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Wettbüros: kein Jugendschutz

Faule Wetten

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Konsument 6/2010 veröffentlicht: 18.05.2010, aktualisiert: 19.05.2010

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Interview: Michaela Sint, Verein Rettet das Kind (RdK)

Die Jugendtreffleiterin und diplomierte Sozialarbeiterin beim Verein Rettet das Kind (RdK) Michaela Sint beschäftigt sich seit Jahren mit Spielsucht unter Jugendlichen.

Konsument: Welche Bedeutung hat Spielsucht unter Jugendlichen?

Michaela Sint: Ohne Alkohol, Nikotin oder Drogen verharmlosen zu wollen, rein quantitativ betrachtet ist die Spielsucht sicherlich das größte Suchtproblem unter Jugendlichen. Die Zahl der Betroffenen ist wesentlich höher, die finanziellen Konsequenzen sind dramatischer und die langfristigen sozialen und wirtschaftlichen Folgen für die Gesellschaft nicht einschätzbar.

Konsument: Wie verläuft die Entwicklung in den letzten Jahren?

Sint: Die Problematik hat sich in den letzten Jahren verstärkt. Zum einen sinkt die Alterschwelle permanent – wir kennen 12-Jährige, die schon Wetten abschließen – zum anderen nimmt die Zahl der jugendlichen Spieler immer mehr zu. Von denjenigen, die unseren Treff besuchen, spielen schätzungsweise 60 Prozent, fast durchwegs Burschen.

Gefährdet sind Jugendlichen aus allen gesellschaftlichen Schichten, mit und ohne Migrationshintergrund. Glücksspiel und Wetten sind tägliches Gesprächsthema unter den Jugendlichen.

Konsument: Was macht das Wettgeschäft für Jugendliche so attraktiv?

Sint: Es ist eine Doppelbotschaft an die Jugendlichen. Glücksspiel ist zwar verboten, das Verbot wird aber nicht kontrolliert und es wird ihnen viel zu leicht gemacht. Sie erliegen der Verlockung des schnellen Geldes und träumen vom gesellschaftlichen Aufstieg für sich und ihre Familie.

Notfalls verschaffen sich 13- bis 14-Jährige mit gefälschten Schülerausweisen Zutritt. Und wenn dann doch einmal eine Kontrolle stattfindet, platziert einfach ein Freund, der älter aussieht, die Wette für die Jüngeren.

Konsument: Wie beginnt eine Spielerkarriere?

Sint: Die Jugendlichen sind fußballbegeistert, und so steht am Anfang die Fußballwette. Sie glauben, dass sie das Wettglück durch ihre Kenntnis beeinflussen können. Die Fußballwette wird weniger als Glücksspiel wahrgenommen, sondern eher als vorhersagbares Ereignis, bei dem man sich als Experte beweisen kann.

Häufig dient die Fußballwette auch als Mutprobe, sich in ein Wettlokal zu trauen. Für die Abgabe eines Wettscheines muss ich mich nur kurz darin aufhalten. Man kann testen, ob man unbehelligt bleibt.

Konsument: Und wenn man trotz seiner vermeintlichen Kenntnisse verliert?

Sint: Dann gibt man das im Freundeskreis nicht zu, weil es ein Gesichtsverlust wäre. Kommuniziert werden nur die Gewinne. Die Gewinnwette wird hergezeigt. Ich weiß aber von Betroffenen, dass sie auf ein und dasselbe Spiel drei Wetten abgeschlossen haben. Doch das verheimlichen sie sogar den besten Freunden.

Konsument: Und nach der Fußballwette folgt dann das Automatenspiel?

Sint: Das ist richtig. Irgendwann kommt der Moment, da steckt man dann die Zwei-Euro-Münze in den Automaten, anstatt sie auf ein Spiel zu verwetten, und dann beginnt die Spirale, die in die Sucht führt. Deshalb ist die Ausweitung des kleinen Glücksspiels für Jugendliche eine Katastrophe, weil dadurch nur weitere zur Sucht verführt werden.

Konsument: Neben dem Kontrollverlust steigt auch der materielle Verlust.

Sint: Genau, und damit die Gefahr, in die Kriminalität abzurutschen. Auf Verluste wird mit steigenden Einsätzen reagiert. Zuerst wird das Taschengeld verspielt, dann das Lehrlingsgeld. Man leiht sich Geld von Freunden und Bekannten zusammen, und je mehr man verliert, desto mehr muss man zurückholen.

Konsument: Der Geldbedarf steigt wie bei der Drogensucht?

Sint: Genau. Nicht zuletzt deshalb, weil viele bemüht sind, den äußern Schein, das Image des Gewinners zu wahren. Der vermeintliche Erfolg muss dann etwa durch teure Kleidung unterstrichen werden. Am Ende dieses Teufelskreises stehen nicht selten Raub und Gefängnis. Ich kenne inzwischen einige derartige Biografien. Aus meiner Sicht ist Spielsucht eine der Haupttriebfedern für Jugendkriminalität.

Konsument: In unserem Test sah sich einer der Jugendlichen mit der Situation konfrontiert, dass die Auszahlung eines Gewinns mit der Begründung verweigert wurde, dass er noch nicht volljährig sei.

Sint: Hier offenbart sich die zynische Seite der Doppelmoral. Beim Platzieren der Wette oder beim Spiel am Automaten erfolgt keine Alterskontrolle, wenn es um die Auszahlung geht jedoch sehr wohl. Für mich stellt sich hier auch die Frage, was passiert mit diesen Gewinnen und wer kassiert hier eigentlich?

Konsument: Was müsste also geschehen?

Sint: Es gibt zwar Gesetze, aber solange die Einhaltung nicht überprüft wird, sind sie zahnlos. Es bedarf zum einen vermehrter Kontrollen durch die Betreiber, zum Beispiel einer Ausweispflicht, und andererseits sind Sanktionen gegenüber den Betreibern nötig. Es fehlt am gesellschaftlichen Bewusstsein, dass Spielsucht für Jugendliche höchst gefährlich ist. Für Betroffene müsste es mehr bzw. leichter zugängliche therapeutische Angebote geben. Oder ist Spielsucht eine gesellschaftlich akzeptierte Form von Sucht?

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