommen, in anderen nicht. Auch was Zahl und Art der empfohlenen Präparate angeht, zeigten sich erhebliche Unterschiede. Für dieselben Symptome wurden zwischen einem und zwölf Schüßler Salzen ausgegeben. Existieren keine einheitlichen Vorgaben?
Hochstöger: Die Ausbildung zum Mineralstoffberater ist nicht standardisiert. Daher gibt es verschiedene Möglichkeiten der Kundenbetreuung. Eine Antlitzanalyse hat viel mit Erfahrung zu tun. Bei uns bekommt der Patient eine Antlitzanalyse, wenn er dies wünscht. Aber es ist durchaus zulässig, die Mineralstoffe nach Schüßler auch ohne Antlitzanalyse und nur aufgrund der Symptomschilderung zu empfehlen. Bei einer Therapie mit Schüßler Salzen kann man, wenn keine Laktoseintoleranz vorliegt, nichts falsch machen. Es kann genauso richtig sein, zwei oder zwölf Präparate einzunehmen.


 Dr. Edmund Berndt, Apotheker in Lenzing und Autor von „Der Pillendreh“, einem Werk, dass sich kritisch mit dem Esoterik-Boom in den Apotheken und der Komplementärmedizin im Allgemeinen auseinandersetzt.

Konsument: Schüßler Salze erfreuen sich großer Beliebtheit und werden in Apotheken stark nachgefragt. Worin liegen Ihrer Meinung nach die Gründe für den Verkaufserfolg dieser Präparate?
Berndt: Der Verkaufserfolg liegt im Image. Alternative, komplementäre und ganzheitliche Mittel werden als chemiefrei, biologisch, natürlich, sanft, nebenwirkungsfrei etc. präsentiert. Konventionelle Arzneimittel werden als technisch, chemisch, unnatürlich, giftig usw. abgewertet. Heerscharen von selbst ernannten Therapeuten der Eso- und Bioszene beschwören diese Vorurteile. Dazu kommt noch „disease mongering“ durch Werbung. Wie bei der Vermarktung bestimmter Lebensmittel werden vermeintliche Beschwerden, Unpässlichkeiten und Unlustgefühle, Ängste etc. geschickt aufgegriffen, zu behandlungswürdigen Krankheiten hochstilisiert, um diese dann z.B. mit Schüßler Salzen zu heilen. Ein auf Schüßler Salze maßgeschneidertes Verkaufswerkzeug ist die Antlitzdiagnose. Sie widerspricht anatomischen und medizinischen Erkenntnissen. Wenn Schüßler Salze auch unwirksam sind, so sind sie nicht harmlos. Viele Krankheiten führen ohne richtige Behandlung zu bleibenden Gesundheitsschäden.

Konsument: Liegen irgendwelche seriöse Studien zur Wirksamkeit von Schüßler Salzen vor?
Berndt: Nein. Und die Widersprüche zu unserem heutigen gesicherten Wissen in Medizin und Biologie sind so fundamental, dass es auch in Zukunft keine positiven Studien geben wird. Ein positiver Nachweis einer Wirksamkeit nach den heute erforderlichen Standards würde die gesamte Naturwissenschaft auf den Kopf stellen. Was es gibt, sind meist fragwürdige Studien und/oder Einzelergebnisse mit beschränkter Aussagekraft sowie Fallberichte, auch Kasuistik genannt. 2000 Jahre lang wurde der Aderlass praktiziert. Eine Therapie, an deren Schädlichkeit und Unwirksamkeit heute niemand mehr zweifelt. Tausende kamen dadurch zu Tode und trotzdem gab es dafür eine positive Kasuistik.

Konsument: Auf welcher Basis lassen sich dann die Antlitzanalyse bzw. Verkauf und Anwendung von Schüßler Salzen rechtfertigen?
Berndt: Auf keiner akzeptablen Basis. Das Konzept der Schüßler Salze steht im Widerspruch zu den Errungenschaften der Aufklärung. Im Lichte der modernen Naturwissenschaften, der medizinischen Wissenschaften und einer evidenzbasierten Medizin fußen Schüßler Salze auf magischen, mystischen, unwissenschaftlichen, esoterischen und sonstigen abergläubischen Vorstellungen. Ich denke, die „Apotheke“ sollte rational, also naturwissenschaftlich kausal fundiert, beraten und nichts forcieren, das nicht im Einklang mit naturwissenschaftlich fundierten Ergebnissen und Tatsachen steht. So unvereinbar diese beiden Positionen auch sind, es wird darin kein Dilemma gesehen. Und so breiten sich unwirksame Mittel und Therapien allein schon deshalb aus, weil beides unter der gemeinsamen Dachqualität z.B. „Apotheke“ vermarktet wird.

Konsument: Warum wird gegen den Vertrieb derartiger Mittel nicht eingeschritten, etwa von der Standesorganisation?
Berndt: Es gibt keine Initiativen der Apothekerkammer, die sich mit der Problematik erwiesenermaßen unwirksamer Mittel befassen. Erlaubt ist alles, was nicht ausdrücklich nach der Apothekenbetriebsordnung verboten ist. Daher dürfen auch Heilsteine und Energieamulette und erst recht Schüßler Salze verkauft werden. Auch in der AGES – Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit – wird die Problematik ähnlich gehandhabt. Es gibt keine Vorschrift, nach der Homöopathie und damit auch Schüßler Salze & Co verboten werden können. Erwiesene Unwirksamkeit und unplausible Wirkkonzepte sind keine Gründe dafür.

Konsument: Werden in Ihrer Apotheke Schüßler Salze nachgefragt, und kommen Kunden mit ärztlichen Verordnungen dafür?
Berndt: Hauptsächlich werden Schüßler Salze ohne ärztliches Rezept nachgefragt. Zum Teil werden die Kunden von nichtärztlichen Beratern informiert oder durch Inserate inspiriert, in denen Beschwerdebilder so schwammig vorgegeben sind, dass jeder ihm passend erscheinende Beschwerden zur Selbstbehandlung herauslesen kann – gleich einem Horoskop, wo jeder seine Eigenschaften nach dem Sternzeichen immer herauslesen kann. Ich berate nicht in Schüßler Salzen und empfehle auch keine. Wenn ich auf die vermeintliche Wirkung angesprochen werde, antworte ich, dass es sich bei Schüßler Salzen um ein „philosophisches“ Konzept handelt, über das keine naturwissenschaftlichen Aussagen getroffen werden können und für das auch im Gegensatz zu echten Medikamenten keine Prüfung über Wirksamkeit etc. vorliegt. Eben eine andere Welt. Wenn jemand bei einer ärztlichen Verordnung von Schüßler Salzen und dergleichen mehr nachfragt, wie und in welcher Indikation das „wirkt“, wird auf den Arzt zurückverwiesen. Es ist verboten, ärztliche Rezepte zu kommentieren.

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