KONSUMENT.AT - Wettbüros: kein Jugendschutz - Interview: Frau Dr. Horodecki, <nobr>Spielsuchthilfe in Wien</nobr>

Wettbüros: kein Jugendschutz

Faule Wetten

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Konsument 6/2010 veröffentlicht: 18.05.2010, aktualisiert: 19.05.2010

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Interview: Frau Dr. Horodecki, Leiterin der Spielsuchthilfe in Wien

Die Psychologin und Psychotherapeutin Dr. Izabela Horodecki leitet die Spielsuchthilfe in Wien. Der Verein Spielsuchthilfe ist die älteste und bis heute einzige ausschließlich mit der Problematik der Spielsucht befasste Fachstelle in Österreich und eine der ältesten Spielsucht-Facheinrichtungen im deutschsprachigen Raum. Die Spielsuchthilfe erhält keine öffentlichen Mittel und ist rein auf Unterstützungen und Spenden angewiesen.

Konsument: Wie viele spielsüchtige Menschen gibt es in Österreich?

Frau Dr. Izabela Horodecki: Verlässliche Zahlen gibt es nicht, weil in Österreich noch keine Grundlagenuntersuchungen zu diesem Thema vorliegen. Schätzungsweise sind es in etwa 1,5 Prozent der Erwachsenen, die spielsüchtig sind. Die große Beratungsnachfrage bei der Spielsuchthilfe bestätigt diese Schätzung. 85 Prozent der bei Spielsuchthilfe hilfesuchenden Spielsüchtigen sind Männer.

Konsument: Auch Minderjährige?

Horodecki: Etwa 40 % der zum Zeitpunkt der Erstberatung bereits erwachsenen Betroffenen schildern, dass sie als Jugendliche unter 18 Jahren gespielt und Probleme mit dem Spielen hatten. Unter jenen, die sich persönlich an uns wenden, sind unter 18-Jährige kaum vertreten. Die größte Gruppe stellen die 30- bis 40-Jährigen – die in etwa ein Drittel unser Klientel ausmachen. Im Durchschnitt dauert es etwa sieben Jahre, bis ein Spielsüchtiger Hilfe sucht.

Konsument: Was sind die Ursachen dafür, dass so viele als Jugendliche zu spielen beginnen?

Horodecki: Der Einstieg ins Glücksspiel geschieht meist über Wetten und Automaten. Zwar gibt es ein Jugendschutzgesetz und ein Glücksspielgesetz, doch funktioniert die Umsetzung nicht – die Einhaltung der Gesetze wird offensichtlich zu wenig kontrolliert. Zusätzlich ist auch das Spielen im Internet relativ einfach. Auch Jugendliche können sich den Zugang zu den Kontodaten der Eltern verschaffen und dann problemlos spielen.

Konsument: Welche Rolle spielen Fußballwetten?

Horodecki: Wetten werden von den meisten nicht als Glücksspiel gesehen. Besonders Fußballfans sind überzeugt, den Ausgang eines Fußballspiels besser vorhersagen zu können als Menschen, die sich für Sport weniger interessieren. Die Spieler wähnen sich gut informiert und glauben, dass sie alles unter Kontrolle haben. Man bekommt Spielergebnisse und -berichte ja schon aufs Handy geliefert.

Konsument: Was müsste Ihrer Meinung nach geschehen, damit der Jugendschutz tatsächlich greift?

Horodecki: Gesetzlich ist das Betreten eines Wettlokals für Jugendliche unter 18 Jahren verboten. Nachdem es aber bisher keine Ausweiskontrolleverpflichtung gibt, wird es offensichtlich häufig nicht eingehalten. Eine konsequente Alterskontrolle ist sowohl in Wettlokalen als auch in anderen Spiellokalen notwendig, um Jugendliche vor der Teilnahme an Wett- und Glücksspielen zu schützen. Es muss eine grundsätzliche Pflicht zur Prüfung der Identität und somit auch des Alters geben.

Konsument: Wie kommt es, dass Spielsucht zu einem immer größeren Thema zu werden scheint.

Horodecki: Spielsucht war in der Geschichte immer wieder ein Problem. Die Einstellung gegenüber dem Glücksspiel war ambivalent. Es ist jedoch das erste Mal in der Geschichte, dass das Glücksspiel für so breite Bevölkerungsgruppen frei zugänglich ist. Es gibt auch ständig neue Glücksspielangebote. Seit 1992 ist Spielsucht (in der Fachsprache sprechen wir übrigens von pathologischem, d.h. krankhaftem Glücksspiel) von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) als Krankheit anerkannt.

Konsument: Was sind die Auswirkungen von Spielsucht?

Horodecki: Die Problematik hat einen großen Stellenwert. Spielsucht ist häufig die Ursache individueller und familiärer Tragödien. Spielsüchtige Jugendliche vernachlässigen ihre Ausbildung, was ihren späteren beruflichen Lebensweg entscheidend beeinflussen kann. Gerade Jugendliche, die ein Problem mit dem Spielen haben, können besonders leicht auch mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Es leiden – sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen – die persönliche Entwicklung, die berufliche Situation und das Familienleben. Auch soziale Kontakte werden vernachlässigt, die Betroffenen isolieren sich zunehmend. Das Glücksspiel wird das Wichtigste im Leben. Die meisten Betroffenen sind, wenn sie zur Erstberatung kommen, auch hoch verschuldet.

Es wenden sich an unsere Einrichtung jährlich rund 1.000 Spielsüchtige und Angehörige. Um mit dem Spielen aufzuhören, spielabstinent zu bleiben und mit den Folgen des krankhaften Glücksspiels fertigzuwerden, benötigen Betroffene wie Angehörige professionelle Unterstützung. Und diese wird bei der Spielsuchthilfe angeboten.

Konsument: Wie beeinträchtigen die fehlenden Mittel Ihre Arbeit?

Horodecki: Jährlich wenden sich mehr Personen hilfesuchend an uns. Waren es 1989 noch 296 Personen, die wir betreut haben, so stieg diese Zahl auf 903 im Jahr 2008. Im Jahr 2009 konnten wir 140 Menschen unsere Hilfe nicht schnell genug anbieten, weil wir schlicht an unsere Kapazitätsgrenzen gestoßen sind. Dies ist bitter, weil schnelle Hilfe so wichtig ist.

Wie bei Süchtigen allgemein, öffnet sich auch bei Spielsüchtigen das Motivationsfenster – die Zeit, in der sie bereit sind, in ihrem Leben etwas zu ändern – nur für eine bestimmte Dauer. Wird dann keine Hilfe geleistet, ist die Motivation bei den Betroffenen wieder schwankend. Sie sind nicht mehr zu einer Therapie bereit oder sie können telefonisch nicht mehr erreicht werden.

Wir bemühen uns seit 2006 um finanzielle Unterstützung öffentlicher Stellen. Doch obwohl wir von der Stadt Wien als förderwürdig anerkannt sind, erhalten wir immer noch keine finanzielle Unterstützung zur Erweiterung der Behandlungskapazitäten.

Konsument: Derzeit wird über eine Ausweitung des kleinen Glücksspiels diskutiert. So möchte auch das Land Oberösterreich wie bisher schon Kärnten, die Steiermark, Niederösterreich und Wien das Aufstellen von Spielautomaten erlauben.


Horodecki: In Oberösterreich war das kleine Glücksspiel Anfang der 90er-Jahre bereits erlaubt, später wurde es verboten. Die Verlockung, das Glücksspiel zu erlauben, ist eben auch für die Kommunen groß. In Wien, nimmt die Stadt Wien pro Geldspielautomat 1.400 Euro an Aufstellungsgebühren im Monat ein.

Außer den finanziellen Einnahmen sind jedoch auch Folgen für die Allgemeinheit da. Es obliegt dem Gesetzgeber, die sozialen Vorteile und Nachteile abzuwiegen.

Konsument: Inwiefern?

Horodecki: Die Folgen pathologischen Glücksspiels betreffen nicht nur den Spieler. Es leiden ganze Familien, das weitere soziale Umfeld, und letztlich ist auch die Allgemeinheit durch solche Folgen wie Scheidungen, Selbstmordgefahr, Existenzzusammenbrüche, Kriminalität, Behandlungskosten betroffen.

Konsument: Welche Hilfestellung leistet die Spielsuchthilfe?

Horodecki: Die Spielsuchthilfe besteht seit 1982 – die Einrichtung hilft Spielsüchtigen also bereits seit über einem Vierteljahrhundert. Angeboten werden bei der Spielsuchthilfe Beratung (persönlich, online und telefonisch), Psychotherapie, psychiatrische Sprechstunde, Sozial- und Schuldnerberatung, Geldmanagementhilfe, therapeutisch geleitete Gruppen.

Alle Angebote sind für die Hilfesuchenden kostenlos. Bei Bedarf überweisen wir auch in stationäre Therapieangebote für Spielsüchtige und bieten anschließend auch eine Nachbetreuung an.

Konsument: Wie viele Betroffene schaffen den Weg aus der Sucht?

Horodecki: Der Therapieprozess in der Behandlung von pathologischen Spielern verläuft nicht immer gleichmäßig. Wie es bei Personen mit einem Abhängigkeitsproblem häufig der Fall ist, kommen auch Abbrüche, Unterbrechungen und mehrere Neustarts vor. Jemand, der erst ein Jahr spielt, ist mit ganz anderen Problemen konfrontiert als jemand, der bereits seit 25 Jahren spielsüchtig ist.

Wie Sie dem Forschungsbericht der Spielsuchthilfe entnehmen können, werden im 10-Jahres-Verlauf jährlich etwa 45 % unserer Klienten spielabstinent. Weitere etwa 40 % können als gebessert beurteilt werden. Insgesamt sprechen die Ergebnisse für die hohe Qualität unserer Arbeit.

 

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