KONSUMENT.AT - Schwarzarbeit: "Pfusch erhöht unseren Wohlstand" - Nur 2% würden Pfuscher anzeigen

Schwarzarbeit: "Pfusch erhöht unseren Wohlstand"

Interview mit Prof. Schneider

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KONSUMENT 3/2020 veröffentlicht: 21.02.2020, aktualisiert: 30.03.2020

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Man sagt: Schwarzarbeit ist die Steuerflucht des kleinen Mannes. In welchen Branchen entgehen denn dem Fiskus die größten ­Einnahmen aufgrund von Schwarzarbeit?
Ich pflege es etwas anders zu sagen: Der Pfusch ist die Steuerrebellion des kleinen Mannes. Der größte Bereich ist Hausbau inklusive Reparatur – auf die Bereiche Baugewerbe und Handwerk entfallen 39 Prozent des Pfuschvolumens. Das sind fast 9 Milliarden Euro.

Wie könnte man Schwarzarbeit ­wirkungsvoller bekämpfen? Mit mehr Kontrollen, mit drakonischeren Strafen?
Wie wollen Sie denn bei uns den Pfusch bekämpfen? Wollen Sie in jeden Haushalt einen Polizisten stellen? Das funktioniert natürlich nicht. Natürlich sollten Gesetze eingehalten werden. Aber Strafen sehe ich als hochproblematisch. Da fehlt es in der Bevölkerung an Verständnis.

Stichwort Kavaliersdelikt?
Ja, das Pfuschen wird als Kavaliersdelikt ­gesehen. Laut meinen langjährigen Um­fragen von zwei Dritteln der Österreicher. Da kommt sonst nichts heran, nicht einmal „zu schnell fahren auf der Autobahn“ (48 Pro- zent). Nur 5 Prozent würden es gutheißen, wenn man Pfuschern mit hohen Geldstrafen bei­kommen will. Und nur 2 Prozent würden Pfuscher selbst anzeigen. Es fehlt das ­Unrechtsbewusstsein. Da bringen Strafen wenig. Es geht auch um die Vorbildwirkung des Staates bzw. ganz allgemein von „denen da oben“. Es gibt auch im staatsnahen Bereich Zustände, die man heftig kritisieren kann. Und wenn man das als kleiner Arbeiter dann so liest, dann kommt die nachvollziehbare Reaktion: „Die sind nicht redlich, warum soll ich es auf Punkt und Beistrich sein?“ Und dann pfuscht er halt.

Wie kann man dann Schwarzarbeit bekämpfen?
Wirkungsvoller wäre es, Anreize zu setzen, dass im Pfusch erbrachte Leistungen in die offizielle Wirtschaft wandern. Zwei Drittel der Pfusch-Wertschöpfung stammen von Pfuschern, die einen offiziellen Job haben. Man könnte doch sagen: Ein bei einer Firma angestellter Handwerker darf Kleinaufträge ganz legal annehmen, z.B. den Klassiker tropfender Wasserhahn. Und es wird nur die Unfall- bzw. sonstige Versicherungsleistung fällig. Ähnlich funktioniert das in Deutschland bei der sogenannten Mini-Job-Regelung. Der Faktor Arbeit ist der teuerste ­Produktionsfaktor, auch deshalb wird so viel gepfuscht. Vieles beim Thema Schwarz­arbeit ist aber ohnedies Gewohnheitssache, sodass auch im politischen Prozess eigentlich wenig dagegen gemacht wird.

Können Sie in ein paar einfachen Sätzen erklären, wie Sie zu Ihren Studienergebnissen kommen?
Der erste Forschungsstrang ist die Individualbefragung. Bei mir werden 1.100 Österreicherinnen und Österreicher befragt. Natürlich hat man keine Garantie, dass die Leute korrekt antworten. Aber es gibt schon Möglichkeiten, da muss man geschickt ­fragen. Bei der Erstellung des Interview­leitfadens habe ich mit Sozialpsychologen zusammengearbeitet. Je mehr Leute man befragt, desto höher auch die statistische Wahrscheinlichkeit, dass die Antworten in der Summe korrekt sind.
Der zweite Forschungsstrang sind statistische Rechen­modelle. Das bekannteste: Ich analysiere, wofür die Österreicher Bargeld ausgeben. Man kann herausrechnen, wie viel Bargeld für Schwarzarbeit gebraucht wird. So kommt man auf eine Wertschöpfungs- bzw. BIP-Ziffer vom Pfusch.

Woher rührt es, dass die Schwarz­arbeit bzw. Schattenwirtschaft in Österreich „Pfusch“ heißt? Haben Sie eine Erklärung?
Nein, so gut kenne ich mich in der Sprachwissenschaft leider nicht aus. Aber ich bin sehr unglücklich mit dem Wort, weil es ja eigentlich schlechte Dienstleistung heißt.

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Kommentare

  • Das Problem ist die Bürokratie
    von kurmy31 am 01.05.2020 um 09:12
    Wir hatten vor einer Weile ein Au Pair (EU-Bürger, geringfügig beschäftigte Hausangestellte), d.h. nur Unfallversicherung und Pensionskasse abzuführen.
    Der administrative Aufwand war unglaublich hoch. Das Abrechnungssystem ELDA ist für Personen ohne Ausbildung zum Lohnverrechner kaum zu verwenden. Selbst in diesem einfachen Fall (und mit viel Recherche) habe ich praktisch jeden Monat Fehler bei der Abrechnung gemacht. Man hat Listen mit 50+ Einträgen vor sich, die Hälfte davon Abkürzungen, die nirgens erklärt werden. Die Mitarbeiter sind am Telefon meist freundlich, können sich aber nur zu ihrem Spezialgebiet äußern. Eine Benachrichtigung über fehlerhafte Eingaben läuft über ein separates System, für das man als Nicht-Unternehmer kaum Zugangsdaten bekommt.

    Insgesamt habe ich für 4 Monate geringfügige Beschäftigung (mit einem mittlere zweistelligen Euro-Betrag an Abgaben) sicher 16 Stunden mit Anträgen, Abrechnungen und Kommunikation mit der GKK verbracht.

    Ich bin gerne bereit, alle vorgeschriebenen Steuern und Abgaben zu zahlen. Aber bitte nicht so.
  • Der Herr
    von Grouper am 29.02.2020 um 16:00
    hat einen sehr situationselastischen Zugang zum Thema Pfusch. Überspitzt formuliert: Alles, was ihm nutzt, ist moralisch einwandfrei.

    Er sollte mal bei der Finanzpolizei und bei der Sozialversicherung nachfragen, was die so über die Hinterziehung von Sozialversicherungsbeitägen denken. Und die Frauen, die später jammern, dass sie so wenig Rente erhalten und dann eine - von anderen finazierte - Ausgleichszulage erhalten.

    Bravo, Herr Professor.
  • Pfusch
    von freundorfer1 am 22.02.2020 um 09:27
    Gute Darstellung dieses Phänomens. Der Titel des Beitrags "Pfusch erhöht unseren Wohlstand" bringt es auf den Punkt.