Physiotherapie: Reaktionen auf den Test

Verbände, Therapeuten, Patienten

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veröffentlicht: 28.03.2012, aktualisiert: 05.07.2012

Inhalt

Gesellschaft Osteopathie

Stellungnahme der Österreichischen Gesellschaft für Osteopathie

Sehr geehrte Damen und Herren!

Mit Interesse haben wir Ihren Artikel „Physiotherapeuten Daneben gegriffen“ zur Kenntnis genommen. Als „Österreichischer Gesellschaft für Osteopathie - OEGO“ wollen wir Stellung dazu nehmen, da Sie auch die Osteopathie unter den Methoden auflisten, die häufig an Stelle der Physiotherapie ausgeführt würden.

Vorbemerkung: Die Österreichische Gesellschaft für Osteopathie (OEGO) ist die Interessensvertretung der OsteopathInnen in Österreich. Sie vertritt ausschließlich OsteopathInnen mit einer mehrjährigen osteopathischen Ausbildung (teilweise mit akademischem Abschluss), die von der European Federation of Osteopaths (EFO) anerkannt ist.

In Ihrem Testbericht und dem beigestellten Kommentar werden einige Aspekte vermischt, die wir in der Folge nacheinander ansprechen wollen: Der rechtlichen Aussage des Artikels ist wenig hinzuzufügen: Die derzeitige Gesetzeslage verpflichtet PhysiotherapeutInnen, ausschließlich nach ärztlicher Verordnung, und im Sinne dieser Verordnung tätig zu werden.

Ob das im Sinne der PatientInnen ist, wie der Artikel suggeriert, sei dahingestellt: In den meisten anderen europäischen Ländern wird die Wahlfreiheit der PatientInnen als ein wichtigeres Recht betrachtet als das ärztliche Monopol. Dort haben die PatientInnen das Recht, direkt und ohne ärztliche Verordnung Therapie bei Angehörigen anderer – entsprechend ausgebildeter – medizinischer Berufsgruppen zu suchen. Entsprechende Statistiken aus diesen Ländern zeigen kein erhöhtes Risiko für die PatientInnen, allenfalls Ersparnisse für das Gesundheitssystem.
Auch bezüglich der Abrechnung ist die rechtliche Situation klar: Auf der Rechnung darf nur das stehen, was tatsächlich auch als Behandlung durchgeführt wurde, und „Gefälligkeitsrechnungen“ sind zu vermeiden.

Stellung nehmen wollen wir allerdings zu den medizinischen Aspekten des Artikels: Der „Konsument“ ist seit Jahren für seine überkritische Haltung gegenüber komplementärmedizinischen Methoden bekannt, ohne dass ähnlich strenge Kriterien auch für die Schulmedizin angewandt würden: Auch ein beträchtlicher Teil der in der Schulmedizin praktizierten, und von den Kassen bezahlten Diagnose- und Therapieverfahren ist nicht „evidence-based“, wird aber kaum je hinterfragt.

So könnte man zum hier diskutierten Artikel zum Beispiel fragen, wie viel Zeit sich die zuweisenden Ärzte für die Diagnose und Therapieempfehlung genommen hatten (und ob das auch der durchschnittlichen Dauer entspricht), oder welche Untersuchungsmethoden dabei angewandt wurden, und auf Grund welcher wissenschaftlichen Grundlage.

Die kritische Betrachtung komplementärer Methoden wird auch sehr undifferenziert vorgenommen: Medizinische Methoden wie Osteopathie, die durchaus teilweise wissenschaftlich fundiert sind, und die nur für Angehörige medizinischer Berufe in einer fünf- oder sechsjährigen Ausbildung erlernbar sind, werden in einem Atemzug mit Methoden genannt, die Laien in wenigen Wochenendseminaren lernen können.

Auch der Titel des Kommentars "Physiotherapie - Fatale Wirkungen" kann als unseriös und reißerisch bezeichnet werden: Im anschließenden Text ist weder von Risiken der Physiotherapie noch anderer komplementärmedizinischer Verfahren die Rede – geschweige denn von "fatalen Wirkungen“. Der Vergleich mit dem Apotheker, der Vitaminpillen anstatt Antibiotika verkauft, schien sogar dem Autor etwas peinlich zu sein. Die einschlägige Fachliteratur – ebenso wie die erfreulich niedrigen Prämien der Haftpflichtversicherungen – zeigen, dass das Risiko in den manuellen Therapieverfahren deutlich geringer ist als in den meisten anderen Bereichen der Medizin: von fatal also keine Rede.

Zusammenfassend stellen wir fest, dass der gesetzliche Rahmen, in dem Osteopathie derzeit in Österreich ausgeübt wird, für alle Seiten äußerst unbefriedigend ist: Während in anderen europäischen Ländern wie der Schweiz oder Frankreich Osteopathie als eigener Beruf mit klaren Ausbildungsstandards und dem Recht auf Erstkontakt geregelt ist, gibt es für österreichische PatentInnen und Osteopathen noch keine staatliche Regelung.

Nur ein klarer gesetzlicher Rahmen kann hier für die PatientInnen Orientierung und Sicherheit bieten, und den OsteopathInnen eine klare Struktur für die Ausübung ihres Berufes bieten. Die Österreichische Gesellschaft für Osteopathie (OEGO) informiert über die Methoden, Indikationen, Ausbildungskriterien der Osteopathie und das dahinterstehende philosophische Konzept.

Alle unsere Mitglieder sind auf www.oego.org gelistet und erfüllen die nationalen sowie europäischen Standards.

Im Falle von Missverständnissen, Versäumnissen oder gar Fehlverhalten eines Osteopathen/einer Osteopathin steht den PatientInnen unsere Schlichtungsstelle auf www.oego.org zur Verfügung. - Mit der Bitte um Veröffentlichung in der nächsten Ausgabe des "KONSUMENT" verbleibe ich im Namen des Vorstandes der OEGO

mit freundlichen Grüßen

Dr. Gabriele von Gimborn
Österreichische Gesellschaft für Osteopathie
Obfrau

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Kommentare

  • Staub, der wirbelt
    von ockham's razor am 18.04.2012 um 12:42
    Ich befürchte, hier wurde in der Folgeausgabe des VKI eine Gelegenheit verpasst, sich für einen durch tendenziöse "Testberichterstattung" entstehenden Imageschaden an einer insgesamt engagiert und nach fundierten Grundsätzen arbeitenden Berufsgruppe zu entschuldigen. Der VKI könnte sich überlegen, ob es stattdessen nicht angebracht wäre, die Öffentlichkeit besser über Nutzen und Chancen wissenschaftlich fundierter Methoden und Praktiken der Physiotherapie zu informieren. Bei seinen Recherchen würde er zB. entdecken, dass die Physiotherapie über ihre allgemein anerkannte Rolle in der Reha nach Eingriffen, Verletzungen oder Schlaganfällen weit hinausgeht und nicht unwesentlich dazu beiträgt, unnötiges Leid bzw. konkret auch unnötige Kosten(lawinen) im Gesundheitssystem zu verhindern. Statt sich in diesem Bereich lediglich als verlängerter Arm bzw. Kontrollorgan von Funktionären zu verstehen, wäre der VKI gut beraten, die Verbreitung seines Mediums für die bessere Aufklärung der Bevölkerung bzw. Konsumenten zum Beispiel darüber zu nutzen, wie Österreich im internationalen Vergleich bzgl. der Statistik operativer Eingriffe im Bewegungsapparat da steht, und was das im Klartext für Patienten mit Schmerzen und Beschwerden im Bewegungsapparat bedeuten kann. Ohne Übertreibung kann gesagt werden, dass ein Gegengewicht zur Arbeit der Lobby von Prothetik-, Schmerzmittel- und Psychopharmakaindustrie hierzulande fehlt, da nur unzureichend bzw. in manchen Bundesländern teilweise überhaupt nicht über die Möglichkeiten konservativer, nicht medikamentöser und vor allem kausal ausgerichteter Therapien aufgeklärt wird. Die Kritik des European Health Forums spricht hier klare Worte: http://salzburg.orf.at/news/stories/2504363/ Solange der VKI sich zu Befangenheit und einseitiger Berichterstattung verleiten lässt im Rahmen eines Fachgebiets, in dem er keine weitergehenden Kompetenzen in Form zB. eines Sachkundigen aus der Berufsgruppe der Physiotherapeuten nachweisen kann, wird er sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen müssen, parteiisch zu agieren, und die Konsumenten von schwerwiegenden Problematiken (siehe Statistik im Link) abzulenken bzw. darüber im Dunkeln zu lassen. Gerade hier aber könnte die Arbeit derjenigen, die behaupten, sich die Interessen der Konsumenten auf die Fahne geschrieben zu haben, helfen, Positives zur Aufklärung der Öffentlichkeit beizutragen, unnötiges Leiden zu sparen und Licht ins Dunkel von industriellen Machenschaften zu bringen. Dazu ist aber vor allem eine Unabhängigkeit seitens des Konsumentenschutzes notwendig - das schliesst politische Beeinflussung, welche in der Struktur des VKI jedoch nicht von der Hand zu weisen ist, mit ein.
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