KONSUMENT.AT - Recht auf Reparatur - Rechtliche Rahmenbedingungen

Recht auf Reparatur

Nachhaltiges Interview mit iFixit

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KONSUMENT 2/2021 veröffentlicht: 28.01.2021

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Mit all den Auswirkungen auf die Umwelt ... Plädieren Sie hier für Markteingriffe?
Ich sehe das gar nicht so sehr als einen Eingriff in den Markt. Wenn man als Gesellschaft sagt, ganz plakativ: "Wir möchten keine Löcher mehr buddeln und dort ­irgendwelchen Elektroschrott reinschmeißen", dann ergeben sich ganz automatisch gewisse Anforderungen an Produkte. Es ist absolut angemessen, wenn gewisse Minimalstandards der Reparierbarkeit gefordert werden. 

Niemand würde ein Auto kaufen, wenn der Hersteller ihm de facto verbieten würde, die Reifen selbst zu wechseln ...
Im Automobilbereich ist es wie selbstverständlich etabliert, dass ich die freie Wahl habe, wo ich meine Reifen wechsle. Ich kann es bei meinem Händler machen lassen, ich kann es selbst machen. Oder bei einer freien Werkstatt, wo auch dieselben Geräte verwendet werden (also Werkzeuge, Analyse-Software etc.) wie bei einer Vertragswerkstatt. All das wurde ­irgendwann mal geregelt. Im Elektronik­bereich gibt es diese Regelung nicht. Wenn Sie zu einem Händler gehen, um eine ­Marken-Waschmaschine warten zu lassen, dann hat dieser Händler die entsprechende Software. Aber ein freier Reparaturanbieter hat sie wahrscheinlich nicht. 
Warum überhaupt reparieren? Neue Produkte sind doch so viel energieeffizienter, heißt es allerorts. Da tut man doch mit einem Neukauf etwas für die Umwelt, oder? Ja, das ist nicht falsch. Man muss sich nur ganz genau anschauen, von welchen Produkten die Rede ist. Es gibt viele Produkte, bei denen in der Zeit der Nutzung der Energie- und Ressourcenverbrauch relativ hoch ist: Das betrifft langfristige Konsumgüter wie z.B. ein Automobil. Bei den Elek­tronikprodukten und stark miniaturisierten Produkten ist es häufig genau andersherum. Dort ist der größte Teil des Schadens schon passiert, wenn man das Produkt herstellt. Was viele Menschen nicht recht glauben möchten, denn sie haben ja nur 100 Gramm Technologie in der Tasche. Smartphones ­f­ühlen sich so harmlos an. 

Wie lange müsste man ein Smart­phone nutzen, ehe man es durch ein neues ersetzt?
Aus einer Umwelt-Optimum-Perspektive: sehr lange. Mindestens 10 Jahre. Es geht auch schnell – je nachdem, wie man es konkret berechnet – in Richtung 50 oder 100 Jahre. Das veranschaulicht die Dramatik. Wenn man es als Konsument bescheidener angehen will, dann kann man sich ja den Status quo am Markt anschauen. Ich nenne jetzt mal keine Marken. Aber man kann schauen: Gibt es „Best-Practice-Beispiele“? Wie lange sind Ersatzteile verfügbar? Wie lange wird der Software-Support im Vergleich versprochen? Schon so käme man einen Riesenschritt weiter. 

Ab März 2021 müssen Fernseher, ­Monitore, Kühlschränke, Gefrierschränke, Waschmaschinen, Wäschetrockner, Geschirrspüler und Beleuchtungsprodukte, die in der EU auf den Markt kommen, Mindestanforderungen an die Reparaturfähigkeit erfüllen („Ecodesign-Richtlinie“). Auch Ersatzteile müssen eine Zeit lang vorrätig gehalten werden. Ein großer Wurf?
Ich finde, das ist schon etwas sehr Wert­volles. Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Und es geht in ­weiterer Folge ­darum, auch für andere wichtige Produkt­gruppen (z.B. Smartphones und ­Tablets) solche Leitplanken zu installieren, die jetzt noch nicht existieren. 

Sie haben einen guten Marktüberblick: Geht das Produktdesign hin zu mehr Reparierbarkeit? Oder ist das Gegenteil der Fall?
Es gibt leider kein einheitliches Bild. Nicht einmal innerhalb einzelner Produktgruppen, z.B. bei den Smartphones. Und hier nicht einmal heruntergebrochen auf den jeweiligen Hersteller. Wir sehen einerseits ständig Smartphones, wo wir sagen: "Das ist wirklich schrecklich aus Sicht der Reparierbarkeit und Wartung! Daran hat wohl niemand groß gedacht beim Produktdesign." Und andererseits ­sehen wir – vielleicht sogar vom gleichen Hersteller – ein Produkt, wo wir sagen: "Das sind Konstruktionsprinzipien, die den Austausch kritischer Komponenten wie ­Akku oder Display durchaus erleichtern." Und dann sehen wir kleine Firmen, die sehr idealistisch sind und mit ihren Produkten eine echte nachhaltige Alternative bieten wollen (Anm. d. Red.: Als einziger Smartphone-Hersteller wurde Fairphone von ­iFixit mit der vollen Reparierbarkeit-Punktezahl bewertet).

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