KONSUMENT.AT - Physiotherapie: Reaktionen auf den Test - Leserreaktion:</br> Barbara Prechelmacher, Ergotherapeutin

Physiotherapie: Reaktionen auf den Test

Verbände, Therapeuten, Patienten

Seite 15 von 18

Nächsten Inhalt anzeigen
veröffentlicht: 28.03.2012, aktualisiert: 05.07.2012

Inhalt

Leserreaktion: Barbara Prechelmacher

Seit Jahren bin ich Abonnentin des Konsument und schätze dessen Arbeit sehr. Über den Test Physiotherapie und zugehörigen Artikel bin ich leider sehr entsetzt. Um meine Position klarzulegen: ich bin einerseits Patientin andererseits freiberufliche Ergotherapeutin, also eine verwandte aber nicht betroffene Berufsgruppe. Ich habe den Eindruck, dass hier weder eine grundlegende Auseinandersetzung mit dem Thema Physiotherapie noch mit Medizin/Heilwirkung erfolgt.

1. Auch an der Objektivität habe ich gewisse Zweifel wenn ich lese, dass der Hauptverband der Sozialversicherungsträger mitfinanziert. Ich zitiere aus ihrem Artikel: „Das Testergebnis bestätigt die Vermutung der Krankenkassen.“ Ich habe den Kommentar von Konsument dazu gelesen und habe an der Vorgangsweise (Praxisauswahl…) selbst nichts auszusetzen.

2. Allerdings wird von Seiten der verschiedenen Krankenkassen regelmäßig nach Möglichkeiten gesucht, Kosten zu sparen z.B. Therapien(nicht nur Physiotherapie) zu kürzen oder vor der chefärztlichen Bewilligung von Patienten aufwendige und teilweise kostenintensive Befunde zu verlangen.

Auch wenn keine direkte Beeinflussung stattfindet ist eine dermaßen verallgemeinernde negative Darstellung Wasser auf die Mühlen derer, die Wege zur Kosteneinsparung suchen und ich befürchte dass es für Patienten in Folge schwieriger wird, Therapien zu erhalten.

3. Leider wird von Ihnen nicht unterschieden, ob es sich um ein physikalisches Institut oder um eine/n freiberuflichen TherapeutIn handelt. Der Unterschied ist für Patienten bedeutsam: in einem physikalischen Institut werden in kurzer Zeit möglichst viele Patienten behandelt, es arbeiten dort auch Heilmasseure (passiven Maßnahmen – bis zu drei Patienten werden gleichzeitig von 1Person betreut) , Heilgymnastik wird von Physiotherapeuten durchgeführt. Es kommt häufig zu Therapeutenwechsel, dadurch und durch den Zeitdruck ist eine individuelle Betreuung nur bedingt möglich. Freiberufliche Therapeuten arbeiten als Einzelunternehmer, sind auf Heilgymnastik spezialisiert und wenden in diesem Rahmen auf die Patienten abgestimmt passende Methoden und Konzepte aus, sowohl aktive als auch passive, die vorbereitend für die aktiven Übungen wirken - ebenso wie Fango, Strom, Moor oder ähnlichen physikalischen Maßnahmen und diesen in der Wirkungsweise gleichwertig sind. Weiters können Sie individueller und gezielter auf die Beschwerden ihrer Patienten eingehen weil sie sich häufig mehr Zeit
(45 – 60 min)nehmen, was jedoch von den Krankenkassen nach einer Auseinandersetzung mit den Fachärzten für physikalische Medizin/ Instituten für physikalische Medizin nur mehr in seltenen Fällen bewilligt wird.

4. Mit ihrer Wortwahl stellen Sie eine ganze Berufsgruppe als Betrüger und Scharlatane dar. Detail am Rande: "Fälscht der Therapeut dann auch noch die Verordnung" bedeutet doch, der Therapeut manipuliert mechanisch die Verordnung und ändert z.B. den Text den der Arzt geschrieben hat – da klingt als wäre das gang und gäbe. An anderer Stelle ist ein einzelner Fall beschrieben (so ein Vorgehen lehne ich jedenfalls ab!) Man muß aber genau hinschauen um nicht einer Verallgemeinerung anheimzufallen.

5. Das Thema Komplementärmedizin ist wirklich ein schwieriges, da hier viel hineingepackt wird und es nicht leicht ist, die Spreu vom Weizen zu trennen. Ihre Darstellung weckt den Eindruck der überwiegende Teil namentlich CraniSacraltherapie, Osteopathie, Shiatsu hätten keine Heilwirkung, wären unwirksam und daher nur zum Wohlfühlen. Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass es einen Unterschied gibt, ob bei einer Methode die Wirkungslosigkeit nachgewiesen ist oder die Wirksamkeit (noch) nicht wissenschaftlich anhand von Statistiken bewiesen ist. Selbst in diesem Falle dauert es seine Zeit, bis Methoden Eingang in den Leistungskatalog dr Krankenkassen finden. Selbstverständlich ist ein wissenschaftlicher Beweis höchst wünschenswert. Leider kosten solche Studien viel Geld. An Wirksamkeitsstudien für Medikamente ist zwar von Pharmafirmen viel Geld da, für Therapiemethoden einen Geldgeber zu finden ist fast schon eine Kunst. Im therapeutischen Alltag wird daher viel auf Erfahrung zurückgegriffen.

6. Ich halte es für wünschenswert, wenn TherapeutInnen nach gewissen Maßstäben eine geeignete Methode selbst wählen, schließlich werden sie dafür ausgebildet, verbringen wesentlich mehr Zeit mit dem Patienten als der Arzt, sehen auch unmittelbar den Verlauf bzw. Erfolg und passen die Behandlung entsprechend an. Aus meiner eigenen Erfahrung als Patientin (Cervikalsyndrom, Einriss der Supraspinatussehne) kann ich nur bestätigen, dass die Kombination von klassischer Einzelheilgymnastik, Craniaosacraltherapie und Triggerpunktbehandlung bei mir die beste Wirkung gezeigt hat.

7. Letztendlich behandelt dieses Thema ein grundlegendes Paradigma in der Medizin: wissenschaftlich bewiesene Wirksamkeit einzelner Wirkstoffe / Faktoren / Methoden als Garantie für Heilerfolg oder ganzheitliche Herangehensweise mit Sicht auf Zusammenhängen, Lebensumfeld, Persönlichkeit, sowie Beziehungsebene zwischen Patient und Arzt/Therapeut. – wenn die "Chemie stimmt" (Medikament/Methode und
Beziehung) ist der Erfolg am Größten.

Ihr Artikel entspricht dem reduktionistischen Medizinverständnis, ich hoffe jedoch sehr, dass auch die anderen Faktoren und die so genannten "softskills" (– derzeit bekommen diese zunehmend Bedeutung für Führungspersonen im Management), die für die Therapie eine große Bedeutung haben von Ihnen berücksichtigt werden.

Barbara Prechelmacher

Bewertung

Wertung: 4 von 5 Sternen
33 Stimmen
Weiterlesen

Kommentare

  • Staub, der wirbelt
    von ockham's razor am 18.04.2012 um 12:42
    Ich befürchte, hier wurde in der Folgeausgabe des VKI eine Gelegenheit verpasst, sich für einen durch tendenziöse "Testberichterstattung" entstehenden Imageschaden an einer insgesamt engagiert und nach fundierten Grundsätzen arbeitenden Berufsgruppe zu entschuldigen. Der VKI könnte sich überlegen, ob es stattdessen nicht angebracht wäre, die Öffentlichkeit besser über Nutzen und Chancen wissenschaftlich fundierter Methoden und Praktiken der Physiotherapie zu informieren. Bei seinen Recherchen würde er zB. entdecken, dass die Physiotherapie über ihre allgemein anerkannte Rolle in der Reha nach Eingriffen, Verletzungen oder Schlaganfällen weit hinausgeht und nicht unwesentlich dazu beiträgt, unnötiges Leid bzw. konkret auch unnötige Kosten(lawinen) im Gesundheitssystem zu verhindern. Statt sich in diesem Bereich lediglich als verlängerter Arm bzw. Kontrollorgan von Funktionären zu verstehen, wäre der VKI gut beraten, die Verbreitung seines Mediums für die bessere Aufklärung der Bevölkerung bzw. Konsumenten zum Beispiel darüber zu nutzen, wie Österreich im internationalen Vergleich bzgl. der Statistik operativer Eingriffe im Bewegungsapparat da steht, und was das im Klartext für Patienten mit Schmerzen und Beschwerden im Bewegungsapparat bedeuten kann. Ohne Übertreibung kann gesagt werden, dass ein Gegengewicht zur Arbeit der Lobby von Prothetik-, Schmerzmittel- und Psychopharmakaindustrie hierzulande fehlt, da nur unzureichend bzw. in manchen Bundesländern teilweise überhaupt nicht über die Möglichkeiten konservativer, nicht medikamentöser und vor allem kausal ausgerichteter Therapien aufgeklärt wird. Die Kritik des European Health Forums spricht hier klare Worte: http://salzburg.orf.at/news/stories/2504363/ Solange der VKI sich zu Befangenheit und einseitiger Berichterstattung verleiten lässt im Rahmen eines Fachgebiets, in dem er keine weitergehenden Kompetenzen in Form zB. eines Sachkundigen aus der Berufsgruppe der Physiotherapeuten nachweisen kann, wird er sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen müssen, parteiisch zu agieren, und die Konsumenten von schwerwiegenden Problematiken (siehe Statistik im Link) abzulenken bzw. darüber im Dunkeln zu lassen. Gerade hier aber könnte die Arbeit derjenigen, die behaupten, sich die Interessen der Konsumenten auf die Fahne geschrieben zu haben, helfen, Positives zur Aufklärung der Öffentlichkeit beizutragen, unnötiges Leiden zu sparen und Licht ins Dunkel von industriellen Machenschaften zu bringen. Dazu ist aber vor allem eine Unabhängigkeit seitens des Konsumentenschutzes notwendig - das schliesst politische Beeinflussung, welche in der Struktur des VKI jedoch nicht von der Hand zu weisen ist, mit ein.