KONSUMENT.AT - Greenwashing - Beispiel: H & M

Greenwashing

Alles Fassade

Seite 4 von 7

Nächsten Inhalt anzeigen
KONSUMENT 2/2019 veröffentlicht: 31.01.2019, aktualisiert: 12.03.2020

Inhalt

Beispiel: H & M

Der Modegigant verspricht seinen Kunden Nachhaltigkeit auf allen Ebenen, etwa mit dem Conscious-Siegel und "nachhaltigerer Baumwolle", oder mit dem Recycling von zurückgebrachter Kleidung, die weiterverkauft oder wieder verarbeitet werden soll.

Nunu Kaller (Greenpeace): "Ein Unternehmen, das wöchentlich neue Produkte in den Läden hängen hat und ein minimaler Anteil davon ist ,conscious’, ist per se schwierig. Nur ein Prozent dessen, was an Altkleidern gesammelt wird, lässt sich wirklich als Recycling-Faser in neue Kleidung mischen. Bei einer rundherum schlechten Produktion an ein, zwei Hebeln zu drehen, macht noch lange keine Nachhaltigkeit."

Stefan Grasgruber-Kerl (Südwind):

"Die „Conscious-Kollektion“ ist klares Greenwashing, da nur eigene Unternehmensverpflichtung. Ehrlicherweise sollte H&M statt "Conscious" einfach klar kommunizieren, was genau drin ist; also bio-zertifiziert oder recycelt oder BCI (Better Cotton Initiative).

Die Verwendung echter zertifizierter Bio-Baumwolle ist natürlich zu begrüßen. BCI ist zu wenig (siehe Antwort bei IKEA). Im Verarbeitungsbereich zahlt H&M trotz seines eigenen Versprechens aus 2013 bis heute keine existenzsichernden Löhne (siehe dazu www.cleanclothes.at/de/themen/news/krieg-die-kurve-h-m/. 
Das Fazit fällt somit ident aus, wie bei IKEA: Wenn H&M seine Conscious Kollektion wirklich verantwortlich produzieren würde, würde er Fairtrade oder/und biozertifizierte (z.B. GOTS)-Baumwolle verwenden, seinen Nähern existenzsichernde Löhne zahlen und einer glaubwürdigen sozialen Überprüfungsinitiative beitreten (wie z.B. Fair Wear Foundation).

Prinzipiell ist es gut, dass sich H&M um Altkleidung Gedanken macht. Leider ist es noch zu unklar, was genau damit passiert. Kleidung in gutem Zustand wird laut Website "als Second-Hand-Ware auf der ganzen Welt verkauft". Welche verheerenden Auswirkungen das auf lokale Märkte hat, ist mittlerweile bekannt."

Raphael Fink (Umweltzeichen):

"Alte Kleidung zurückgeben, die als Second-Hand-Kleidung verkauft, als Füllstoff oder Putzlappen weitergenutzt oder überhaupt rezykliert wird. Dafür vielleicht sogar einen Gutschein für den nächsten Kauf bekommen. Klingt gut?

Ist es nicht unbedingt. Das Problem beginnt damit, dass billige Kleidung, die mit den neuesten Trends mithält, und Nachhaltigkeit kaum Hand in Hand gehen. Gerade im Textilbereich ist weniger oft mehr.
Alte Kleidung zurückgeben, dafür einen Gutschein zu erhalten, um sich neues Gewand zu kaufen – das löst keine Probleme, sondern trägt dazu bei, dass sie weiter bestehen. Weil weiter gekauft wird, immer mehr vom selben. 
Alte Kleidung in anderen Märkten der Welt als Second-Hand-Kleidung zu verkaufen, klingt ebenfalls besser als es ist. In Tansania beispielsweise hat der Verkauf von billiger Second-Hand-Kleidung dazu beigetragen, dass die lokale Textilproduktion zusammengebrochen ist. In weiterer Folge eine ganze Bevölkerungsschicht verarmte. 
Und die Rezyklierung von Textilfasern ist aufgrund der Mischgewebe oft sehr schwierig und nur unter sehr  großem Aufwand herstellbar.

Hier appelliert H&M also an das öko-soziale Gewissen seiner Kunden, um Probleme zu lösen – die Kleiderriesen wie H&M überhaupt erst mitverursacht haben. Das entbehrt nicht einer gewissen Doppelbödigkeit. Aber natürlich kann theoretisch so auch eine Strategie aussehen, umweltbewusste und sozial eingestellte Kunden überhaupt erst in die eigenen Filialen zu bekommen. Ein klassischer Fall von Greenwashing.

Die echte Lösung liegt hier einfach darin, weniger, faire und nachhaltig erzeugte Kleidung (z.B. aus Bio-Baumwolle) zu kaufen. Die Textilbranche ist ein Bereich, der die Grenzen nachhaltigen Konsums aufzeigt: nicht Konsum bringt hier die Lösung, sondern erst die Reduktion beziehungsweise noch besser der Verzicht. Eine alte Socke zu bringen und stattdessen ein neues T-Shirt zu kaufen, löst aber mit Sicherheit kein Problem – weder aus sozialer Sicht noch aus Umweltperspektive."

Bewertung

Wertung: 3 von 5 Sternen
12 Stimmen
Weiterlesen

Kommentare

  • Bitte mehr Objektivität
    von RiSi am 11.10.2020 um 22:27
    Gleich zu Beginn des Newsletter, der mich mittels Link auf diese Seite gebracht hat, werden unter anderem "Erdöl-Konzerne, die mit Windkraft werben" als Beispiel für Greenwashing genannt. Natürlich kommt es auf den jeweiligen Fall an, aber ich frage mich, was daran generell negativ sein soll. Da wird seit langem (zu Recht) gefordert, dass sich solche Unternehmen verändern und in Richtung erneuerbare Energien wandeln sollen. Wenn sie es dann tun, wirft man es ihnen vor!? Dass eine Firma mit neuen Geschäftsfeldern auch wirbt, kann aus meiner Sicht nicht zum Vorwurf gemacht werden. Was wird denn erwartet? Dass über solche (Fort-)Schritte kein Wort verloren wird? Entscheidend ist, dass es nicht ein "Einzelfall" ist, sondern tatsächlich und konsequent die Weichen in Richtung CO2-freie Zukunft gelegt werden. Und da gibt es erfreulicherweise viele Unternehmen in der Erdöl- und Energiebranche, die diesen Weg eingeschlagen haben.

    Zweites Beispiel im erwähnten Newslettter sind "Fluglinien, die CO2-neutrale Flüge versprechen". Das wird mit sogenanntem "Offsetting" realisiert,also den Ausgleich der entstandenen Emissionen durch Investionen in Projekte, durch die eine entsprechende Kohlendioxideinsparung finanziert wird. Wenn das richtig gemacht wird (und namhafte Fluglinien arbeiten meiner Einschätzung nach mit seriösen Partnern zusammen), ist das allemal besser, als so eine Option nicht zu wählen. Noch besser wäre natürlich gar nicht zu fliegen, aber in vielen Fällen ist das Flugzeug wohl die einzige realistische Option um an ein Ziel zu gelangen (nicht jeder kann mit dem Segelschiff den Antlantik überqueren). Offsetting mit den richtigen (also sorgsam ausgewählten und umgesetzten) Projekten vermeidet übrigens nicht nur zusätzliche Treibhausgase, sondern bringen auch positive Effekte bei der Bekämpfung von Armut und anderen UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung (durch Studien belegt).

    Ich würde mir eine differenziertere Betrachtung durch den VKI wünschen (z.B. durch Verweis auf das Thema in Heft 4/2020) und nicht solche Angebote pauschal als Greenwashing zu verurteilen.

    Beste Grüße
    (ein jahrzehntelanger und großteils zufriedener Abonnent)
  • wo ist der Expertentalk auf den ich mich gefreut habe?
    von sylphe9 am 11.10.2020 um 18:09
    Ich frage mich, warum im Newsletter Mail ("Umweltzeichen als Barriere gegen Greenwashing") und auch in der Einleitung hier vollmundig von einem Gespräch mit Experten geschrieben wird und es sich dann letztendlich doch nur um eine Ansammlung von Punkten nach einer nicht näher erklärten Organisation handelt.
    Ebenso fehlt die Heranführung des Laien an das Thema. Woher soll der Konsument nach diesem Artikel nun wissen was kein Greenwashing ist? Das Bsp mit den Plastikflaschen war ja sehr gut, aber es fehlt ein ebensolches für Firmen die ihre ökologischen Auswirkungen ernstnehmen. Z.B. Wenn eine kärtnerische Eistee produzierende österreichische Firma wie Makava auf Glasflaschen setzt und in Österreich produziert spricht man zurecht von ökolgisch (Glasflaschen und regional produziert).
    Ebenso ist die Auflistung der Punkte doch ein wenig zu wenig um jeden Konsumenten in dem Bereich wirklich auf einen guten Wissensstand zu bringen.

    Lieber VKI das könnt ihr Besser und das habt ihr schon so oft bewiesen, denn sonst seids ihr total spitze!
    Ich bitte also auch bei dem Thema Nachhaltigkeit um eure gewohnte Qualität.

    Hochachtungsvoll,
    eine langjährige Abonnentin