Physiotherapie: Reaktionen auf den Test

Verbände, Therapeuten, Patienten

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veröffentlicht: 28.03.2012, aktualisiert: 05.07.2012

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Leserreaktion: Doris Vilimek

Ich habe mit Interesse Ihren Artikel zur Physiotherapie gelesen! Leider wurde ich etwas enttäuscht, da hier die gesamten Physiotherapeuten an den Pranger gestellt wurden und das anhand von 15 Stück! Und leider werden anscheinend auch freiberufliche Physiotherapeuten mit Instituten, die ärztlich geführt werden vermischt. Zur Verordnungspraxis möchte ich auch noch anmerken, dass es häufig der Patient ist, der zum Arzt geht und eine Verordnung wünscht, da viele Ärzte sich garnicht im Klaren sind, was Physiotherapeuten machen. Es gibt nämlich Unterschiede zwischen Physikalischer Medizin (eine Fachrichtung, nach dem abgeschlossenen Medizinstudium) und der Physiotherapie, die von ausgebildeten Physiotherapeuten ausgeübt wird. Der Arzt kann häufig auch nicht einschätzen, wie lange eine Sitzung wirklich dauern soll, damit sie zum Erfolg führt (ist auch nicht in seiner Ausbildung enthalten, dass er dies einschätzen lernt).Dies ist immer von vielen Faktoren abhängig,  wie Kondition, Körperwahrnehmung, Selbsteinschätzung, Unsicherheiten des Patienten, Compliance etc. Das Auszutesten erfordet Zeit, die der Arzt oft nicht im ausreichenden Maße hat.

Ich muß ihnen recht geben, dass es keinenfalls in Ordnung ist, wenn ungefragt diversen Alternativmethoden oder Ähnliches verwendet werden. Dies muß immer in Absprache mit den Patienten erfolgen und dann sollte es auch erst angeboten werden, wenn die klassischen Methoden nicht zum Erfolg führen.  (dazu möchte ich anmerken, dass Akupunktur in der Physiotherapie nicht erlaubt ist, da es eine invasive Maßnahme ist). Auch um die wissenschaftliche Belegung läßt sich noch diskutieren. Das überlassen wir jedoch besser den Fachleuten.  Leider sind die Grenzen oft sehr verwaschen. Und wenn ein Therapeut sich in verschiedene Richtungen und in vielfältigen Konzepten fortbildet, kann dies für den Patienten nur von Nutzen sein.

Das natürlich diese Methoden, wenn sie als Behandlung durchgeführt werden, nicht den Kassen verrechnet werden, versteht sich von selbst, wobei es natürlich die Übernahme wünschenswert wäre, da es manchmal wirklich zu einen schnelleren Erfolg führen kann. Wird Physiotherapie bei einem Wahltherapeuten verordnet, kommt es schon zum Problem…denn was ist Physiotherapie? Wenn die Patienten dann die Bewilligung zurück bekommen, wurde Heilgymnastik bewilligt. Denn für Physiotherapie gibt es in der Tarifliste keine Position. Was gehört nun alles dazu. HG ist doch eher eine aktive Maßnahme. Jedoch ist es sehr häufig notwendig, dass dem passive Maßnahmen vorausgehen, da die aktive Bewegung sonst garnicht möglich ist (deswegen kommt der Patient ja auch häufig in die Therapie). Wir Menschen sind keine Maschinen und es kann schon ein Theaterbesuch am Vorabend, die Therapiegestaltung verändern, da die Schmerzen sich verschieben. Das ist der Vorteil in der Physiotherapie, dass aus einem sehr vielfältigem Pool geschöpft werden kann und daher auch angepasst werden kann. Wäre es so einfach, dass die Therapieeinheiten zur Gänze vorher planbar wären, dann könnte zu jeder Diagnose ein Trainingsplan erstellt werden und dieser dann einfach den Patienten in die Hand gedrückt werden und alle wären gesund. Und wie kann der Arzt diese Maßnahmen verschreiben?

Noch ein Punkt ist mir etwas ungut aufgefallen. Das Erstgespräch und das An- und Ausziehen. Muß der Patient für das Erstgespräch, in dem im Normalfall eine Anamnese erhoben wird, nun extra zahlen? Oder sollen die Therapeuten das gar kostenlos anbieten? Dazu möchte ich gleich anmerken, dass ein Handwerker, der vorbeikommt, um z.B. die Waschmaschine zu begutachten, auch eine Rechnung stellt. Auch wenn er nichts mehr machen konnte. Und der Patient und seine Geschichte sind weniger wert? Und das mit dem An- und Ausziehen? Soll der Patient noch ausgezogen in den Praxisraum kommen? Manchmal stellt es sich auch erst während der Therapie heraus, dass ein genauerer Sichtbefund notwendig ist. Und wie soll die Zeiteinteilung gemacht werden? Wenn für 30 Min immer 45 min eingeteilt werden müssen, damit das An- und Ausziehen, nicht in der Behandlungszeit ist. Daraufhin werden die Therapeuten ihr Preis anheben müssen, was wieder voll auf Kosten der Patienten geht. In folge kann nur mehr derjenige zur Therapie gehen, der es sich leisten kann. Ich dachte immer, wir haben und wollen keine 2-Klassengesellschaft.

Dazu kommt die Dokumentation, die in allen Gesundheitsbereichen Pflicht ist. Fällt die dann auch in die Freizeit der Therapeuten? Und wie sieht es mit den oftmals verlangten Befunden aus. Diese Befunde werden von den Krankenkassen eingefordert. Wer zahlt diese Zeit?

Ich gebe Ihnen recht, dass es sicher schwarze Schafe gibt. So wie in jeder Branche. Aber ich denke doch, dass der Großteil sich nicht dazuzählen muß. Und dann sollte auch bedacht werden, was diese Leute noch zusätzlich leisten, um eine wirklich qualitativ hochwertige und möglichst effektive und erfolgreiche Therapie
anzubieten.

Es ist einfach schade, dass ein Berufsgruppe so angegriffen und als kriminell dargestellt wird, die sicher auch schon vielen Leuten geholfen hat und deren oberste Priorität ist, dass den Patienten möglichst geholfen wird. Und das auf ehrliche Weise.

Ich empfinde es als nicht fair, eine Statistik mit 15 Personen aufzustellen und damit im schlimmsten Fall einen ganzen Berufsstand mit einem Vielfachen an Mitgliedern in Mißkredit zu bringen und vor allem die vielen Menschen, die diese Therapie benötigen, zu verunsichern. Vielleicht denken Sie auch über meine Zeilen nach.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie nie in einen Zustand kommen, in dem Sie wirkliche Physiotherapie benötigen.
Mit freundliche Grüßen

Doris Vilimek

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Kommentare

  • Staub, der wirbelt
    von ockham's razor am 18.04.2012 um 12:42
    Ich befürchte, hier wurde in der Folgeausgabe des VKI eine Gelegenheit verpasst, sich für einen durch tendenziöse "Testberichterstattung" entstehenden Imageschaden an einer insgesamt engagiert und nach fundierten Grundsätzen arbeitenden Berufsgruppe zu entschuldigen. Der VKI könnte sich überlegen, ob es stattdessen nicht angebracht wäre, die Öffentlichkeit besser über Nutzen und Chancen wissenschaftlich fundierter Methoden und Praktiken der Physiotherapie zu informieren. Bei seinen Recherchen würde er zB. entdecken, dass die Physiotherapie über ihre allgemein anerkannte Rolle in der Reha nach Eingriffen, Verletzungen oder Schlaganfällen weit hinausgeht und nicht unwesentlich dazu beiträgt, unnötiges Leid bzw. konkret auch unnötige Kosten(lawinen) im Gesundheitssystem zu verhindern. Statt sich in diesem Bereich lediglich als verlängerter Arm bzw. Kontrollorgan von Funktionären zu verstehen, wäre der VKI gut beraten, die Verbreitung seines Mediums für die bessere Aufklärung der Bevölkerung bzw. Konsumenten zum Beispiel darüber zu nutzen, wie Österreich im internationalen Vergleich bzgl. der Statistik operativer Eingriffe im Bewegungsapparat da steht, und was das im Klartext für Patienten mit Schmerzen und Beschwerden im Bewegungsapparat bedeuten kann. Ohne Übertreibung kann gesagt werden, dass ein Gegengewicht zur Arbeit der Lobby von Prothetik-, Schmerzmittel- und Psychopharmakaindustrie hierzulande fehlt, da nur unzureichend bzw. in manchen Bundesländern teilweise überhaupt nicht über die Möglichkeiten konservativer, nicht medikamentöser und vor allem kausal ausgerichteter Therapien aufgeklärt wird. Die Kritik des European Health Forums spricht hier klare Worte: http://salzburg.orf.at/news/stories/2504363/ Solange der VKI sich zu Befangenheit und einseitiger Berichterstattung verleiten lässt im Rahmen eines Fachgebiets, in dem er keine weitergehenden Kompetenzen in Form zB. eines Sachkundigen aus der Berufsgruppe der Physiotherapeuten nachweisen kann, wird er sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen müssen, parteiisch zu agieren, und die Konsumenten von schwerwiegenden Problematiken (siehe Statistik im Link) abzulenken bzw. darüber im Dunkeln zu lassen. Gerade hier aber könnte die Arbeit derjenigen, die behaupten, sich die Interessen der Konsumenten auf die Fahne geschrieben zu haben, helfen, Positives zur Aufklärung der Öffentlichkeit beizutragen, unnötiges Leiden zu sparen und Licht ins Dunkel von industriellen Machenschaften zu bringen. Dazu ist aber vor allem eine Unabhängigkeit seitens des Konsumentenschutzes notwendig - das schliesst politische Beeinflussung, welche in der Struktur des VKI jedoch nicht von der Hand zu weisen ist, mit ein.
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