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Die unter dem Slogan "App App Hurra" derzeit groß beworbene ÖBB-Aktion preist "Günstigere Tickets für Online- & Frühbucher:innen" an. Darunter steht "Neues Preissystem für Standard-Tickets im Tagverkehr" – und das ist es auch: ein neues Preissystem.
Es ist zwar nicht gelogen, dass man als Frühbucher Tickets günstiger erhält, aber verschwiegen wird in der Werbung, dass im Normalfall die Tickets teurer werden (siehe https://www.oebb.at/de/neuigkeiten/neues-preissystem). Erst in den FAQ (https://www.oebb.at/de/fragen-und-antworten/online-mobile-ticketing/preissystem) wird man darauf gestoßen: "Wieso wird auch der Kauf beim Automaten teurer?"
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Bis zum 30.Juni 2021 kostete eine Fahrkarte Wien–Salzburg 56,80€ (bzw. 28,40€ mit Vorteilscard) bei Kauf am Automaten oder Schalter, egal wann man sie gekauft hat. Beim Kauf online oder via App gab es abhängig vom Kaufzeitpunkt einen mickrigen Rabatt von 30, 20 oder 10 Cent (siehe https://www.konsument.at/jforum/posts/list/2812.page).
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Ab 1.Juli 2021 ist der Rabatt in der Tat für Frühbucher größer, und bei früher Buchung gibt es auch Rabatt bei Kauf am Automaten oder Schalter. Aber – und jetzt kommt das große Aber: Wenn man nicht 15 Tage oder früher vor dem ersten Geltungstag bucht, wird es in vielen Fällen teurer als bisher, vor allem am Automaten und am Schalter. Die konkrete Preisdifferenzierung ist irgendwie abhängig von der Entfernung, aber unklar nach welchem Schema.
Am Schalter wird es für Inhaber einer Vorteilscard deutlich teurer: 3€ und mehr gegenüber dem Automatenpreis. Auch der Kauf im Zug wird kräftig teurer (um 5–6€ oder mehr gegenüber Automatenpreis) – also um einiges mehr als die (nach wie vor) im Handbuch behauptete Servicegebühr von 3€. (Wurde vergessen, das zu aktualisieren, oder kommt die Servicegebühr gar noch hinzu? Dann würde der Aufschlag im Zug 8–9€ und mehr betragen.)
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Beispiel: Wien – Salzburg (2. Klasse)
Vollpreis
Kaufzeitpunkt: 180–15 / 14–1 / 0 Tage vor Gültigkeit
Bis 30.6.2021
Online/Mobil: 56,50€ / 56,60€ / 56,70€
Automat/Schalter: 56,80€ (egal wann)
im Zug: 59,80€
Ab 1.7.2021:
Online/Mobil: 55,70€ / 56,10€ / 56,50€
Automat: 56,50€ / 56,80€ / 57,20€
Schalter: 56,80€ / 57,70€ / 58,30€
im Zug: 62,80€ (+3€ ?)
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Vorteilscard-Preis
Kaufzeitpunkt: 180–15 / 14–1 / 0 Tage vor Gültigkeit
Bis 30.6.2021
Online/Mobil: 28,30€ / 28,30€ / 28,40€
Automat: 28,40€ (egal wann)
Schalter: 31,30€ (egal wann)
im Zug: 34,30€
Ab 1.7.2021:
Online/Mobil: 27,90€ / 28,10€ / 28,30€
Automat: 28,30€ / 28,40€ / 28,60€
Schalter: 31,30€ / 31,80€ / 32,10€
im Zug: 34,60€ (+3€ ?)
   (Korrektur 2.7.2021: In den früheren Versionen wurde übersehen, dass der Vorteilscard-Preis bis 30.6.2021 am Schalter immer schon höher war gegenüber dem Automaten wg. nur 45% Ermäßigung gegenüber 50% am Automaten. Differenzierung Automaten/Schalter-Preis mit Vorteilscard wurde jetzt ergänzt.) .
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HINWEIS: Die Preise variieren abhängig vom Kaufzeitpunkt nur für Fahrkarten nach ÖBB-Tarif, nicht für Fahrkarten nach Verbundtarif, Verbundfahrkarten kosten immer gleich viel, egal wann man sie kauft. (Achtung: Fahrten innerhalb eines Verkehrsverbundes mit Vorteilscard Classic/66/Jugend/Family tarifieren nach ÖBB-Tarif, mit VC Senior nach Verbundtarif außer in Vorarlberg, dort auch mit VC Senior nach ÖBB-Tarif).
Für die eher seltenen Wochen-/Monatskarten nach ÖBB-Tarif für verbundübergreifende Strecken bestimmt ebenfalls der Kaufzeitpunkt den Preis, was durchaus geschmalzenere Preisunterschiede ergeben kann. Wer kauft schon eine Wochenkarte 15 Tage vorher?
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FAZIT: Die Rechtfertigung des neuen Preissystems ist ein Schmäh der Extraklassse:
ÖBB: „Wir erwarten, dass sich in Zukunft immer mehr Menschen für die Bahn als Verkehrsmittel entscheiden. Das bringt die Herausforderung mit sich, mehr Fahrgäste gut und sicher ans Ziel zu bringen. Dieser Zuwachs an Fahrgästen muss strategisch geplant werden und das geht für uns am besten mit frühzeitigeren online Zugbuchungen. So können wir das tatsächliche Reiseverhalten der Menschen besser prognostizieren und die Auslastung in den Zügen besser planen.“
Für die Prognose des Reiseverhaltens und der Auslastung ist die Nachfrage nach Sparschiene-Tickets ausreichend. Und die ist aussagekräftiger, da Sparschiene-Tickets zuggebunden sind.
Das Ganze ist bestenfalls ein Trostpflaster für Leute, die keine Sparschiene-Tickets mehr ergattern. Denn sonst bucht man nicht mehr als 14 Tage im Voraus.
Ob im Zuge des neuen Preissystems auch das Sparschiene-Kontingent reduziert wurde? Das ist nicht überprüfbar, weil die Anzahl der verfügbaren Sparschiene-Tickets Betriebsgeheimnis ist.
Der wahre Grund für die Preisdifferenzierung ist, Fahrgäste vermehrt zum Online-Kauf zu bewegen, um in Zukunft Fahrkartenschalter und Personal wegzurationalisieren und Automaten zu reduzieren.

In Wahrheit sind die blumigen Worte der ÖBB eine scheinheilige Verschleierung der Verteuerung durch die Hintertür.
Konsequenz: Reduktion der Auslastung, denn die Strategie der ÖBB wird dazu führen, dass, wo möglich, die Fahrgäste vermehrt auf die WESTbahn ausweichen. Gratulation an die ÖBB zur Strategie, die Auslastung der Züge des Konkurrenten zu steigern!

Stichwörter/Keywords: Österreichische Bundesbahnen, ÖBB, Tarif, neues Preissystem, Preisdifferenzierung, Verteuerung durch Hintertür

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Angemeldet als: Gast      Die aktuelle Uhrzeit ist: 15. October 2021 22:17