Geldanlage: Strukturvertriebe

Interview mit einem Aussteiger

Seite 6 von 9

Nächsten Inhalt anzeigen
KONSUMENT 11/2011 veröffentlicht: 11.10.2011

Inhalt

Wie gehen Berater mit bestehenden Geldanlagen der Kunden um, also mit deren Bausparverträgen, Lebensversicherungen, Sparbüchern, Investmentfonds … ?
Da gibt es sicher keine pauschale Aussage. Ziel eines jeden Beraters ist: verkaufen, verkaufen, verkaufen. Das fordert das System. Er wird also bei jedem Kunden schauen, ob er seinen Arbeitsweg und –aufwand refinanzieren kann. Reine Keiler und Provisionsjäger – und das ist eine Charakterfrage – schichten auch bestehende Verträge um oder sie raten zu einer Stornierung. Dann können sie dieses Geld in eigene Vermittlungsverträge reinvestieren.

Wie beantworten Berater Einwände möglicher Kunden?
Das ist natürlich vom Charakter des Agenten abhängig. Manche nehmen die Kundeneinwände sehr ernst und arbeiten diese gemeinsam mit dem Kunden ab, vielleicht über einen einstudierten, positiven Fragenkreislauf. Andere nehmen diese Einwände als rhetorische Sportübung und fabulieren das Blaue vom Himmel. Und wieder andere lügen bewusst, dass sich die Balken biegen um zum Vertragsabschluss zu kommen.

Können Sie aus den Schulungsunterlagen ein Beispiel geben, wie Vorteile größer und Nachteile kleiner dargestellt werden?
In einer Unterlage heißt es wörtlich: „Finanzielle Nutzen werden auf Jahre kumuliert. Finanzielle Kosten werden auf Tage minimiert aufgezeigt.“ In einer anderen liest man folgendes Beispiel:

„Herr Kunde: Wie Sie hier sehen, haben wir Ihren Steuervorteil ausgerechnet. Der beträgt 3.120 € p.a. Sie sagten, Sie werden wahrscheinlich in 20 Jahren in Pension gehen. Das heißt: Sie könnten sich in dieser Zeit einen Steuervorteil auf Ihrem Konto in Höhe von mindestens 62.400 € sichern.

Wie gefällt Ihnen das …?

Und jetzt einmal angenommen, dieser Steuervorteil würde sich auf einen  STEUERVORTEIL von insgesamt 82.000 € steigern lassen, was würden SIE dann tun wollen …?

Genau. Damit Sie diesen enormen Steuervorteil nämlich  sofort für sich verbuchen können, ist es notwendig staatlich subventionierte Steuerbegünstigungen intensiv zu nutzen. Das heißt: Mit einem Minimalaufwand von 1,98 € pro Tag, das entspricht etwa einem halben Päckchen Zigaretten – Sie wollten ja ohnehin weniger rauchen –, könnten Sie diesen Steuervorteil auf Ihr Konto holen.

Ist das in Ihrem Sinne …?“

Bekommen Kunden vom Berater vor der Unterschrift gedruckte und aussagefähige Informationen?
In der Regel nicht. Das Argument des Vertriebes ist: Diese Unterlagen bekommt der Kunde von der Vertragsgesellschaft zugesandt, wenn sein Antrag angenommen wurde – und zudem sind sie oftmals verkaufshindernd, weil sie bei den Kunden zu viele Fragen aufwerfen.

Wie sehr passen Berater ihre Angebote an den konkreten Kunden an? Unterscheiden sie, ob es sich um eine Mindestrentnerin handelt oder um einen gut verdienenden, höheren Angestellten?
Der Status des Kunden ist in der Regel nebensächlich. Aus den Angaben im Kundenanalyse-Bogen werden vor einer Beratung die noch freien Investitionsbeträge herausgefiltert oder aber solche über Computerprogramme in Verbindung mit staatlich subventionierten Spar- oder Investitionsprogrammen berechnet.

Bewertung

Wertung: 4 von 5 Sternen
1 Stimme
Weiterlesen

Kommentare

  • Staatsanwaltschaft
    von REDAKTION am 14.12.2011 um 11:24
    Seit Ende November/Anfang Dezember 2011 liegt die Angelegenheit beim Staatsanwalt. Ihr KONSUMENT-Team
  • super aktuell....
    von arsenal06 am 01.11.2011 um 15:17
    sehr "aktuelle" aussagen von einem, der 1989 - 1996 branchenerfahrung sammelte (also in summe um die 7 jahre) und die letzten 15 jahre (also mehr als doppelt soviel) einfach mit "das system ist bis heute immer das gleiche" abtut. und "zucki" gebe ich durchaus recht, dass das alles ein fall für den staatsanwalt wäre. die frage ist nur, wenn das alles genau so ist, wie oben "aktuellst" beschrieben - warum kümmert sich dann die staatanwaltschaft nicht darum???
  • Amway für Finanzprodukte
    von DanDocPeppy am 31.10.2011 um 22:31
    Im Grunde nichts anderes als Amway für Finanzprodukte...
  • Wie ist das bloß alles möglich?
    von powerplana am 12.10.2011 um 19:55
    Bin ja rechtlicher Laie, aber sind solche Dinge nicht ein Fall für den Staatsanwalt? Und wo bleibt eigentlich die Finanzmarktaufsicht? Und wenn ich seh, wie die Konsumenten bei solchen Machenschaften immer die Blöden sind und dann noch jahrelang herumklagen müssen, kommt mir überhaupt die Galle hoch!
KONSUMENT-Probe-Abo