KONSUMENT.AT - Laufschuhehersteller im Ethik-Test - Reportage: Nike in Vietnam

Laufschuhehersteller im Ethik-Test

Raus aus dem Hinterhof

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Konsument 6/2009 veröffentlicht: 29.05.2009

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Reportage: Nike in Vietnam

„Just do it!“ lautet der bekannte Werbeslogan der Marke Nike. Doch wenn die Arbeiter in den Nike-Fabriken in Vietnam diesen Slogan befolgen und einfach ihre Rechte einfordern, werden sie gefeuert.

Offizielle Werksbesichtigungen mit Einsichtnahme in die Bücher des Betriebes sind eine Sache. Eine andere Sache ist es, wenn Journalisten über Vermittlung systemkritischer Organisationen mit Arbeitern reden. Da wird der Finger auf Wunden gelegt, die bei einer formalen Überprüfung nur als ein Punkt von vielen behandelt werden können. Für die betroffenen Arbeitnehmer kann gerade dies aber zur Überlebensfrage werden.

Daher hat in Ergänzung zu den Betriebsbesichtigungen im Rahmen unseres Ethiktests ein Reporterteam des dänischen Verbrauchermagazins „Taenk“ Arbeiter und Arbeiterinnen auf eigene Faust interviewt. Was lag näher, als Produktionsstätten auszuwählen, die bei Nike unter Vertrag stehen? Denn Nike hat ja offizielle Betriebsbesichtigungen verweigert. 13 (bestehende und ehemalige) Arbeitskräfte von drei Nike-Werken in Vietnam wurden dabei außerhalb des Betriebes befragt.

Neun Euro verfügbares Einkommen

Die Bezahlung eines existenzsichernden Lohns (living wage) wird von NGOs (Non-Government-Organisations) als Menschenrecht angesehen. Doch fast alle Markenfirmen ignorieren das. Adidas ist der einzige Sportartikelkonzern, der bereit ist, darüber wenigstens zu diskutieren.

Als geschiedene Frau mit zwei Kindern kann man im Westen Vietnams kaum überleben. Daher hat Frau L. ihre Kinder bei ihren Eltern gelassen und ist nach Ho-Chi-Minh-City gefahren, um sich dort bei der Pou-Chen-Fabrik, einem riesigen Nike-Lieferanten mit 40.000 Beschäftigten, zu bewerben. Sie bedient dort eine Hochdruckmaschine zur Herstellung der Sohlen von Nike-Sportschuhen. Es ist heiß und stickig, aber immerhin bekommt sie 1,6 Mio. vietnamesische Dong pro Monat bezahlt – umgerechnet 72 Euro. Vorausgesetzt sie erfüllt die Tagesnorm. Tut sie es nicht, werden ihr gleich wieder 11 Euro abgezogen. Und die Erfüllung der Norm ist verdammt schwer, da Nike jeden Monat das Design seiner Modelle ändert.

L. sendet monatlich umgerechnet 22 Euro an ihre Eltern. 27 Euro gehen für die Miete drauf (für einen 15-Quadratmeter-Raum hinter der Fabrik). Fürs Essen benötigt sie 13 Euro. So verbleiben ihr in einem guten Monat (ohne Abzüge) 9 Euro für andere Ausgaben wie zum Beispiel Kleidung, Hygiene, usw. „Oh, ich kaufe mir selten Kleider“, sagt Frau L. „Es ist zu teuer.“ Neun Euro kostet auch eine Retourkarte mit dem Bus in ihren Heimatort. So kann sie ihre Kinder bestenfalls alle zwei, drei Monate besuchen. „Ich weiß, dass die Bedingungen hier besser sind als anderswo. Daher habe ich keine andere Wahl. Ich hoffe, dass meine Kinder einmal bessere Möglichkeiten haben werden.“

Interviews mit anderen Arbeiterinnen bestätigen es: Das Einkommen reicht nicht aus, um die Familie zu besuchen. „Den größten Teil unserer Freizeit verbringen wir in unserem Zimmer und vermissen unsere Familie“, so die Aussage einer 22-jährigen Arbeiterin.

„Selber schuld!“

Die Klagen der Arbeiterinnen in den Nike-Werken in der Umgebung von Ho-Chi-Minh-City klingen alle ähnlich: Wenn sie die Produktionsziele nicht einhalten, werden sie von den Vorarbeitern angeschrien und gedemütigt. Tag für Tag. Nach 12 Jahren Arbeit in der Klebeabteilung der Dona-Victor-Fabrik hat sich Frau B. an den Umgangston gewöhnt. Er geht bei einem Ohr rein und beim anderen raus. Keine der befragten Arbeiterinnen hat sich jemals über die rüden Umgangsformen ihrer Vorarbeiter beklagt. Eine meint: „Wenn du dich bei der Gewerkschaft beschwerst, wirst du als erstes befragt, ob du deine Norm erfüllst. Wenn nicht, sagen sie, du bist selber schuld, wenn sie dich anschreien.“

Nike hat ein regionales Beschwerdesystem für Arbeitskräfte in den Vertragsbetrieben errichtet. Keine der interviewten Arbeiter(innen) hat davon gewusst. Auch über den Code of Conduct (Verhaltenskodex) von Nike sind die Arbeitskräfte nicht informiert. Die wenigen, die davon gehört haben, glauben, dass es da um Qualitätsnormen und Umweltanforderungen geht, aber nicht, dass das etwas mit ihren Rechten als Arbeitnehmer zu tun hätte.

Lange Liste von Berufskrankheiten

Wenn die Schmerzen zu arg werden, geht Frau B. in die Gesundheitsabteilung. Dort bekommt sie ein Medikament, um den Schmerz zu lindern, aber die Ursachen bleiben bestehen. Sie leidet fast permanent unter Kopfschmerzen, die vom Kleber herrühren, mit dem die Schuhe verklebt werden. Weitere gesundheitliche Folgen sind Magenbeschwerden, Halsentzündungen und eine rinnende Nase. Andere Frauen klagen über extreme Müdigkeit und Schmerzen in Rücken und Schultern. Ein Arzt meint, all das seien typische Symptome von Personen, die in der Bekleidungsindustrie beschäftigt sind. Die Hälfte seiner Patienten leide an Atembeschwerden, ein Drittel klage über Verspannungen und Taubheitsgefühl in den Beinen. Für Arbeiter in Schuhfabriken kämen noch weitere Beschwerden dazu: Gedächtnisverlust, Hautausschläge und sogar Fehlgeburten. All das sei eine Folge des Einsatzes gefährlicher Substanzen in der Produktion.

Der Verhaltenskodex von Nike normiert: Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten sollen reduziert werden, die Gesundheit der Arbeitnehmer ist zu fördern.

Nach Streik wurden Dutzende Vorarbeiter gekündigt

In der Ching-Luh-Fabrik, eine Autostunde von Ho-Chi-Minh-City entfernt, traten im März 2008 über 20.000 Arbeiter in Streik, um höhere Löhne einzufordern (konkret 200.000 Dong bzw. 9 Euro mehr). Angesichts der hohen Inflation (15 Prozent) könnten sie ihre elementaren Lebenshaltungskosten nicht mehr decken. Am zweiten Streiktag wurde ein massives Polizeiaufgebot in der Fabrik stationiert, das die Streikenden einschüchterte und auch verprügelte. Die Unternehmensführung stellte die Arbeiter vor ein Ultimatum: Entweder sie gäben sich mit 100.000 Dong zufrieden oder sie hätten den Betrieb zu verlasen. Gewerkschaftsfunktionäre unterstützten diese Entscheidung.

Nach einer Woche war der Streik vorbei. Nach Angaben eines Vorarbeiters seien er und über 100 seiner Kollegen fristlos entlassen worden, weil sie mit den Streikenden kooperiert hätten. Nur wenigen hätte man die Möglichkeit geboten zu bleiben, wenn sie schriftlich Selbstkritik üben. Als der Vorarbeiter zur Gewerkschaft ging, hätte man ihm nur lapidar mitgeteilt, Gruppenleiter seien dazu da, ihre Leute zu kontrollieren, und nicht dafür, sie in einem Aufruhr zu unterstützen.

Die Streikführer wurden für einige Tage verhaftet, danach intensiv von der Polizei überwacht. Einmal in der Woche wurden sie aufs Polizeirevier gerufen und dort intensiv verhört. Man stellte ihnen immer wieder dieselben Fragen: „Wer steckt dahinter? Für wen arbeitest du?“ Eine Arbeiterin, die diese Prozedur sechs Monate lang durchmachen musste, stellte dazu fest: „Es ist nicht so, dass du Angst davor hast, verletzt zu werden. Aber die ständigen Schikanen machen es schwer, ein normales Leben zu führen. Manchmal glaubst du, dass du verrückt wirst.“

Für Nike ist alles o.k.

Gemäß Nikes Code of Conduct sind alle Vertragsbetriebe verpflichtet, die Rechte aller Beschäftigten zu respektieren. Aber in dem konkreten Fall sieht es der Markenhersteller anders: In einer Reaktion stellte Nike fest, kein Arbeiter sei infolge des Streiks gefeuert worden. Einige seien allerdings entlassen worden, weil sie mehr als fünf Tage nicht an ihrem Arbeitsplatz gewesen seien. Der Rest hätte aus eigenem Antrieb den Betrieb verlassen. Das Unternehmen stellte auch fest, niemand sei diszipliniert worden, die Polizei sei seines Wissens nur aus dem Grund gerufen worden, um „die Streikenden, das Management und das Fabrikseigentum zu schützen“.

Der Generalsekretär der Organisation Committee to Protect Vietnamese Workers, Trung Doan, kommentiert diese Stellungnahme wie folgt: „Nike täuscht Ethik-Ideale vor, während sie in Wahrheit mit den Arbeitgebern und der Polizei eng zusammenarbeiten.“ Vor der Unterdrückung der unter Nike arbeitenden Personen schließe die Konzernspitze einfach die Augen.

Diktatur zieht Investoren an

Vietnam wird von einem der repressivsten Regime der Welt geführt. Die einzige legale Gewerkschaft wird von der herrschenden Einheitspartei kontrolliert. Die hohe Inflation der letzten Jahre hat zu einer steigenden Zahl wilder Streiks geführt. Allein im Jahr 2008 wurden mehr als 500 solcher Streiks gezählt.

Da sich in China die Arbeitsbedingungen zuletzt verbessert haben – nicht zuletzt im Hinblick auf die Olympischen Spiele im Vorjahr –, ziehen viele westliche Konzerne ihre Produktion von China ab und verlagern sie in benachbarte Länder, zu einem großen Teil nach Vietnam, wo die Verhältnisse für Investoren attraktiver sind. Auch Nike hat diesen Trend vollzogen. 200.000 der weltweit 800.000 für Nike tätigen Arbeitskräfte befinden sich heute in Vietnam.

Hinzuzufügen bleibt, dass auch die Mitbewerber von Nike in Vietnam Produktionsbetriebe unter Vertrag haben. Ob die Arbeitsbedingungen dort besser sind, sei dahingestellt …

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