KONSUMENT.AT - Selbstgebasteltes: muss es immer do-it-yourself sein? - Zweifelhafte Ästhetik und fraglicher Nutzen

Selbstgebasteltes: muss es immer do-it-yourself sein?

Eine Kolumne von Michael Hufnagl

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KONSUMENT 1/2021 veröffentlicht: 10.12.2020

Inhalt

Da schau her: Kindliche Werkstatt-Arbeiten türmen sich bei den meisten Eltern und Großeltern. Doch manchmal reicht es mit diesen Mahnmalen der Unzulänglichkeit und ein gekaufter Adventkranz muss her. - ein satirischer Kommentar.

KONSUMENT-Kolumnist Michael Hufnagl (Foto: Ela Angerer)

Einst musste ich im zarten Volksschulalter ein Geschicklichkeitsspiel aus Ton herstellen. Dabei sollten kleine Kugeln durch ein Labyrinth laufen, was sie aber aufgrund der vielen Unebenheiten nicht taten und stattdessen permanent auf den Boden plumpsten. Ich führe dieses Defizit darauf zurück, dass mir immer schon die Geduld für Basteleien fehlte. Und die Fingerfertigkeit. Und überhaupt die Lust.

Sammelsurium kindlicher Werkstatt-Arbeiten

Dennoch strahlte meine Mutter, als sie zu Weihnachten das Werk auspackte. Der Wille zum Bemühen um Kreativität ließ sie gerührt darüber hinwegsehen, dass sie nach dem „Jaaa!“ und „Jööö!“ erst nachfragen musste, was genau dieses Ding eigentlich sei. Das tönerne Ungetüm wurde danach auf einer Kommode platziert und nie wieder angerührt – wozu auch? Im Laufe der Jahre sammelten sich jedenfalls daneben weitere kindliche Werkstatt-Arbeiten.

Vom Holz-Brieföffner über die pailettenverzierte Blumenvase bis zur Kastanien-Skulptur. Mit dieser Parade dokumentierten meine Eltern ihre Wertschätzung, ahnten aber in Anbetracht zweifelhafter Ästhetik und fraglichen Nutzens wie ich: Eine Karriere als Kunsthandwerker wäre in meinem Fall so absehbar gewesen wie eine Hitzewelle in der Adventzeit. Umso lustiger fand ich es, als meine Tochter unlängst die Idee gebar, wir könnten ihrer Omi doch gemeinsam einen Adventkranz basteln. Besser als kaufen wie sonst immer, meinte sie.

Adventkranz beim Floristen unseres Vertrauens

„Netter Gedanke“, antwortete ich, „aber ich fürchte, auf ihrer Kommode ist für weitere Mahnmale der Unzulänglichkeit kein Platz mehr.“ Zumal die Sammlung – genetischer Gesetzmäßigkeit folgend – längst um zahlreiches missglücktes Enkelin-Klimbim erweitert wurde. Und so bestellten wir dann doch einen Adventkranz beim Floristen unseres Vertrauens. Gemeinsam. Was vor allem bedeutet: Meine Mutter kann die Kerzen auch gefahrlos anzünden.

mail@michael-hufnagl.com

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