Kältekammern in Medizin, Sport, Wellness

Therapeutische Anwendungen?

Seite 1 von 1

KONSUMENT 1/2017 veröffentlicht: 22.12.2016

Inhalt

Gibt es Anwendungen für die Ganzkörper-Kryotherapie bzw. Kältekammer, die nachweislich zu Verbesserungen führen?

Wir sagen: Viele Anwendungsgebiete der Kältekammer sind kaum untersucht. Zwar wird häufig von positiven Effekten berichtet, die zugrunde liegenden Studien sind jedoch meist klein und von schlechter Qualität. Derzeit ist weder über die Sicherheit noch über die Wirksamkeit von Kältekammern eine verlässliche Aussage möglich.
 

KONSUMENT Faktencheck-Medizin: Beweislage unzureichend


Von kalten Umschlägen zur Kältekammer

Kälte wird seit Jahrtausenden therapeutisch genutzt. Schon Hippokrates erwähnte sie in seinen Schriften. Kalte Umschläge sind bis heute gängige Praxis zur Behandlung von Prellungen oder entzündeten Gelenken. Der japanische Rheumatologe Toshiro Yamauchi war der erste, der Menschen in Kältekammern steckte.

Bereits 1978 setzte er auf die Extremtemperatur von –175 °C zur Ganzkörperbehandlung von rheumatoider Arthritis. Mittlerweile wird die Kältekammer bei chronischen Schmerzen wie Fibromyalgie, Rücken- oder Schulterschmerzen eingesetzt, darüber hinaus bei Hautkrankheiten wie Neurodermitis und Schuppenflechte bis hin zu psychischen Beschwerden wie Depressionen und Angststörungen.

Die Kaltwassertonne im Leistungssport

Im Wellnessbereich soll Kälte das Immunsystem ankurbeln, zu gutem Schlaf beitragen, einen nicht näher beschriebenen Anti-Aging-Effekt haben. Sogar der Leistungssport hat die Kältekammer entdeckt: zur Prophylaxe von Muskelkater und zur Leistungssteigerung insgesamt.

Medizin-transparent.at hat die wissenschaftlichen Datenbanken durchforstet und keine wirklich überzeugenden Studien zur Kältetherapie gefunden. Die Arbeiten weisen fast alle große Mängel auf. Neben einer viel zu geringen Teilnehmerzahl sind die meisten zu ungenau und zu schlecht konzipiert. Längerfristige Effekte sind nicht dokumentiert, auch Nebenwirkungen wurden oft nicht aufgezeichnet. Gut gemachte Untersuchungen über die Folgen einer Langzeitbehandlung fehlen.

Im Hochleistungssport ist die Ganzkörper-Kältetherapie besonders beliebt. Dafür verbringen die Athleten längere Zeit in Kaltwasserbädern oder tauchen sogar in "Eistonnen". Alternativ kommt die Kryo-Kammer mit ihrer trockenen und als angenehmer empfundenen Kälte zum Einsatz.

Gute Studien fehlen, Risiken sind möglich

Durch gute Studien belegt ist das alles nicht. Fallberichte und Ministudien, die positiv über Kältekammern berichten, sind so zahlreich wie die Werbeversprechen der Hersteller (vor allem für die "Cryosauna"). Aber Theorien, Einzelberichte oder Einzelstudien reichen nicht für eine Beurteilung oder gar Empfehlung. Die Autoren einer Metastudie (Zusammenfassung von Studien) warnen hier vor möglichen Gesundheitsrisiken. So können Veränderungen der Haut, Erfrierungen (bei unvorsichtiger Anwendung), Unterkühlung, Infekte, Schwindel, Atemnot, Blutdruckanstieg oder gar eine Verschlechterung der zu behandelnden Symptome auftreten.

Für wen Kältekammern tabu sind

Tabu sind Kältekammern etwa für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atemschwäche bzw. Atemwegserkrankungen oder Nierenproblemen. Bei Krankheiten, durch die die oberen Gewebsschichten des Körpers schlechter durchblutet werden, zum Beispiel bei Diabetes, kann es leicht zu einer Unterkühlung kommen; deshalb wird auch hier von einer Ganzkörper-Kältetherapie abgeraten.

Warnung vor Heilsversprechen

Die oberste amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hat eine Warnung vor Heilsversprechen im Zusammenhang mit Kältekammern herausgegeben. Sie weist darauf hin, dass kein einziges Gerät für eine therapeutische Behandlung zugelassen ist und Behauptungen von medizinischen wie von Wellness-Einrichtungen zur Wirkung von Kältekammern wissenschaftlich nicht abgesichert sind.

Lesen Sie mehr: www.medizin-transparent.at/kaeltekammer
 

Stimmt das, was die berichten?

Beinahe täglich berichten Medien von Behandlungsmethoden, diagnostischen Tests und Studien. Wie aber steht es mit den Fakten hinter diesen Meldungen? Können wir glauben, was wir lesen? In unserer Rubrik "Fakten-Check Medizin" finden Sie Informationen, ob es für Medienberichte zu medizinischen Themen echte wissenschaftliche Beweise gibt. "Faktencheck Medizin" ist eine Kooperation von KONSUMENT mit Cochrane-Österreich. Cochrane-Österreich ist werbefrei, unabhängig und wird durch die Bundesgesundheitsagentur gefördert.

 

Bewertung

Wertung: 0 von 5 Sternen
KONSUMENT-Probe-Abo