KONSUMENT.AT - Nachhaltigkeit: Gelebte Utopien - Versorgung anders organisieren

Nachhaltigkeit: Gelebte Utopien

Interview mit Kurt Langbein (Filmemacher)

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KONSUMENT 5/2018 veröffentlicht: 09.04.2018

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KONSUMENT: Produkte werden den Konsumenten bisweilen mit Botschaften wie "nachhaltig", "fair", "natürlich" schmackhaft gemacht. Werden Konsumenten bewusst in die Irre geführt?  

Langbein: Die Massenproduktion mit dem Bio-Etikett ist ein Riesenschwindel. Bei der Tiermast zum Beispiel können Bio-Produkte erzeugt werden, bei denen trotzdem Antibiotika verfüttert wurden. Da gibt es Hintertürln noch und nöcher. Es geht darum, dass wir die Versorgung anders organisieren, dass kleinbäuerliche Landwirtschaft eine Chance bekommt. Und das ist möglich. 

KONSUMENT: Ein Beispiel?

Langbein: Im Film "Zeit für Utopien" zeigen wir eine große Genossenschaft in Südkorea namens Hansalim. Das sind viele Tausend Kleinbauern, die im Großraum Seoul 1,5 Millionen Menschen mit regionalen, saisonalen, pestizidfreien Produkten versorgen. Hansalim geht sehr intelligent und organisiert in der Logistik vor. Und rund 70 Prozent von dem, was die Konsumenten bezahlen, landet direkt bei den Bauern. Unsere Bauern sind schon glücklich, wenn sie 30 Prozent bekommen. Der große Speck ist im Lebensmittelhandel und in der Lebensmittelindustrie drinnen. Und dort wird nicht nur abkassiert, sondern auch denaturiert. Da sollten wir nicht mehr zuschauen. 

KONSUMENT: Ist dieses Modell für Österreich denkbar?

Langbein: Das ist sicher ein Modell, über das es sich lohnt, nachzudenken. Wie können die vielen Food-Coops, kleinbäuerlichen Vermarktungsgemeinschaften und anderen Initiativen in einer Organisation zusammenarbeiten, damit die Städte mit frischer, regionaler Kost versorgt werden.

KONSUMENT: Kauft sich der Konsument mit dem Griff zu zertifizierten Produkten ein gutes Gewissen? 

Langbein: Man muss differenzieren. Bei Zertifizierungen, die industrieunabhängig sind, wie z.B. Fair Trade, kann man doch mit einer wesentlich höheren Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass wirklich laufend evaluiert und überprüft wird. Natürlich, auch das funktioniert nicht fehlerfrei. Aber was ist schon fehlerfrei? Solche Ansätze sind meiner Meinung nach eine gute Sache, auch wenn sie insgesamt natürlich noch nicht die Welt verändern. Ganz etwas anderes sind hingegen die Etiketten, die sich die Industrie mehr oder weniger selbst verleiht. Da ist größte Vorsicht geboten. Zum Beispiel "Nachhaltiges Palmöl": Das kann man schon als Bio-Schmäh bezeichnen. Es ist ja auch logisch. Man kann der Industrie im Kapitalismus nicht vorhalten, dass sie Geld verdienen will. Das ist ja ihr Zweck. Mir geht es darum, zu zeigen, dass es möglich ist, dass Konsumenten und Produzenten wieder in einen direkten Austausch kommen – ohne den eisernen Vorhang zwischen ihnen, der Markt genannt wird.

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