Physiotherapie: Reaktionen auf den Test

Verbände, Therapeuten, Patienten

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veröffentlicht: 28.03.2012, aktualisiert: 05.07.2012

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Leserreaktion: Stefan Podar

Ich hoffe, Sie sind der richtige Ansprechpartner für den Artikel im Konsument über Physiotherapie. Vorweg möchte ich sagen, dass das von mir Geschriebene ausschließlich meine persönliche Meinung wiederspiegelt.
Zu meinem Background: Ich absolvierte 2005 die Ausbildung zum Physiotherapeuten am AKH Wien und bin seitdem berufstätig (im Moment ausschließlich selbstständig). 2010 beendete ich ein Masterstudium in Australien mit dem Schwerpunkt Musculoskeletal- und Sportphysiotherapie.
 
Ich bin sehr dankbar über den von Ihnen gebrachten Test, da er schwarze Schafe unter den Physiotherapeuten aufzeigt. Dass erbrachte Leistungen mit der Rechnung übereinstimmen müssen, steht außer Frage. Wie Ihnen gewiss selbst bewusst, repräsentieren die 15 getesteten Therapeuten nicht alle Therapeuten Österreichs bzw. war das Test-design nicht ausreichend randomisiert und auch demographisch einseitig. Die in Ihrem Artikel etwas ketzerisch ausgefallene Verallgemeinerung aller österreichischen Physiotherapeuten ist somit unbegründet und trägt nicht zu einem guten Klima zwischen Ärzten und Physiotherapeuten bei.
 
Für mich ist die Situation besonders interessant, da mein Masterstudium in einem Land stattfand, in dem Physiotherapeuten sogenannte 'first contact practitioner' sind. Das bedeutet, dass keine ärztliche Verordnung notwendig ist und Physiotherapeuten sogar Ultraschall- und Röntgenuntersuchungen verordnen dürfen. Berufsgeschichtlich war es auch in Australien so, dass sich die Berufsgruppen des Arztes und Physiotherapeuten 'nebeneinander' entwickelten und es nie eine hierarchische Ordnung gab wie in Österreich. Hier möchte ich allerdings anmerken, dass der derzeitige Ausbildungsstatus eines Physiotherapeuten (mit österreichischer bacc.FH / Akademie- Ausbildung) meiner Meinung nach noch nicht ausreichend ist, um 'first contact practitioner' zu sein. 
 
Somit sehe ich die Hauptaufgabe des Arztes - der Physiotherapie in Österreich verordnet - zu wissen, was das Beste (Physiotherapie, Medikation, Operation,...) für den Patienten ist und gleichzeitig zu screenen, ob etwaige absolute oder relative Kontraindikationen vorliegen. Die Tatsache, dass Physiotherapeuten einen sogennanten physiotherapeutischen Befund machen und eine physiotherapeutische Diagnose stellen (obwohl bereits eine ärztliche - medizinisch rechtlich gültige - Diagnose existiert) sollte von jedem Leistungsempfänger sowie den Sozialversicherungsträgern begrüßt werden, denn oft sind ärztliche Diagnosen zu allgemein, um genau zu wissen, welche Therapiemaßnahme helfen wird. Zum Beispiel ist die häufig gestellte Zuweisungsdiagnose 'Lumbago' wenig hilfreich. Hierbei ist es notwendig, dass ein physiotherapeutisches Profil des Patienten erstellt, wird um ihn optimal zu betreuen. Ich kann aus eigener Erfahrung sage, dass viele Ärzte die physiotherapeutische Befundung und Behandlung extrem wertschätzen.
 
Ich möchte hier nicht beginnen vor der Türe anderer zu kehren, aber noch interessanter wäre es gewesen, physikalische Institute zu testen. Da in diesen Instituten der Selbstbehalt entfällt (es werden jährlich mehr Physiotherapieeinheiten in Instituten durchgeführt als bei Wahltherapeuten) und auch mehr von der Kassa gezahlt wird als bei Wahltherapeuten, ist dies ein viel größerer Ausgabenposten und wäre somit auch für die Versicherungsträger relevanter. Oft kommen Patienten zu mir, die bei solchen Instituten 20-30 Einheiten durchliefen, allerdings weder auf Kontraindikationen gescreent wurden (auch nicht vom Facharzt für Physikalische Medizin) noch eine ordentliche physiotherapeutische Befundung/Behandlung erhielten.
 
Bezüglich der nicht evidenz-basierten Therapiemaßnahmen, wie Cranio-Sakral Therapie, begrüße ich die Haltung der Versicherungsträger sehr, denn ich denke, dass unser Gesundsheitssystem nur Maßnahmen finanziell untersützen sollte, die sowohl wissenschaftlich bewiesen, als auch auf dem neuesten Stand sind. An dieser Stelle muss ich darauf hinweisen, dass bei einem Großteil der gestellten Diagnosen das Procedere eben dieser Institute mit Ultraschall, Fango, Elektrotherapie keinesfalls evidenz-basiert ist. Nur in seltenen Fällen gibt es den Beweis, dass Elektrotherapie oder Ultraschall signifikante Verbesserungen für den Patienten bringen (Schmerz, Funktion). Viel öfter konnte bewiesen werden, dass Manual- bzw. Trainingstherapie effektiver waren. Trotzdem werden die erwähnten physikalischen Maßnahmen besonders häufig verordnet. Ob dies stattfindet, weil die Geräte bereits angeschafft wurden und sich amortisieren müssen oder weil sie von günstigeren Arbeitskräften (MTF) durchgeführt werden können, sei dahingestellt.
 
Ich begrüße, dass Sie die Missstände im Gesundheitssystem (in diesem Fall Physiotherapie) aufzeigen und würde mich über eine kurze Stellungnahme Ihrerseits freuen.
 
Stefan Podar, M.App.Sc.

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Kommentare

  • Staub, der wirbelt
    von ockham's razor am 18.04.2012 um 12:42
    Ich befürchte, hier wurde in der Folgeausgabe des VKI eine Gelegenheit verpasst, sich für einen durch tendenziöse "Testberichterstattung" entstehenden Imageschaden an einer insgesamt engagiert und nach fundierten Grundsätzen arbeitenden Berufsgruppe zu entschuldigen. Der VKI könnte sich überlegen, ob es stattdessen nicht angebracht wäre, die Öffentlichkeit besser über Nutzen und Chancen wissenschaftlich fundierter Methoden und Praktiken der Physiotherapie zu informieren. Bei seinen Recherchen würde er zB. entdecken, dass die Physiotherapie über ihre allgemein anerkannte Rolle in der Reha nach Eingriffen, Verletzungen oder Schlaganfällen weit hinausgeht und nicht unwesentlich dazu beiträgt, unnötiges Leid bzw. konkret auch unnötige Kosten(lawinen) im Gesundheitssystem zu verhindern. Statt sich in diesem Bereich lediglich als verlängerter Arm bzw. Kontrollorgan von Funktionären zu verstehen, wäre der VKI gut beraten, die Verbreitung seines Mediums für die bessere Aufklärung der Bevölkerung bzw. Konsumenten zum Beispiel darüber zu nutzen, wie Österreich im internationalen Vergleich bzgl. der Statistik operativer Eingriffe im Bewegungsapparat da steht, und was das im Klartext für Patienten mit Schmerzen und Beschwerden im Bewegungsapparat bedeuten kann. Ohne Übertreibung kann gesagt werden, dass ein Gegengewicht zur Arbeit der Lobby von Prothetik-, Schmerzmittel- und Psychopharmakaindustrie hierzulande fehlt, da nur unzureichend bzw. in manchen Bundesländern teilweise überhaupt nicht über die Möglichkeiten konservativer, nicht medikamentöser und vor allem kausal ausgerichteter Therapien aufgeklärt wird. Die Kritik des European Health Forums spricht hier klare Worte: http://salzburg.orf.at/news/stories/2504363/ Solange der VKI sich zu Befangenheit und einseitiger Berichterstattung verleiten lässt im Rahmen eines Fachgebiets, in dem er keine weitergehenden Kompetenzen in Form zB. eines Sachkundigen aus der Berufsgruppe der Physiotherapeuten nachweisen kann, wird er sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen müssen, parteiisch zu agieren, und die Konsumenten von schwerwiegenden Problematiken (siehe Statistik im Link) abzulenken bzw. darüber im Dunkeln zu lassen. Gerade hier aber könnte die Arbeit derjenigen, die behaupten, sich die Interessen der Konsumenten auf die Fahne geschrieben zu haben, helfen, Positives zur Aufklärung der Öffentlichkeit beizutragen, unnötiges Leiden zu sparen und Licht ins Dunkel von industriellen Machenschaften zu bringen. Dazu ist aber vor allem eine Unabhängigkeit seitens des Konsumentenschutzes notwendig - das schliesst politische Beeinflussung, welche in der Struktur des VKI jedoch nicht von der Hand zu weisen ist, mit ein.
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